Nachlass

Leuchttürme im Dornröschenschlaf

In der Historischen Bibliothek des Domgymnasiums schlummert das Erbe von Bürgermeister Pfannkuche. Der berühmte Verdener ist vor 150 Jahren gestorben.
23.02.2018, 10:41
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Von Jörn Dirk Zweibrock
Leuchttürme im Dornröschenschlaf

Halten das Pfannkuche-Erbe in Erinnerung: Juliane Böcker-Storch (v.l.), Dietrich Haselbach, Michael Müller, Hartmut Bösche und Reinhard Nitsche treffen sich einmal wöchentlich in der Historischen Bibliothek.

Focke Strangmann

Verden. Oberstudienrat Reinhard Nitsche unterrichtet Mathematik am Verdener Domgymnasium (DoG). Statt zur Formelsammlung greift er in der Mathestunde gern auf Jakob Bernoullis Werk „Kunst des Vermutens“ aus dem Jahre 1713 zurück. Es zählt zu den Leuchtturm-Büchern, also zu den Werken, die fachübergreifend Wegmarken der Wissenschafts- und Kulturgeschichte verkörpern. „Bernoullis Buch ist das erste systematische Werk über die Wahrscheinlichkeitstheorie“, erklärt Nitsche und verstaut den dicken Wälzer wieder in der Historischen Bibliothek des Domgymnasiums. Sie speist sich aus Schenkungen ehemaliger Schüler und Lehrer sowie Verdener Bürger. Darunter befindet sich auch der umfangreiche Nachlass von Verdens früherem Stadtoberhaupt Christoph Gottlieb Pfannkuche. Am 27. Februar 1868 ist der Ex-Bürgermeister im Alter von 82 Jahren gestorben. Der Freundeskreis der Historischen Bibliothek nutzt den 150. Todestag von Pfannkuche nun, um auf die millionenschweren Schätze im Schulkeller aufmerksam zu machen. Seit Jahrzehnten liegen sie dort im Dornröschen-Schlaf. Die Runde will den Pfannkuche-Nachlass katalogisieren, zusammenführen und in modernisierten und erweiterten Räumlichkeiten der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Handschriftlicher Nachlass ist in Stade

Weil das frühere Verdener Stadtoberhaupt keine Nachkommen hatte, stand Folgendes in seinem Testament: „Meine Bibliothek, die Landkarten sowie meine handschriftlichen Aufzeichnungen zur Verdener Geschichte vermache ich der Bibliothek des Domgymnasiums.“ Pfannkuche war nach Aussage von Hartmut Bösche vom Freundeskreis der Historischen Bibliothek ein richtiger Bücherwurm. In seinem Aufsatz für den aktuellen Verdener Heimatkalender (2018) hat er ihn sogar als Bibliomanen, als Büchersüchtigen bezeichnet. „Er hat zu Lebzeiten jeden Cent in seine geliebten Bücher investiert“, erzählt Bösche. Rund 1250 Titel, ungefähr 2000 Bände umfasst sein Erbe. Darunter der „Atlas Blaeu“ (Erstausgabe von 1635), mit dem die heutigen Domgymnasiasten gerne im Fach Geografie arbeiten. „Ein absolutes Leuchtturm-Buch ist aber auch ,Meditationes de prima Philosophia‘ von René Descartes“, erzählt Reinhard Nitsche und wird fast ehrfürchtig, als er daraus den berühmten Kernsatz „Ich denke, also bin ich“ zitiert. Weil er auch das Fach Werte und Normen lehrt, bekommt er genauso wie seine Schüler jedes Mal eine Gänsehaut, wenn er vorsichtig darin blättert. „Wir haben uns für den Umgang mit dem Pfannkuche-Erbe extra spezielle Handschuhe angeschafft“, verrät der Oberstudienrat.

Warum er sich damals für das DoG entschieden hat? Natürlich auch wegen der Historischen Bibliothek, die der Pädagoge seitdem ehrenamtlich betreut. Mit Hartmut Bösche, Juliane Böcker-Storch, Dietrich Haselbach und Thomas Müller hat Reinhard Nitsche also kongeniale Mitstreiter gefunden, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, den Nachlass des berühmten Bürgermeisters zu pflegen. Einmal wöchentlich, meist am Mittwochvormittag, trifft sich der Freundeskreis in der Historischen Bibliothek und katalogisiert den Nachlass. Allein für die Erfassung der bedeutenden Sammlung Pfannkuche musste Hartmut Bösche jeden der insgesamt 25 000 Titel in die Hand nehmen und auf das Vorhandensein des typischen Pfannkuche-Aufklebers überprüfen. Während Dietrich Haselbach und Michael Müller Dubletten aus der Bibliothek verbannen, erfasst Juliane Böcker-Storch die von Hartmut Bösche erstellten Bücherlisten digital am heimischen Rechner. „Wir hoffen, dass der Katalog im Herbst fertig ist“, erläutern die Freundeskreis-Mitglieder ihr ehrgeiziges Ziel. Damit Historiker Zugang zu den Büchern erhalten, sollen sie künftig auch in den GBV, den gemeinsamen Bibliotheksverbund der norddeutschen Bundesländer, aufgenommen werden.

Außerdem will der Freundeskreis den handschriftlichen Nachlass des 1868 verstorbenen Pastorensohnes wieder mit seinem Verdener Bücherstand vereinen. „Pfannkuches handschriftliche Aufzeichnungen befinden sich momentan noch als Depositum, also leihweise im Niedersächsischen Landesarchiv in Stade“, erklärt Reinhard Nitsche. In seinem Testament hatte der frühere Domgymnasiast Pfannkuche übrigens auch verfügt, dass sein Erbe nicht „willkürlich zersplittert“ wird. Seinen letzten Willen will ihm der Freundeskreis nun also erfüllen.

Sorgen bereiten den Bücherwürmern auch die räumlichen Bedingungen für die Lagerung des Bürgermeister-Erbes. Aus diesem Grund hat die Stabsstelle Bestandsschutz der Niedersächsischen Landesbibliothek bereits eine entsprechende Expertise angefertigt. „Wir arbeiten gerade an einer bedarfsgerechten Raumanalyse“, erklärt Dietrich Haselbach. Unabdingbar sei eine Modernisierung und Erweiterung der Historischen Bibliothek. Die Klosterkammer Hannover, in deren Besitz sich das Schulgebäude befindet, habe bereits ihre Unterstützung zugesichert. Auch an den Schulträger, den Landkreis Verden, ist der Schulvorstand bereits mit seinem Anliegen herangetreten.

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