Europäischer Prostata-Tag Leiter der Verdener Selbsthilfegruppe rät zur Vorsorge

Der heutige 15. September ist Europäischer Prostata-Tag. Eine der größten Selbsthilfegruppen in Norddeutschland für Männer mit Prostatakrebs trifft sich in Verden. Ihr Gründer Gerhard Zieseniß rät zur Vorsorge.
15.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Der heutige 15. September ist Europäischer Prostata-Tag. Eine der größten Selbsthilfegruppen in Norddeutschland für Männer mit Prostatakrebs trifft sich in Verden. Ihr Gründer Gerhard Zieseniß rät zur Vorsorge.

„Männer, seid keine Vorsorgemuffel, geht zur Krebsvorsorge“, appelliert Gerhard Zieseniß an seine Geschlechtsgenossen.

Es gibt wohl kaum jemanden im Landkreis Verden, der sich so intensiv mit der Kastanie unter der männlichen Blase beschäftigt hat wie er. Nachdem Zieseniß die Prostata entfernt wurde, hat der frühere Justizbeamte 2003 die Verdener Selbsthilfegruppe (SHG) für Männer mit Prostatakrebs ins Leben gerufen. Gemeinsam mit Günter Meusel. „Wir sind uns zum ersten Mal im Rotenburger Krankenhaus über den Weg gelaufen. Uns hat damals der gleiche Befund in die Klinik getrieben“, erinnert sich der 80-jährige Zieseniß an das erste Zusammentreffen.

Vor 13 Jahren operiert worden

Weil ihm damals geholfen wurde, wollte er fortan eben auch anderen Betroffenen helfen. „Ich bin vor 13 Jahren am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf operiert worden und lebe immer noch. Mir geht es gut“, will der Borsteler damit anderen Männern Mut machen, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, wenn sie die Schockdiagnose Prostata-Karzinom erhalten. Er weiß aus eigener Erfahrung nur allzu gut, wie schlimm es sich für einen Mann anfühlt, wenn ihm der Urologe den Befund mitteilt. „Auch ich bin damals in ein tiefes Loch gefallen“, erinnert sich der zweifache Vater.

Heute zählt seine Selbsthilfegruppe für Männer mit Prostatakrebs zu den größten in ganz Norddeutschland. 40 Ratsuchende kommen im Schnitt jeden vierten Donnerstag im Monat in das Gebäude der Kassenärztlichen Vereinigung am Verdener Allerufer, tauschen sich dort jeweils ab 15.30 Uhr untereinander aus.

„Meine Frau Rosemarie ist immer mit dabei und bewirtet alle mit Kaffee und Kuchen“, weiß Zieseniß, wie wichtig es für einen an Prostatakrebs erkrankten Mann ist, dass seine Partnerin zu ihm hält, dass sie vor allen Dingen weiß, worunter der Ehemann, Verlobte oder Partner leidet. „Viele Männer bringen ihre Partnerinnen zu uns in die Gruppe mit“, freut sich Rosemarie Zieseniß, wenn Paare offen mit dem Männerleiden umgehen. Es gebe da diesen etwas bösartigen Spruch: „Brust weg – Mann weg, Prostata weg – Frau weg“, bringt Zieseniß auf den Punkt, was nach einer Prostata-Operation bei manchen Männern eintreten kann: Inkontinenz und Impotenz. Oft lädt Zieseniß zu diesen und anderen Themengebieten Referenten nach Verden ein, allesamt medizinische Koryphäen – Urologen, Onkologen, Internisten, Radiologen, Strahlentherapeuten.

Zusammenarbeit mit Urologen

Mit dem promovierten Verdener Urologen Nils Johnsen arbeitet Gerhard Zieseniß eng und freundschaftlich zusammen. Der Leiter der SHG ist schließlich kein Mediziner, sondern für viele betroffene Männer so etwas wie der beste Kumpel, mit dem man ganz offen über das reden kann, was man sonst lieber unter den Tisch kehren würde. „Wer nicht in die Gruppe kommen mag, den berate ich auch gerne bei mir zu Hause in Borstel“, sagt Zieseniß.

Häufigste Krebserkrankung bei Männern

Das Prostata-Karzinom sei die häufigste Krebserkrankung bei Männern, jährlich gebe es davon rund 60.000 Neuerkrankungen, weiß der Verdener Urologe Nils Johnsen. Aber: „Prostatakrebs ist bei Männern nicht die Krebsart, die am häufigsten zum Tode führt, dabei handelt es sich nämlich um einen sehr langsam wachsenden Krebs“, streut der Mediziner mit dieser Aussage ein Fünkchen Hoffnung. Er rät jedem Mann ab 45 Jahre, regelmäßig zur Krebsvorsorge zu gehen. „Gibt es in den Familien bereits Prostatakrebs-Erkrankungen, sollten Verwandte ersten Gerades, also auch Brüder, bereits mit 40 Jahren zur Vorsorge gehen“, erklärt Johnsen, dass das Risiko für Verwandte, an Prostatakrebs zu erkranken, höher sei. Die Basis-Untersuchung beim Urologen umfasse neben einer Urinprobe und der Ultraschall-Untersuchung der Blase eben auch eine Untersuchung der äußeren Genitalien sowie die Tastuntersuchung der Prostata. Dadurch kann der Arzt dann feststellen, ob sich die Vorsteherdrüse vergrößert hat, wie es bei vielen Männern im mittleren und höheren Alter der Fall ist.

Hoher PSA-Wert bedeutet nicht sofort Krebs

Wird das Abtasten der Prostata mit dem Finger nicht manchmal auch im Volksmund scherzhaft als Hafenrundfahrt bezeichnet? Johnsen schmunzelt und kommt gleich auf ein anderes wichtiges Thema zu sprechen: den sogenannten PSA-Wert. Heißt Prostataspezifisches Antigen, beinhaltet ein Eiweiß, das von der Vorsteherdrüse abgesondert wird. Die Blutuntersuchung ist eigentlich keine große Sache, hat allerdings Vor- und Nachteile, wie der Verdener Urologe ganz offen sagt: „Männer mit einem hohen PSA-Wert sind schnell verunsichert.“ Dabei müsse dies nicht gleichbedeutend mit einem bösartigen Tumor sein, sondern könne auch auf eine Entzündung (Prostatitis) oder gutartige Vergrößerung der Prostata zurückzuführen sein. „Liegt der PSA-Wert mehrfach über 4, machen wir eine Biopsie“, sagt Johnsen. Bei dieser Gewebeprobe sticht der Mediziner dann mit einer dünnen Hohlnadel in die Prostata.

Steht im Endeffekt wirklich die Diagnose Krebs im Raum, schaut sich der Verdener Urologe ganz genau den Allgemeinzustand seines Patienten an. Hat er eine Lebenserwartung von weniger als zehn Jahren, rät er in vielen Fällen von einer Operation ab, weil der Prostatakrebs nun einmal extrem langsam wachse und die Wahrscheinlichkeit, an einer anderen Krankheit zu sterben, wesentlich höher für den Patienten sei.

Langfristiges Beobachten, Totaloperation, Da-Vinci-Methode, Bestrahlung, Hormon-Therapie (Testosteron-Entzug), Kälte- oder Wärme-Behandlung, Brachy-Therapie mit radioaktivem Material – Gerhard Zieseniß kennt zwar alle Behandlungsmethoden, betont aber noch einmal: „Vorsorge und Früherkennung sind das Allerwichtigste.“ Die PSA-Blutuntersuchung werde zwar nicht von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt, aber: „Männer, wenn ihr auf fünf Biere verzichtet, habt Ihr die Kosten dafür wieder raus.“

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