Maiklänge in Verden

Konzertreihe mit familiärer Atmosphäre

Die Maiklänge sind vorbei und das begeisterte Publikum kann auf Konzerte zurückblicken, die mal von einer spielerischen Leichtigkeit, mal von einem schwermütigen Zauber geprägt waren.
27.05.2019, 17:40
Lesedauer: 4 Min
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Von Susanne Ehrlich
Konzertreihe mit familiärer Atmosphäre

Als Duo mit Cello und Kontrabass bewiesen Nabil Shehata (links) und Claudio Bohór­quez atemberaubende Virtuosität und spielerische Leichtigkeit.

Björn Hake

Das waren die „Maiklänge 2019“: Zehn Musiker aus vier Kontinenten, Solisten von Weltrang, deren Alltag es ist, mit den ganz großen Orchestern der Welt zu konzertieren, trafen sich in Verden, um ein Musikfest zu gestalten, dessen Programm und musikalische Um­setzung in den bedeutendsten Metropo­len der Welt Bestand hätten.

Dazu kommt die einzigartig familiäre Atmosphäre, denn es ist die Freundschaft mit dem musikalischen Leiter Nabil Shehata, dem das Musikfest all diese glücklichen musikalischen Verbindungen verdankt. Und so flogen den sympathischen Musikern, die sich in den Pausen und nach den Konzerten unbe­fangen und fröhlich unter die Menge mischten, auch die Herzen des Publikums zu.

Musikalische Wanderung durch Italien

Die Sonntagsmatinée war eine sonnen­beglänzte Wan­derung durch die musika­lische Landschaft Italiens. Unter dem Motto „Südlich der Alpen“ erklang zum Auftakt Rossinis „Duetto D-Dur“ für Cello und Kontrabass, mit dem Nabil Shehata und Claudio Bohór­quez atembe­raubende Virtuosität und spielerische Leichtigkeit zeigten. In Shehatas Händen schien der Kontrabass gar nichts zu wie­gen; er stand von ganz allein und musste nur sanft angestrichen werden, um in tiefsten Tiefen zu singen und in rasan­ten Läufen aufgeregt zu parlieren. Das Cello musste in umso hö­here Lagen stei­gen und ereiferte sich, schmeichelte, klagte und stritt wie in der leidenschaft­lichsten Opernszene.

Zart und tänzerisch ging es weiter mit dem kurzen „Piccolo Valzer“ von Puc­cini, dessen Melodie später in der Arie der Musette in „La Bohéme“ wieder er­schien. José Gallardo spielte das Stück vom Schulflügel hinter dem Publikum, das mit dieser federleichten warmen In­terpretation wie von einem zärtlichen Südwind angeweht wurde.

Boris Brovtsyn, erst zu diesem Konzert angereist, spielte die erste Geige in Hugo Wolfs Italienischer Serenade mit Momo Hiber an der zweiten Geige, Konstantin Sellheim und Tim Park an Viola und Cello. Wie aus einem Guss, mit begeisterndem Spielwitz, gestalteten sie das liebevoll-ironische Rondo in geheimnisvoll gedämpften Klangfarben als virtuoses Kabinettstück.

Springlebendig, inspiriert und farben­reich war das Klarinettentrio des durch seine Filmmusiken bekannten italieni­schen Komponisten Nino Rota. Chen Halevi lieferte sich die spannendsten Rededuelle mit Bohórquez; beide In­strumente so gesanglich, dass man zu verstehen glaubte, was sie sagten. Mit geistreichen Kommentaren und einem Funkenregen perlender Läufe machte Gallardo das überragende Trio perfekt.

Wie ein Miniatur-Violinkon­zert gestaltet ist das „Gran Quintetto“ in C-Moll von Giovanni Bottesini. Natalia Lomeiko an der brillanten ersten Geige sowie Momo Hi­ber, Gareth Lubbe (Viola), Claudio Bo­horquez und Nabil Shehata begeisterten mit überströ­mender Musizierfreude, Eleganz und schwereloser Virtuosität.

Kontrastprogramm am Abend

Wie anders dann der Abend unter dem Motto „Die alten, bösen Lieder“! Das Programm der Soiree war den Opfern von Diktatur und totalitärer Willkür ge­widmet. Der tschechische Komponist Gideon Klein vollendete sein Streichtrio mit 26 Jahren in There­sienstadt – neun Tage vor der Depor­tation nach Ausch­witz. Momo Hiber, Konstantin Sellheim und Tim Park machten in ihrer er­schüttern­den Interpretation das unfass­bare Leid und die hoffnungslose Sehnsucht nach Leben hörbar.

Sergej Prokofjews „Ouvertüre über heb­räische Themen“ op. 34, komponiert im Jahr 1919, erzählt auf warmherzig le­bendige Weise von der Weisheit und Tiefe der hebräischen Musik. Unter der kundigen Führung von Halevis Klari­nette entfalteten Gallardo, Hiber, Sell­heim und Bohórquez den schwermütigen Zauber der überlieferten Weisen: Eine musikalische Verneigung vor den Opfern des Holocaust.

Musik, die keine Sonne gesehen hat

Sprachlos staunen ließ die Interpretation des Streichsextetts von Emil Schulhoff aus dem Jahr 1924 in dem er seine düs­teren Visionen in einen fahlen, gleichsam flüsternd schreienden Klang setzt. Disso­nanzen, pochende Qual, grelle Rufe – das ist Musik, die keine Sonne gesehen hat. Als Schulhoff-Spezialist saß Brovtsyn nun an der ersten Geige, und mit Lo­meiko sowie beiden Bratschisten und Cellisten lieferte er eine verstörend authentische Interpretation dieser Musik, die das kommende Grauen bereits vorausahnt. Meisterhaft gearbeitet waren die langen Pianissimo-Passagen: Ohne Dämpfer, nur mit perfekter Bogentechnik erreich­ten die Musiker den völlig bruchfreien, eindringlichen Flüster-Klang.

Mit dem Streichsextett, das Richard Strauss' Oper „Capriccio“ einleitet, wurde es wieder warm. Zu Lomeiko, Hiber und den dunklen Strei­chern ge­sellte sich Shehatas Kontrabass als Siebter im Sextett, und mit spätro­man­tisch schwelgerischem Lichter- und Melodienspiel waren die bösen Geister vorerst gebannt.

Zum fulminanten Abschluss der „Mai­klänge 2019“ wurde das Klaviertrio Nr. 2 e-Moll von Dmitri Schostakowitsch, über dessen Tiefe, Erfindungs- und Be­ziehungsreichtum Bände zu schreiben wären. Gallardo, Brovtsyn und Bohór­quez interpretierten das Werk, das als Epitaph für einen verstorbenen Freund komponiert wurde, mit einem beeindru­ckenden Arsenal an Klangfarben und ge­stalterischen Feinheiten. Vom lichten, weichen zwei­stimmigen Flageolett-Gesang der Einlei­tung über die trauern­den Kantilenen des Largo bis zu den dumpfen, spottenden Schlägen des den Gleichschritt parodierenden Finales herr­schte berstende Spannung. Das Ende war tiefe Resignation, die im Nichts erstarb. So bil­dete Schostakowitschs musikali­sches Mahnmal für die Freiheit des künstlerischen Geistes den eindrucks­vollen Abschluss der Mai­klänge.

Am Ende etwas Wehmut

In die lauten Bravorufe und ste­henden Ovati­onen, mit denen das Publikum zuerst dem Trio und dann allen Musi­kern für drei köstliche Tage im Kammermusik-Elysium dankte, mischte sich ein biss­chen Wehmut: Auf die vierte Auflage der Maiklänge im Jahr 2020 muss man nun ein langes Jahr warten!

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