Rundgang über den jüdischen Friedhof am Tag des offenen Denkmals / Zeitreise in die Verdener Vergangenheit Kleine Steine auf den Gräbern

Die Menschen an geschichtsträchtige Gebäude und Plätze führen und sie somit auf die Bedeutung von deren Erhalt hinweisen, das soll an jedem zweiten September-Sonntag im Jahr der Tag des offenen Denkmals bewirken. Mehr als 7500historische Orte konnten gestern bundesweit besichtigt werden, in Verden wurde neben Rundgängen durch den Dom auch eine Führung über den jüdischen Friedhof angeboten.
09.09.2013, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Julia Vogel

Die Menschen an geschichtsträchtige Gebäude und Plätze führen und sie somit auf die Bedeutung von deren Erhalt hinweisen, das soll an jedem zweiten September-Sonntag im Jahr der Tag des offenen Denkmals bewirken. Mehr als 7500

historische Orte konnten gestern bundesweit besichtigt werden, in Verden wurde neben Rundgängen durch den Dom auch eine Führung über den jüdischen Friedhof angeboten.

n.

Umzäunt von einer hohen Backsteinmauer liegt am Ahornweg in Verden ein jüdischer Friedhof versteckt. Bäume säumen den Weg, der einmal längs über das Gelände führt, links und rechts davon stehen graue Grabsteine auf den Rasenflächen. Sie allein deuten auf die rund 120 Bürger aus Verden und Dörverden hin, die hier einst beerdigt wurden.

Nichts sonst grenzt die Gräber voneinander ab, keine Blumen schmücken sie. Das sei an jüdischen Begräbnisstätten nicht üblich, erklärte Günter Schmidt-Bollmann seinen Zuhörern gestern. Im Zuge des Tags des offenen Denkmals führte er sie über den Friedhof, übersetzte hebräische Inschriften, erklärte Symbole und brachte ihnen die jüdische Kultur näher.

Gräber ohne Blumenschmuck

Als eine Zeitreise in die ferne und die jüngere Vergangenheit Verdens bezeichnete Schmidt-Bollmann seinen Rundgang. Damit trifft er auch die Idee des Aktionstages, der in Deutschland erstmals 1992 durchgeführt wurde. Er soll Menschen an historische Gebäude und Plätze führen sowie ihnen zeigen, welche Bedeutung deren Erhalt und Pflege hat. Bundesweit hatten gestern mehr als 7500 geschichtsträchtige Orte ihre Tore geöffnet, in Verden wurden neben den Einblicken zur jüdischen Begräbnisstätte auch Führungen durch den Dom angeboten.

Den kleinen Friedhof im Wohngebiet am Ahornweg kennt Günter Schmidt-Bollmann sehr genau. Schon in seiner Jugend hatten ihn die hebräischen Texte auf den Grabsteinen fasziniert, sodass er später begann, jüdische Friedhöfe zu dokumentieren. Jedes Jahr führt er Besucher am Tag des offenen Denkmals über den Platz, damit er in Verden nicht in Vergessenheit gerät. Denn für Schmidt-Bollmann gilt dieser nicht nur als Denk-, sondern vor allem als Mahnmal an die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten im Zuge des Zweiten Weltkriegs.

„Der Friedhof wurde 1834 angelegt, der älteste Grabstein stammt aus dem darauffolgenden Jahr“, erzählte der Bremer, als er seine Gäste durch die Gräberreihen führte. Zuletzt sei 1969 jemand dort beerdigt worden. „Eine Nicht-Jüdin, die allerdings mit einem Juden verheiratet war und durch eine Sondergenehmigung des jüdischen Landesverbands an diesem Ort ihre letzte Ruhe finden durfte“, wie er erklärte. Heutzutage leben laut Schmidt-Bollmann keine Juden mehr in Verden, weshalb dort seit mehr als 40 Jahren niemand mehr bestattet wurde.

Vereinzelt kann man kleine Steine an den Gräbern sehen, die einzige Art von Schmuck auf jüdischen Friedhöfen. „Das hat eine lange Tradition“, so Schmidt-Bollmann. Ursprünglich habe man sie zur Abwehr von Kleintieren auf die Grabstätten gelegt. Heute zeugen sie davon, dass der Friedhof immer noch hin und wieder besucht wird. „Zu einer meiner Rundgänge war sogar ein 90-Jähriger aus Hannover nach Verden gereist, weil seine Vorfahren hier begraben liegen“, erzählte er.

Eine persönliche Bindung zog auch am vergangenen Sonntag eine Verdener Rentnerin zur Führung von Schmidt-Bollmann. „Meine Eltern haben den Friedhof in den Dreißigerjahren gepflegt und mich als Kind dahin mitgenommen“, erinnerte sie sich.

Mehr Bäume hätten damals auf dem Gelände gestanden, ringsherum habe es noch keine Häuser, sondern weite Felder gegeben. Die Atmosphäre unter den Menschen, die den Friedhof damals besuchten, beschrieb sie als familiär. „Ich laufe oft hier vorbei“, sagte sie. „Da kommen viele Kindheitserinnerungen bei mir hoch.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+