„Keimzelle“ des Jugendarrests

Justizministerin besucht Verdener Jugendarrestanstalt

Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU) hat die Einrichtung an der Stifthofstraße besucht. Sie gilt als „Keimzelle“ des niedersächsischen Jugendarrests.
29.10.2019, 16:53
Lesedauer: 3 Min
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Justizministerin besucht Verdener Jugendarrestanstalt
Von Jörn Dirk Zweibrock

Komfortabel sieht anders aus: Im Gegensatz zum „Jugendknast“ gibt es in den Zellen der Verdener Jugendarrestanstalt keinen Fernseher. Lediglich im Schulungsraum steht ein Flachbild-TV. Jeden Abend dürfen die Arrestanten dort die Nachrichten schauen, allerdings nicht mehr die Tagesschau, denn ab 19 Uhr ist bereits Einschluss. Mit den politischen Inhalten beschäftigen sich die jungen Menschen im Alter von 14 bis 24 Jahre dann am folgenden Tag im Unterricht. Die Jugendarrestanstalt kooperiert diesbezüglich eng mit der Kreisvolkshochschule.

Verden ist „die Keimzelle“ des niedersächsischen Jugendarrests, quasi „die Mutter aller Anstalten“. Leiterin Kerstin Buckup ist neben Verden auch für die Standorte Nienburg, Neustadt am Rübenberge, Emden und Göttingen zuständig. Ihr Büro befindet sich an der Stifthofstraße in Verden. Bei ihrem „Antrittsbesuch“ hat sich Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU) nun ein Bild von der einzigen Jugendarrestanstalt des Landes Niedersachsen gemacht. „Der Jugendarrest hat eine nicht zu verachtende erzieherische Wirkung“, betonte die Ministerin. Die Christdemokratin muss es ja wissen, schließlich war sie 15 Jahre lang Jugendrichterin.

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Die insgesamt vier Verdener Außenstellen sind quer über das Bundesland Niedersachsen verstreut, was für die Anstaltsleitung natürlich immer wieder eine Herausforderung darstellt. Doch Havliza ist eine Befürworterin der dezentralen, sprich familiennahen Unterbringung. Schulverweigerer machen Kerstin Buckup zufolge den größten Teil der Arrestanten aus. Am Standort Verden sei jedenfalls das Beste aus den vorhandenen Räumlichkeiten gemacht worden, lobte die Ministerin beim gemeinsamen Rundgang mit der hiesigen Landtagsabgeordneten Dörte Liebetruth (SPD). Insbesondere der sogenannte Kreativraum hatte es ihr angetan. Aufgrund der digitalen Abstinenz gelangen die Arrestanten in Verden sogar ans Lesen. „Sie beginnen mit Comics und arbeiten sich dann zu den Büchern vor“, erläuterte die Anstaltsleiterin. Auch Tageszeitungen seien im Jugendarrest heiß begehrt.

Der Jugendarrest ist vom Wochenendarrest bis zum Dauerarrest zwischen einer und vier Wochen unterteilt. Niedersachsenweit befinden sich nach Aussage von Kerstin Buckhup jährlich zwischen 2500 und 2800 junge Menschen in Jugendarrest. Die durchschnittliche Verweildauer betrage dabei sieben Tage. „Der Arrest ist vor der Jugendstrafe die zweithöchste Sanktionsstufe“, betonte die Justizministerin. Verhängt wird er vom Jugendgericht. Nach einmaligem Schulschwänzen kommt natürlich noch kein Teenager in Arrest, dafür müssen die Jugendlichen schon etwas mehr „auf dem Kerbholz“ haben.

Sinnvollere Dinge als zu „klauen"

Zuvor versuchen je nach Eskalationsstufe erst einmal das Jugendamt oder die Polizei zu intervenieren. Der Entzug der Freiheit solle die jungen Menschen dazu motivieren, eine Schul- oder berufliche Ausbildung zu verfolgen, ihnen aufzeigen, dass es in der Freizeit sinnvollere Dinge gäbe als zu „klauen“, erklärte die Ministerin bei ihrem Besuch in Verden. Mit der Herkunft könne schließlich nicht immer alles entschuldigt werden.

Rund 80 Prozent der Arrestanten sind männlich. Nach Einschätzung der Experten fallen aber auch zunehmend Mädchen durch verbale oder körperliche Aggressionen auf. Diebstähle, Körperverletzungen – die Liste lässt sich beliebig fortführen. „Die Leute kennen ihren Jugendrichter also schon gut, bevor sie in Arrest kommen“, machte Barbara Havliza noch einmal deutlich. Sie gilt als Befürworterin des sogenannten Warnschussarrestes, der mit einer zur Bewährung ausgesetzten Jugendstrafe gekoppelt ist.

Eine spartanisch ausgestattete Einzelzelle in Verden misst gerade einmal sieben bis acht Quadratmeter, eine Doppelzelle hingegen um die 15 Quadratmeter. Telefon und Fernseher suchen die Arrestanten dort im Gegensatz zur Jugendstrafanstalt vergeblich. Das Smartphone müssen sie sofort beim „Einzug“ abgeben. Einer der Bestandteile des Jugendarrestes ist der klar strukturierte Alltag mit den stundenweisen Einschlusszeiten. Seit 2016 ist der Jugendarrest in Niedersachsen eine eigenständige Einrichtung. Bis zu 133 Arrestanten können dort ihren pädagogisch ausgestalteten Arrest verbüßen.

Bedienstete mit Erfahrungen in der Jugendarbeit

Die diplomierte Sozialarbeiterin Kerstin Buckup leitet die Jugendarrestanstalt Verden seit rund einem Jahr. Während landesweit insgesamt 120 Bedienstete im Jugendarrest arbeiten, sind es am Standort Verden 28. Die Ministerin weiß, wie wichtig für den Umgang mit den „renitenten“ Jugendlichen hochmotiviertes Personal ist. Aus diesem Grund haben viele der Bediensteten im Vorfeld Erfahrungen in der Jugendarbeit, beispielsweise im Verein, gesammelt. Obgleich mancher Kriminologe propagiert, dass es auch ohne Sanktionen geht, hat sich der Jugendarrest für Barbara Havliza als „erfolgsversprechende erzieherische Maßnahme“ etabliert.

Der Jugendarrest habe die anspruchsvolle Aufgabe, junge Menschen anzuleiten, künftig straffrei zu leben und ein Verständnis für die soziale Gemeinschaft zu fördern, sagte Barbara Havliza bei Buckups Amtseinführung 2018. Ein Brief, in dem sich ein ehemaliger Arrestant für seinen Aufenthalt in Verden bedankt, beweist, dass sich dieses ambitionierte Ziel zumindest teilweise erfüllt.

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