Experten-Tipps

Großer Boom bei Fahrrädern

Die Corona-Krise sorgt für einen Fahrradboom. Besonders E-Bikes sind gefragter denn je. Gleichzeitig leidet der Radtrourimus weiterhin. Zum Start der neuen Radsaison geben Experte Tipps, was zu beachten ist.
26.04.2021, 17:15
Lesedauer: 4 Min
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Von Philipp Zehl
Großer Boom bei Fahrrädern

Haben alle Hände voll zu tun: Kariem Moustafa und sein Sohn Luca Haack von der Räderei in Verden.

Björn Hake

Sobald Sonnenstrahlen das triste Wetter verdrängen und es wärmer wird, beginnt die Fahrradsaison. Bevor das Auto für den Weg zur Arbeit gegen das Zweirad getauscht oder eine Tour angetreten werden kann, sollten die Räder auch technisch überprüft und auf Vordermann gebracht werden.

Für alle Fahrradtypen gilt, dass nach dem Winterschlaf unter anderem die Bremsen, Licht sowie der Reifendruck kontrolliert werden sollten. „Bereits im Januar und Februar sollte ein Rad für den Sommer fit gemacht werden“, sagt Luca Haack von der Räderei in Verden. Deshalb empfiehlt der Fachmann, das Zweirad nicht erst dann zu prüfen und gegebenenfalls zum Fachhandel zu bringen, wenn die Saison bereits begonnen hat. Denn wer später komme, müsse unter Umständen umso längere Wartezeiten in Kauf nehmen.

Apropos Wartezeiten. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Corona-Krise für einen Fahrrad-Boom gesorgt, der auch auf den Straßen im Landkreis Verden sichtbar ist. Beispielsweise sind E-Bikes beliebter denn je: „In diesem Jahr haben wir eine sehr starke Nachfrage nach E-Bikes“, verdeutlicht Haack. Dementsprechend bekomme der Fahrradladen kaum noch Modelle von den Großhändlern nachgeliefert. „Knapp 75 Prozent sind bereits ausverkauft“, erklärt der Sohn von Kariem Moustafa, Inhaber der Räderei. Manche Kunden würden sogar noch auf Bestellungen aus dem Oktober des vergangenen Jahres warten.

Ihm selbst sei auch aufgefallen, dass sich das Kaufverhalten der Kundschaft sehr verändert habe. Das Urlaubsgeld werde aktuell gerne in neue Fahrräder investiert. „Nach oben sind preislich keine Grenzen gesetzt“, sagt Haack. Eine stets aktuelle Software auf dem E-Bike zu haben, sei seiner Meinung nach nicht zwingend notwendig. Dies habe keinerlei Auswirkungen auf den Motor.

Starke Lieferengpässe

Mit der hohen Nachfrage an E-Bikes und den damit verbundenen Lieferengpässen hat auch das Fahrradies in Achim zu kämpfen. Dem Bedarf sei man schon immer hinterhergelaufen, betont Geschäftsführer Marcus Burdorf. Die Unternehmen seien vom Ausland abhängig, und bereits jetzt hätten manche Lieferanten mitgeteilt, dass bestellte Räder erst Mitte 2022 geliefert werden könnten. „Wer eins will, sollte sich beeilen“, sagt der Fachmann, der Radfahrern folgenden Tipp mitgibt: „Man sollte sein Rad in die Wartung geben, da oftmals viel Spezialwerkzeug benötigt wird“.

Burdorfs Aussage bestätigt auch Holger Behrmann, Geschäftsführer des gleichnamigen Radhauses in der Ortschaft Langwedel. Reparatur und Wartung seien komplizierter als vor 20 oder 30 Jahren. „Man kann sehr viel falsch machen, vor allem wenn man das Rad reinigt“, erklärt Behrmann. Falsches Reinigen könne beispielsweise die Scheibenbremse zerstören. Ein weiteres Problem derzeit sei, dass viele Hersteller eine Vorlaufzeit von 14 Monaten bei Ersatzteilen hätten. „Dementsprechend leer ist der Markt im Fahrrad- und E-Rad-Bereich“, erklärt Behrmann, dessen Radhaus es bereits seit 1933 gibt.

Holger Behrmann von Behrmanns Radhaus in Langwedel

Holger Behrmann vom gleichnamigen Radhaus in Langwedel kann sich derzeit ebenfalls nicht über fehlende Kundschaft beklagen.

Foto: Björn Hake

Da immer mehr Radbegeisterte sich dazu entscheiden, sich ein teures Zweirad zu kaufen, empfiehlt der Langwedler Fachmann, dass vor allem E-Biker auch in ein vernünftiges Schloss investieren sollten. „Wichtig ist, ein Fahrrad nicht nur abzuschließen, sondern auch anzuschließen“, betont er. Lediglich abgeschlossene Räder seien für Diebe leichte Beute.

Dass es immer mehr Radfahrer, insbesondere E-Biker, auf den Straßen im Landkreis gibt, ist auch der Polizei Verden aufgefallen. Deswegen sei gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr sehr wichtig, findet Anika Wrede, Verkehrssicherheitsberaterin der Polizei. Grundsätzlich sei jedes Rad vor Fahrtantritt auf die Verkehrstüchtigkeit zu prüfen.

„Bei E-Bike-Fahrern ist das Problem, dass diese von vielen Autofahrern als normale Radfahrer wahrgenommen werden. Jedoch erreichen sie eine deutlich höhere Durchschnittsgeschwindigkeit“, erklärt Wrede. Dadurch werde oftmals die Distanz zueinander falsch eingeschätzt. Deshalb sei wichtig, dass sich alle Fahrradfahrer an die geltenden Verkehrsregeln hielten. Dazu zähle besonders das Rechtsfahrgebot. „Wenn man auf der falschen Seite fährt und in einen Unfall verwickelt wird, kann man zivilrechtlich in Mithaftung genommen werden“, mahnt sie.

Weniger Unfälle und Radreisen

Positiv sei ihr aufgefallen, dass immer mehr Erwachsene einen Helm tragen würden. Wrede: „Während ein gebrochener Arm vermutlich wieder heilen wird, kann es bei Kopfverletzungen ganz anders aussehen“. Deshalb sei Eigenschutz wichtig. Hatte es 2019 noch 300 Unfälle mit Fahrrädern in der Region gegeben - 67 davon mit Pedelecs - betrug die Zahl der Fahrradunfälle im vergangenen Jahr 263 (davon 50 Unfälle mit Pedelecs). „Jedoch sind die Zahlen mit Vorsicht zu genießen“, mahnt Wrede. Aufgrund der Pandemie seien teilweise auch weniger Leute unterwegs gewesen. Dadurch seien die Unfallzahlen um 20 Prozent gesunken.

Gesunken ist auch die Zahl der Radreisen 2020. Während 35 Prozent weniger Radreisende im vergangenen Jahr (im Vergleich zu 2019) unterwegs waren, stieg dagegen die Anzahl der Tagesausflüge mit dem Rad um 40 Prozent an, teilt der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) mit. Dies sei auf die Pandemie zurückzuführen. „2020 war ein besonders schwieriges Reisejahr und hat uns gezeigt, wie wichtig der Radtourismus für Deutschland ist", sagt ADFC-Tourismusexpertin Janine Starke.

Viele Radfahrer sind dabei auf dem Weser-Radweg unterwegs gewesen, dessen fünfte (Nienburg über Dörverden nach Verden) und sechste Etappe (Verden über Achim und Thedinghausen nach Bremen) durch den Landkreis Verden führen. Laut ADFC-Reiseanalyse 2021 rutschte der Weser-Radweg, der in den vorherigen zwei Jahren von allen Radfernwegen in Deutschland der beliebteste gewesen war, im vergangenen Jahr Ranking auf Platz zwei hinter den Elbe-Radweg. Dagegen habe das benachbarte Aller-Leine-Tal an großer Bedeutung für den Radtourismus gewonnen. Im Ranking der zehn beliebtesten Rad-Regionen in Deutschland belegt das Tal den vierten Platz.

Info

Zur Sache

E-Bikes und Pedelecs

Obwohl die Bezeichnungen E-Bike und Pedelec oft als Synonyme verwendet werden, gibt es Unterschiede zwischen den Rädern. Der Begriff Pedelec steht für Pedal Electric Cycle, also ein Fahrrad, das beim Treten in die Pedale mit einem Elektromotor unterstützt. Im Gegensatz dazu beschleunigt ein E-Bike mit Hilfe des Motors, ohne selbst treten zu müssen, erklärt Anika Wrede, Verkehrssicherheitsberaterin der Polizei Verden. Laut Straßenverkehrsordnung (StVO) kommt ein E-Bike einem zulassungspflichtigen Elektromofa mit Gasgriff nahe, während das Pedelec im Sinne der StVO als Fahrrad gilt.

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