Interview

„Es ist eine sehr schwere Zeit für Musiker“

Ohne Publikum und unter strengen Auflagen gehen die Maiklänge in diesem Jahr über die Bühne. Als Trost ist eine Radioübertragung geplant. Für Musiker wie Nabil Shehata ist dies eine außergewöhnliche Situation.
15.05.2020, 16:31
Lesedauer: 5 Min
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Von Susanne Ehrlich
„Es ist eine sehr schwere Zeit für Musiker“

Freut sich trotz vieler Einschränkungen auf die Maiklänge: Nabil Shehata, künstlerischer Leiter des Kammermusikfestes.

Björn Hake

Die Maiklänge sind ja sozusagen nur halb abgesagt – ein großer Teil des Programms wird in der DoG-Aula erklingen, nur eben ohne Publikum. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Nabil Shehata: Wir wollten die Maiklänge 2020 nicht einfach ganz aufgeben und haben unsere Entscheidung sehr lange herausgezögert, denn die Musiker hatten ja sowieso nichts anderes vor und konnten flexibel reagieren. Der Radiosender Deutschlandfunk Kultur, der ja auch im vergangenen Jahr Konzertaufzeichnungen mit uns gemacht hatte, nahm dann mit uns Kontakt auf, und so entstand die Idee, zwei Konzerte nur fürs Radio zu spielen. Alle Musiker waren begeistert - das ist eine völlig neue Erfahrung für uns.

Zwei statt vier Konzerte – da musste ja einiges aus dem Programm wegfallen. Wie haben Sie die Auswahl getroffen?

Das hat sich automatisch daraus ergeben, dass wir ein Programm mit drei Bläsern geplant hatten. Doch gerade sie dürfen derzeit nicht einmal proben und auch keine Konzerte einspielen, weil man davon ausgeht, dass sie ihre Atemluft besonders weit ausstoßen. Deswegen mussten das Beethoven-Septett und das Schubert-Oktett schon mal wegfallen – zwei Highlights des Programms, die wir im nächsten Jahr dann nachholen werden.

Und es gibt ja noch weitere Einschränkungen.

Ja, es dürfen zur Zeit auch keine Musiker aus dem Ausland anreisen, so dass wir auch die Besetzung ändern mussten. Für die beiden Cellisten aus Armenien und Israel sprangen Claudio Bohorquez und Tim Park ein, die eigentlich in dieser Zeit andere Konzertverpflichtungen gehabt hätten, sich nun aber riesig freuen, dabei zu sein, ebenso wie Gareth Lubbe, der für den französischen Bratschisten Adrien La Marca einspringt.

Sie werden diesmal viel weniger Zeit zu proben haben – auch Proben dürfen nur eingeschränkt stattfinden.

Genau, deshalb haben wir auch fünf Duos und zwei Trios im Programm, und nur für das Dvorak-Quintett und das Glinka-Sextett müssen sehr strenge Proben- und Aufführungsbedingungen eingehalten werden.

Wie wird das aussehen?

Wir müssen zum Beispiel für jedes Stück die Abstände zwischen den Musikern exakt auf die Bühne zeichnen. Es ist sogar festgelegt, wo jedes einzelne Wasserglas steht, und in den Proben dürfen wir nicht zusammen Kaffee trinken und nicht als Gruppe zusammen stehen. Das wird sicher sehr merkwürdig. Aber in diesen Tagen ist eben alles anders.

Was bedeutet es überhaupt für Sie und Ihre Kollegen, mit den vielen Absagen und Ungewissheiten zu leben?

Das ist eine sehr schwere Zeit für Musiker. Denjenigen, die eine feste Stelle an einer Hochschule oder in einem Orchester haben, geht es den Umständen entsprechend gut. Aber viele meiner Kollegen sind ausschließlich international mit Konzerten unterwegs. Und das heißt, dass sämtliche Einnahmen einfach wegfallen, und niemand weiß, wann es wieder losgeht. Diese Ungewissheit ist sehr hart.

Kommen denn die staatlichen Hilfen an?

Ja, alle Musiker, deren Einkommen weggefallen sind, haben 5000 Euro erhalten, das ging sehr schnell und war eine sehr wertvolle Hilfe. Aber nun weiß keiner, wie es weiter geht. Die Musiker planen ihre Auftritte immer mindestens ein Jahr im Voraus. Jeder Euro ist fest eingeplant. Wenn man nur von Konzerten lebt, müssen alle Lebenskosten von den Honoraren bestritten werden. Es gibt viele Familien, in denen beide Partner freie Konzertmusiker sind.

Jetzt wird auch über anteilige Ausfallhonorare geredet.

Ja, es soll wohl bis zu einem Honorar von 1000 Euro 60 Prozent des Honorars geben und darüber dann nur noch 50 Prozent.

Da gibt es aber doch riesige Unterschiede. Das wäre ja reichlich ungerecht, wenn jemand wie Anne-Sophie Mutter die Hälfte eines gigantische Honorars bekommt und ein Streichquartett die Hälfte von 2000 Euro geteilt durch vier.

Die Hilfe ist wohl gedeckelt. Der Höchstsatz, den man erhalten kann, sind 2400 Euro. Aber das Finanzielle ist auch nur eines der Probleme. Es fehlt einfach, dass man zusammen Musik macht und Auftritte hat.

Nun gibt es viele Musiker, die das zu kompensieren versuchen, indem sie online musizieren.

Ja, zum Beispiel die Wohnzimmer-Konzerte, aber ich finde das nicht wirklich befriedigend. Mir macht so etwas keinen Spaß. Für mich hat es viel mehr Sinn, in die Zukunft zu denken. In Siegen bereiten wir uns jetzt bereits auf ein erstes Konzert vor und hoffen, dass wir möglichst bald unter neuen Bedingungen starten können. (Anm. der Redaktion: Shehata wurde im vergangenen Jahr Chefdirigent der Philharmonie Südwestfalen in Siegen.)

Das Publikum spielt für Sie beim Musizieren also eine völlig unverzichtbare Rolle. Aber diesmal müssen Musiker und Publikum aufeinander verzichten. Was können die Fans der Maiklänge denn dafür tun, dass kein allzu großer Schaden entsteht und es im nächsten Jahr mit voller Kraft weiter gehen kann?

Es wäre natürlich gut, wenn nicht alle ihre Karten zurückgeben würden. Die Umwandlung in eine Spende ist über dasselbe Formular möglich, das man auf der Homepage des Domgymnasiums oder bei der Tourist-Information erhält. Man kann auch nur einzelne Karten spenden. Für alle Spender haben wir uns ein kleines Dankeschön ausgedacht: Am Ende des zweiten Konzerts am Sonntag werden wir ganz exklusiv ein Video aufnehmen, das wir an die angegebenen E-Mail-Adressen senden. So kann man uns wenigstens einmal kurz sehen. Was wir spielen, soll eine Überraschung sein.

Wie fühlt es sich denn überhaupt für Sie an, ein Konzert nur für den Rundfunk zu spielen und kein Publikum zu sehen?

Ich habe sowas ja selber noch nicht erlebt. Es wird so ähnlich sein wie eine sehr konzentrierte Probe – aber man weiß trotzdem, dass der Hörer da ist. Die Kommunikation muss eben über die Musik laufen.

Können Sie sich denn trotzdem auf die diesjährigen Maiklänge freuen?

Ja, es ist natürlich ein bisschen surreal, aber auch ein schönes Gefühl. Ich habe seit langem mit niemandem mehr Musik gemacht. Man hört sich immer nur alleine. Wie sich das anfühlt, endlich wieder Musik zu hören, die man gemeinsam spielt, werden wir erst begreifen, wenn wir wirklich in den Proben sitzen.

Auf merkwürdige Weise erhält in diesem Jahr ein ursprüngliches Motto der Maiklänge besondere Bedeutung, nämlich das „Treffen mit Freunden“. Wie wichtig ist dieser Aspekt für Sie?

Unheimlich wichtig. Wir mussten ja so lange auf jeden Kontakt verzichten. Alle Musiker waren überglücklich, als sie erfuhren, dass sie nach Verden kommen und sich mit ihren Freunden und Wegbegleitern treffen können.

Auch dieses Treffen wird allerdings sehr anders sein.

Ja, das wird komisch werden, wir dürfen uns nicht richtig begrüßen, uns nicht in den Arm nehmen, nicht zusammen Poker spielen. Ich bin jedenfalls ungeheuer gespannt auf dieses Wochenende.

Das Interview führte Susanne Ehrlich.

Info

Zur Person

Nabil Shehata

ist ehemaliger Schüler des Domgymnasiums und heute weltweit anerkannter Kontrabass-Virtuose und Dirigent. Er ist der musikalische Leiter der Maiklänge, die er selbst 2017 ins Leben rief. Das diesjährige Festival mussten wegen der Corona-Epidemie abgesagt werden. Eine Rundfunkübertragung zweier Konzerte soll Publikum und Musiker ein klein wenig für diese Enttäuschung entschädigen.

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