Gemeinschaftliches Wohnen im Landkreis Verden

Leben im ökologischen Minikosmos

Das alte Bauernhaus liegt umringt von Grün etwas abseits der Straße. Auf den ersten Blick wirkt die Wohnanlage an der Alten Reihe in Dörverden wie jeder andere Bauernhof auch. Aber vor dem Haus hängt ein bunt bemaltes Schild am Briefkasten, auf dem etliche Namen stehen.
26.08.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Esther Nöggerath und Björn Struss

Das alte Bauernhaus liegt umringt von Grün etwas abseits der Straße, eine Seite der großen Flügeltür steht offen, rechts von dem Gebäude gibt es eine alte Scheune mit angebautem Schuppen, in dem sich Fahrräder und andere Gebrauchsgegenstände befinden, links ragt ein weiterer Anbau empor. Auf den ersten Blick wirkt die Wohnanlage an der Alten Reihe in Dörverden wie jeder andere Bauernhof auch. Aber vor dem Haus hängt ein bunt bemaltes Schild am Briefkasten, auf dem etliche Namen stehen.

Salome Kleinheitz, deren Name ebenfalls auf dem Schild verzeichnet ist, läuft barfuß den dicht bewachsenen Pfad um das große Bauernhaus herum, die Wege kennt die 14-Jährige inzwischen wie im Schlaf. „Unten im Haus ist eine WG mit sieben Leuten“, erzählt das Mädchen mit dem dunklen Lockenkopf im Vorbeigehen. „Dort haben wir anfangs auch mit gewohnt, bis uns das zu stressig wurde.“ Inzwischen lebt Salome mit Mutter, Stiefvater und Stiefbruder im Obergeschoss des Haupthauses, zu den Mitbewohnern im Erdgeschoss besteht aber auch heute noch enger und guter Kontakt.

Gerhard Peintinger lebt seit drei Jahren in der Gemeinschaftssiedlung Neumühlen in Verden.

Foto: Strangmann

Mit einem Quietschen geht die Holztür des Wagens auf und ein alter Herr kommt die Stufen herunter und grüßt freundlich. „Das ist Rainer, der Hofälteste“, berichtet Salome, als der Mann wieder in seinem Bauwagen verschwunden ist. „Der lebt schon seit 16 Jahren oder so hier.“ Sie deutet auf ein kleines Gebäude, das etwas weiter versteckt am Ende des Weges liegt. „Er hat jetzt das alte Backhaus für seine Liebste ausgebaut, wo die beiden oft zusammen kochen. Aber im Bauwagen ist auch eine kleine Kochnische“, erzählt die 14-Jährige. Nur über eine Toilette verfügen die Bauwagen nicht, dafür gibt es ein Gemeinschaftsbad auf dem Hof.

Gemeinschaftssiedlung Neumühlen

Die eigenen Kinder von ihnen sind inzwischen selbst erwachsen, aber die Enkelkinder profitierten von der Gemeinschaftsanlage, wenn sie zu Besuch kämen, sagt Zieher. Den Kindern stünden dort alle Türen der Anwohner offen und zusätzlich bietet der große Garten und das Gemeinschaftshaus Platz für die ein oder andere Pyjamaparty.

Im Gemeinschaftshaus gibt es einen großen Veranstaltungsraum unten, der nicht nur für Partys, sondern auch für Yogakurse oder Versammlungen genutzt wird, sowie mehrere kleinere Räume, ein Gästezimmer und ein Bad mit gemeinschaftlicher Sauna im Obergeschoss. „Einmal in der Woche veranstalten wir hier ein gemeinsames Abendessen“, erzählt Zieher und deutet auf den großen Esstisch in der Mitte des kleineren Gemeinschaftsraumes oben. Nicht nur die Möbel, sondern auch Böden, Wände und Decke sind aus Holz oder anderen Naturmaterialien, genauso wie die einzelnen Wohnhäuser. Allgemein wird in der Siedlung viel Wert auf Ökologie gelegt, auch eine eigene Grauwasseranlage zur Aufbereitung von Abwasser gibt es dort.

Allerhaus an der Cluventalstraße

Das Allerhaus an der Cluventalstraße in Verden ist das jüngste Gemeinschaftswohnprojekt der Genossenschaft Allerwohnen.

Foto: Focke Strangmann

Ökologisch wurde auch ein Altbau an der Cluventalstraße in Verden von der Genossenschaft saniert. Hier verbirgt sich hinter einer Fassade aus dunklem Holz und strahlendem Orange das Allerhaus. Im Zentrum steht eine geräumige Wohnung, die von den 14 Bewohnern zusammen genutzt wird. Einer von Ihnen ist Stefan Utikal. Er bewohnt zusammen mit Frau und Tochter 76 Quadratmeter und zeigt mit einem gewissen Stolz das komplett möblierte Gästezimmer der Gemeinschaftswohnung. Auch eine großes Bad gehört dazu.

An der Küchenwand hängen zwei große Zettel. Auf ihnen werden Aufgaben wie „Dachrinne reinigen“ oder „Rasen mähen“ verteilt. Gemeinschaftlich wohnen bedeutet eben auch gemeinschaftlich arbeiten. „Wir streiten uns oft wie eine Familie. Wichtig ist immer, miteinander zu reden“, sagt Utikal. Jüngst sei gerade ein Bewohner ausgezogen, weil er nicht „gemeinschaftsfähig“ gewesen sei, wie es Utikal formuliert. Im Allerhaus ist nun zum 1. Oktober eine 51 Quadratmeter große Einzimmerwohnung wieder zu vergeben. Wer dort demnächst einziehen darf, darüber entscheidet nicht etwa ein Vermieter, sondern auch die Wohngemeinschaft selbst.

Tag der offenen Tür bei der Genossenschaft Allerwohnen

Im Rahmen der bundesweiten Aktionstage „Gemeinschaftliches Wohnen“ öffnet die Genossenschaft Allerwohnen am 6. September von 13 bis 18 Uhr die Türen ihrer vier Wohnprojekte. Das Hofprojekt in Dörverden finden Interessierte an der Straße Alte Reihe 16, die Gemeinschaftssiedlung Neumühlen liegt an der Straße Am Oxer 1a in Verden und das jüngste Projekt der Genossenschaft, das Allerhaus, befindet sich an der Cluventalstraße 2 bis 6.

Das Ökologische Zentrum an der Artilleriestraße 6 steht Besuchern ebenfalls an dem Tag zur Verfügung. Am 26. September wird in dem Haus außerdem ein Kurzseminar mit dem Titel „Gemeinschaftlich und ökologisch Bauen und Wohnen? Erfahrungen und Anstiftungen“ von 14 bis 18 Uhr angeboten. Die Bundesweiten Aktionstage sollen neue Wohnformen und beispielhafte Initiativen auf dem Land und in den Städten vorstellen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+