Ärztliche Versorgung Landarzt-Quote gefordert

Die Kassenärztliche Vereinigung wirbt gezielt um junge Mediziner für die Provinz. 355 offene Hausarztsitze gibt es derzeit in Niedersachsen.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Landarzt-Quote gefordert
Von Jörn Dirk Zweibrock

Kein Wunder, dass sich junge Mediziner schwer damit tun, eine verwaiste Hausarztpraxis auf dem Land zu übernehmen. Erst schließt die Lotto-Annahmestelle, dann die Postfiliale, die Geschäftsstelle der Bank macht obendrein dicht und letztendlich auch noch der einzig verbliebene Nahversorger. Da erscheinen Großstädte mit ihrem reichhaltigen Kulturangebot und der guten Infrastruktur schon wesentlich attraktiver für Nachwuchsärzte. Das wissen auch die Verantwortlichen der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), Bezirksstelle Verden, und rühren deshalb ordentlich die Werbetrommel für Niederlassungen in der tiefen Provinz. Sieht die medizinische Versorgung im Landkreis Verden nach der Entspannung der Lage in Dörverden und Thedinghausen noch relativ gut aus – kratzt sogar an der Marke zur Überversorgung – gestaltet sich die Situation in den Nachbarlandkreisen hingegen schon etwas schwieriger.

„Die fehlende Wertschätzung und die Arbeitszeiten machen den Ärzteberuf unattraktiv“, weiß Hans-Walter Fischer, Vorsitzender des Verdener Bezirksausschusses. Zwei Trends macht Jörg Berling, Vize-Vorsitzender der KVN, derzeit aus: „Die Medizin wird weiblich und Ärzte arbeiten mittlerweile lieber im Angestelltenverhältnis.“ In der Tat, an den insgesamt drei Hochschulstandorten in Niedersachsen, wo junge Menschen Medizin studieren können (Oldenburg, Hannover und Göttingen), sind überwiegend Frauen eingeschrieben. Liegt daran, dass Mädchen nun einmal erfahrungsgemäß das bessere Abi bauen. Berling ist allerdings ein erklärter Gegner davon, angehende Medizinstudenten lediglich nach dem Notendurchschnitt auszuwählen. „Wir brauchen empathische Ärzte“, betont er.

Deshalb ist er auch ein großer Verfechter der sogenannten Landarzt-Quote wie es sie bereits in Nordrhein-Westfalen und Bayern gibt. Dafür müssten allerdings die Studienplätze für Medizin in Niedersachsen aufgestockt werden. „Die Landesregierung ist hier in der Bringschuld“, betont der stellvertretende Vorsitzende des KVN-Vorstandes. Die auch von Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) geforderte Landarzt-Quote stößt hingegen bei der niedersächsischen Ärztekammer auf Ablehnung. „Wenn ich eine Quote für Allgemeinmedizin schaffe, befördere ich einen Mangel bei anderen Disziplinen“, ist die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Martina Wenker, überzeugt.

Um dem Ärztemangel auf dem platten Land zu begegnen, betreibt die Kassenärztliche Vereinigung beispielsweise schon eine eigene Einrichtung im Emsland. Mit Förderungen (bis zu 75 000 Euro pro Niederlassung) und Umsatzgarantien in strukturschwachen Gebieten will die KVN junge Mediziner als Hausärzte ködern. „Ein Viertel der Ärzte arbeiten bereits angestellt“, weiß Berling. Mit der jüngst gestarteten Kampagne „KVNiederlassen“ sollen gezielt Mediziner für eine Niederlassung geworben werden.

In Sachen Akquise gehen auch manche Kommunen wie Hoya oder Landkreise wie die Gesundheitsregion Diepholz/Nienburg ihre eigenen Wege. Das von den Kreisen Diepholz und Nienburg ausgelobte Medizinstipendium trage mittlerweile die ersten Früchte, erklärte Michael Schmitz, Geschäftsführer der Bezirksstelle Verden. Ab 2020 setzt auch der Landkreis Verden ein Zeichen gegen den Ärztemangel, und zwar mit der Verteilung von Fortbildungsgutscheinen. Außerdem haben die KVN-Bezirksstellen Verden und Stade mit der Einstellung von Regional-Coaches ein auf zwei Jahre angelegtes Modellprojekt geschaffen. „Sie helfen unter anderem ausländischen Ärzten bei der Anerkennung ihrer Approbation“, schildert Schmitz. Um die Mediziner von Hausbesuchen zu entlasten, bieten sich unter anderem Video-Sprechstunden (Telemedizin) oder die Weiterqualifizierung der Arzthelferinnen zu nicht-ärztlichen Praxisassistentinnen an. „Auf insgesamt 18 Arztbesuche pro Kalenderjahr bringen es die Deutschen“, wissen die Verantwortlichen von der KVN.

Zurzeit gibt es insgesamt 58,5 offene Hausarztsitze im Bezirk Verden. Dazu gehören die Landkreise Verden, Nienburg, Diepholz, Heidekreis sowie der Altkreis Rotenburg. Zum Vergleich: Niedersachsenweit sind es aktuell 355.

Der Kreis Verden teilt sich in die Planungsbereiche Achim mit einem Versorgungsgrad im Höhe von 102,7 Prozent (drei offene Hausarztsitze) sowie Verden (108,5 Prozent bei einem offenen Hausarztsitz). Im hausärztlichen Planungsbereich Syke bewegt sich der Versorgungsgrad momentan bei 88,5 Prozent (9,5 offene Hausarztsitze). Im Altkreis Rotenburg liegt der Versorgungsgrad hingegen bei 99 Prozent. Dort sind derzeit fünf Hausarztsitze offen.

Auch bei den Fachärzten gibt es schon länger keine Ärzteschwemme mehr. „Das Durchschnittsalter liegt hier bei 55 Jahren“, erläutert Berling, dass künftig beispielsweise auch zunehmend Gynäkologen, Haut- oder Augenärzte in Pension gehen. Schmitz geht allerdings davon aus, dass die von KVN, Kreisen und Kommunen auf den Weg gebrachten Strategien gegen den Ärztemangel in rund sechs Jahren fruchten und es dann wieder zu einer neuen Ärzteschwemme kommt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+