Jugendarrestanstalt Verden

Landesgesetz sorgt für mehr "Zulauf"

Der Umgang mit jungen Straftätern ist durch ein Landesgesetz neu geordnet worden, das am 1. April in Kraft tritt. Das hat auch Folgen für die Jugendarrestanstalt Verden. Die wird mehr Insassen bekommen.
04.03.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Landesgesetz sorgt für mehr
Von Anna Zacharias

Der Umgang mit jungen Straftätern ist durch ein Landesgesetz neu geordnet worden, das am 1. April in Kraft tritt. Das hat auch Folgen für die Jugendarrestanstalt Verden. Die wird mehr Insassen bekommen.

Die Umrisse einer allbekannten schwarzen Fledermaus sind auf einem Bild an der Wand über dem Hochbett in der Zelle zu erkennen. Justin* ist Batman-Fan. Der 19-jährige Rotenburger sitzt für zwei Wochen in der Jugendarrestanstalt (JAA) Verden. Dieses Mal, weil er unter Drogen Roller gefahren und dabei an einer Tankstelle von der Polizei kontrolliert worden sei, wie er sagt.

Der Umgang mit jungen Straftätern ist durch ein Landesgesetz Ende Februar neu geordnet worden, das am 1. April in Kraft tritt. Bisher gab es für den Jugendarrest in Niedersachsen keine gesetzliche Regelung. Um die Rückfallquote zu verringern, sollen demnach Schulen, Jugend- und Arbeitsämter mit Arrestanstalten und Eltern stärker zusammenarbeiten. Die Haft wird künftig ausschließlich in den fünf Jugendarrestanstalten in Verden, Emden, Nienburg, Neustadt und Göttingen verbüßt. Bisher wurde der Kurz- und Freizeitarrest auch an Amtsgerichten nahe des Wohnorts vollzogen.

Inge Rzepucha-Sobotta koordiniert den Arrestvollzug in der Verdener Anstalt, die der JVA Vechta angeschlossen ist. Die Räume werden gerade modernisiert und sollen dann Platz für bis zu 45 junge Menschen im Alter von 14 bis 24 Jahren bieten. „Es werden im Jahr voraussichtlich insgesamt rund 300 Jugendliche mehr sein“, sagt sie. Die Mehrbelastung stelle für die Verdener Einrichtung aber kein Problem dar. Zurzeit seien nur 15 Plätze belegt. Die ersten Jugendlichen verbrachten im Oktober 2011 ihren Arrest hier, bis dahin diente das Gebäude an der Stifthofstraße als Untersuchungshaftanstalt.

Zum vierten Mal hinter Gittern

Ein Basketball- und Volleyballfeld auf dem Innenhof, eine Holzwerkstatt, der gemeinschaftliche Essensraum – in der JAA kennt sich Justin schon aus, denn er ist zum vierten Mal hinter Gittern. Warum er wieder hier gelandet ist? Der junge Mann fährt sich mit den Fingern durch das blonde Haar. „Es ist nicht einfach, wenn man draußen wieder mit seinen Leuten zu tun hat“, sagt er. Er habe sich aber fest vorgenommen, den harten Weg eines Entzugs zu gehen. Wen er für eine Therapie ansprechen muss, wisse er bereits. Statistisch gesehen werden – je nach Studie – zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Jugendlichen nach der Haft erneut straffällig.

Seine Zelle teilt sich Justin mit Stefan* (21) aus Buchholz, der an diesem Mittag neben ihm im Besprechungsraum sitzt. Er sei hier wegen schwerer Köperverletzung, erzählt er. „Das Schlimme ist – man hat einfach zu viel Zeit zum Nachdenken. Ich liege nachts oft wach“, sagt der junge Mann im schwarzen Kapuzenpulli.

Jeder Tag beginnt damit, dass die Insassen um 6.30 Uhr geweckt werden, dann gibt es Frühstück. Anschließend steht Schulunterricht oder Werken auf dem Plan, mittags gibt es eine Stunde Hofgang. „Die ersten drei Tage waren für mich die schlimmsten“, sagt Stefan, der zum ersten Mal hier ist. „Da war das Gefühl, eingesperrt zu sein, am stärksten“, meint der 21-Jährige und blickt aus dem vergitterten Fenster. Wie es zu seiner Tat kam, will er nicht erzählen. Er denke sehr viel an seine Familie, und wie es seinen Angehörigen jetzt gehe. Bald ist er wieder frei, dann wolle er seine zweite Chance auf jeden Fall nutzen und nicht wieder hier landen.

Was vielen besonders schwer fällt: im Arrest müssen sie ohne Smartphone und ohne Zigaretten auskommen. Wenn um 19 Uhr die Zellen zur Nachtruhe abgeschlossen werden, sei die Stille zum Teil unerträglich, meint auch Justin. „Unterhalten oder Karten spielen“ sagt er auf die Frage, was man in dieser Zeit außer Grübeln noch machen könne. Aber nicht alle haben das Privileg, zu zweit untergebracht zu werden. Was dann noch bleibt, ist nur das Radio, oder ein Buch aus der kleinen Bücherei.

So kooperativ und einsichtig wie Stefan und Justin zeigten sich bei weitem nicht alle Insassen, sagt Dienstleiter Michael Schmitz mit vielsagendem Blick. Junge Männer seien im Jugendarrest in der Überzahl, sagt der Mann in blauer Uniform. „Aber die Mädchen holen auf, auch in Sachen Körperverletzung, es ist nicht mehr wie vor zehn Jahren“ sagt . Diebstahl, Beleidigung, Drogenkonsum, Bedrohung – etwa ein Drittel der Insassen seien zur Zeit weiblich, sagt Schmitz.

Der Unterschied zu einem Kurzarrest im Amtsgericht, der bis zu vier Tage dauern kann, liegt in der JAA im Beschäftigungsprogramm. Es gibt Ernährungslehre, Kommunikationsseminare und Suchtprävention. Psychologen und Seelsorger betreuen außerdem die Gefangenen.

Und dann ist da noch Sozialarbeiterin Anika Modes. „Im Amtsgericht sitzt man einfach nur in der Zelle“, sagt sie. Die zierliche junge Frau arbeitet daran, dass die Jugendlichen möglichst nicht wieder rückfällig werden. Gerade bei Schulverweigerern sei es aber schwierig, die Eltern in den Prozess einzubeziehen. „Das ist oft nicht einfach. Meist ist es schwieriger, mit den Eltern zu reden als mit den Jugendlichen selbst“, sagt sie. Man wolle sich in Zukunft noch stärker vernetzen mit Jugendämtern und Jugendhilfeeinrichtungen, damit die Heranwachsenden noch in der Haft die Menschen kennenlernen, an die sie sich draußen wenden können.

Schulverweigerer, betont Rzepucha-Sobotta, um Missverständnisse aus der Welt zu räumen, kämen nicht in den Arrest, weil sie eine Woche die Schule geschwänzt haben. „Bis es zu einer Haftstrafe kommt, muss jemand schon ein ganzes Paket mitbringen“, sagt sie.

Michael Schmitz hält an diesem frühen Nachmittag die grüne Eisentür zur Zelle auf. „Müssen wir jetzt wieder rein?“ fragt Stefan, und Schmitz nickt. Dann steckt er den Schlüssel ins Schloss und dreht ihn um.

*Name von der Redaktion geändert.

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