Jobcenter

Landrat fordert zweiten Arbeitsmarkt

Kommunale Jobcenter sollen zusätzliche Aufgaben bei Qualifizierung und Integration übernehmen, deshalb fordert Landrat Peter Bohlmann unter anderem eine ausreichende Ausstattung.
15.06.2018, 17:33
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Landrat fordert zweiten Arbeitsmarkt
Von Andreas Becker
Landrat fordert zweiten Arbeitsmarkt

Im Gebrauchtmöbellager des Landkreises: Petra Schütte und Landrat Peter Bohlmann (1. und 2. von links) sowie Kerstin Wendt (rechts) mit Teilnehmern an dem Qualifizierungsprojekt.

Sebi Berens

Landkreis Verden. Das kommunale Jobcenter Arbeit im Landkreis Verden (ALV) qualifiziert seit 2005 Langzeitarbeitslose und Geflüchtete für den sogenannten ersten Arbeitsmarkt. Die Vermittlungsquote liegt nach Angaben der Vorständin Kerstin Wendt bei 23 bis 24 Prozent. Angesichts des aktuellen Fachkräftemangels und der nach wie vor hohen Zahl von Langzeitarbeitslosen fordert Verdens Landrat Peter Bohlmann (SPD) ein Umdenken – nicht zuletzt bei der Bundesregierung.

"Wir haben nach wie vor viele Langzeiterwerbslose in Deutschland und etwa zwei Millionen Kinder, die von Armut bedroht sind. Und das bei zwei Millionen offenen Stellen", erklärt Bohlmann. "Wir müssen überlegen, ob die Qualifizierungsangebote passen." Es sei vor allem zentral, die Jobcenter mit genügend Mitteln auszustatten und von einer Finanzierung der Erwerbslosigkeit zu einer Finanzierung von Arbeit zu kommen. Zudem solle die Verantwortung für die Zuweisung in Integrations- und Sprachkurse in den Händen der Jobcenter liegen. "Wir wissen, wie die Situation bei den Menschen vor Ort aussieht, wo möglicherweise Krankheiten oder andere Einschränkungen vorhanden sind", erklärt Kerstin Wendt. Zudem sei durch die Bündelung in einem Haus die Bearbeitungszeit kürzer, betont Petra Schütte, Leiterin des Fachdienstes Arbeit. "Angesichts der drängenden Aufgaben fordern die 16 Kommunen in Niedersachsen, die in Eigenregie ein Jobcenter betreiben, einen zweiten, einen sozialen Arbeitsmarkt", betont der Landrat. 2011 habe die Bundesregierung jegliche Art von gemeinnütziger Beschäftigung verboten, um privaten Unternehmen keine Konkurrenz zu machen.

Wie Bohlmann sagt, eine Fehlentscheidung. "Alle Dienstleistungen im Bereich Gartenbau und Hauswirtschaft hätten wir händeringend gut gebrauchen können. Auch die Wirtschaft würde das mittlerweile begrüßen, denn die Auftragsbücher sind voll", sagt Bohlmann. Die kommunalen Betriebe sollten gemeinnützig ausgerichtet sein und in Trägerschaft der Städte, Landkreise und Gemeinden geführt werden. Es gehe dabei nicht nur um die Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen, die mindestens zwei Jahre ohne Job seien, sondern auch um die Integration von Geflüchteten. "Wenn Flüchtlinge anerkannt werden, sind sie automatisch berechtigt, Hartz IV zu beziehen. Es wäre doch besser, sie in einem gemeinnützigen kommunalen Betrieb für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren und gleichzeitig zu integrieren", betont Bohlmann.

Laut Kerstin Wendt reiche ein sechsmonatiger Sprachkursus nicht aus, zumal die Ausbildung im Heimatland häufig nicht bekannt und mit der in Deutschland nicht vergleichbar sei. Die Schwierigkeit bei der Vermittlung von Langzeitarbeitslosen sei laut Kerstin Wendt, dass diese mitunter eine Fülle von Problemen hätten. Nicht nur Erwerbslosigkeit, sondern auch Schulden, Krankheit, Sucht sowie ein fehlender Schulabschluss würden die Eingliederung in den Arbeitsmarkt erschweren. "Es geht darum, dass diese Menschen wieder eine Tagesstruktur bekommen, dass sie rausgehen und Kontakte knüpfen. Das ist für viele schon eine große Hürde", sagt die Vorständin der ALV.

"In sechs Monaten kann man niemanden zum Facharbeiter qualifizieren", sagt auch Petra Schütte, Leiterin des Fachdienstes Arbeit beim Landkreis. Eine gemeinnützige Tätigkeit jedoch, die möglichst arbeitsmarktnah gestaltet sei, könne den Betroffenen helfen, sich auszuprobieren und auch ihre eigenen Möglichkeiten zu testen. Bis zu 110 solcher Stellen bietet das Projekt "Gebrauchtmöbel und mehr" Im Burgfeld in Verden. "Das ist eines unserer größten Qualifizierungsprojekte", sagt Wendt. Die Teilnehmer sammeln gebrauchte Möbel und andere Haushaltsgegenstände ein, arbeiten sie auf, verkaufen und liefern aus, machen die Abrechnung und organisieren die Logistik. Nach zwölf Monaten endet die Qualifizierung automatisch. "Die Teilnehmer bekommen eine Aufgabe und neues Selbstvertrauen. Das Problem ist, dass viele nach dem Ende der Teilnahme in ein Loch fallen", schildert Kersten Wendt die negativen Auswirkungen einer Befristung.

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