Neujahrsgruß

Lieber weniger Gesetze

Verdens Landrat Peter Bohlmann (SPD) sieht die Ursache vieler Probleme im Fachkräftemangel.
01.01.2020, 14:55
Lesedauer: 3 Min
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Von Marie Lührs

Landkreis Verden. „Zu dem tiefgreifenden Wandel, in dem wir uns befinden, passt es, dass wir in wenigen Stunden nicht nur ein neues Jahr 2020, sondern auch ein beginnendes Jahrzehnt begrüßen werden“ – mit diesen Worten beginnt Landrat Peter Bohlmann seinen Neujahrsgruß. Der Jahreswechsel biete Gelegenheit für einen weitgehenden Ausblick, der gerade in der schnelllebigen und von kurzen Antworten geprägten Zeit nötig sei. „Denn unabhängig davon, ob es um den Klimawandel, die Zuwanderung, eine älter werdende Gesellschaft oder die Inklusion in den Bildungseinrichtungen geht, führen nur gute Konzepte und deren ausdauernde Umsetzung zu sinnvollen Lösungen.“

Ein Kernproblem, das viele Bereiche überschattet, ist für ihn der Fachkräftemangel. In fast allen Branchen habe er bereits zugeschlagen und schränke deutlich die Gestaltung der Zukunft ein, sagt Bohlmann. Bei der Lösung komme es nun auf die Menschen an, denn eine Erhöhung der Staatsausgaben oder neue Gesetze können nicht viel ausrichten. Was zähle, seien somit jene Männer und Frauen, die im wahrsten Sinne des Wortes konkret für die Verbesserung arbeiten.

Keine Energiewende ohne Fachkräfte

Viele Ziele lassen sich ohne die dafür nötigen Fachkräfte nicht erfüllen. Als ein Beispiel nennt Bohlmann die Energiewende. Denn die könne nicht gestaltet werden, wenn „der Fachkräftemangel im Handwerk sich weiter vergrößert und niemand mehr fähig ist, die Energieverbräuche zu reduzieren und die Energienutzung umzubauen“. Doch auch in anderen Bereichen wie im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) schlage sich die Problematik nieder. Um das Verkehrsnetz auszubauen, bedarf es auch mehr Lokführer und Busfahrer. Wenn sie fehlen, scheitert das Vorhaben. „Neben der steigenden Zahl von 'Ruheständlern' und der geringer wachsenden Gruppe der 'aktiven Beschäftigten' scheint eine Ursache der Misere darin zu liegen, dass wir in der Vergangenheit die Bedeutung einzelner Berufe nicht ausreichend gewürdigt haben“, räumt Bohlmann einen Fehler von Politik und Gesellschaft ein. „So wurden durch vorgeschriebene Wettbewerbe die Arbeitsbedingungen für Fahrzeugführer kaum verbessert, obwohl die Personenbeförderung und die tagtäglichen Schulfahrten für unsere Kinder zu den verantwortungsvollsten Tätigkeiten gehören.“

Es fehlen Erzieherinnen

Doch nicht nur mit Blick auf Energiewende und Klimaschutz schlägt sich der Fachkräftemangel gewaltsam nieder. Auch in Betreuungs- und Gesundheitsberufen ist der Mangel erheblich. „Teilweise können Kindergärten die Bedarfe nicht decken, weil es an Erzieherinnen und Erziehern fehlt“, zeigt der Landrat die Folgen auf. Ähnlich sehe es in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen aus, wo Aufnahme- und Versorgungskrisen häufig nur durch „den überdurchschnittlichen und dankenswerten Einsatz des vorhandenen Personals“ verhindert werden konnten. „Leider wird deren Arbeitsbelastung jedoch noch durch zusätzliche Gesetze erhöht, die eher der Dokumenten- als der Patientenpflege dienen“, moniert Bohlmann. Beispielhaft hierfür stehe das „wörtliche Ungetüm der Pflegepersonaluntergrenzenverordnung (PpVGV)“. Die führe, so Bohlmann, nicht zu mehr Krankenpflegern, sondern allenfalls zu Stationsschließungen.

Nicht mehr, sondern lieber weniger Gesetze sollten daher mit Blick auf den Fachkräftemangel in den kommenden zehn Jahren das Ziel sein, findet der Landrat. „Zumindest müsste jede neue Verordnung nach einer gewissen Zeit einer Wirksamkeitskontrolle unterzogen werden“, relativiert er. Wenn es schließlich auch noch gelinge, die Zahl der Erwerbstätigen – unter anderem durch eine gute Integration von Zugewanderten und einen weiteren Abbau der Arbeitslosigkeit zu erhöhen – könne man dem Fachkräftemangel erfolgreich begegnen.

„Unverzichtbar wird auch bleiben, dass wir für die Berufswahl der jungen Menschen bei allen Berufen aufzeigen, welchen Beitrag sie für unsere Lebensqualität, unsere Sicherheit und unseren Wohlstand leisten“, betont Bohlmann. Denn im Kern gehe es auch dabei um ein gesellschaftliches Miteinander und um Wertschätzung.

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