Das Zollamt Verden verfolgt Plagiate aller Art, die meist per Postversand eingeführt werden Markenschuhe aus der Fälscherwerkstatt

Landkreis Verden. Die Motorradverkleidung für 950 US-Dollar klang wie ein Schnäppchen, doch als der Besteller das grün-schwarze Rennzubehör aus Hongkong beim Zollamt Verden abholen wollte, kam das böse Erwachen. Denn bei der sogenannte „Beschau“ der Ware wurde der Zöllner misstrauisch und schickte Fotos an den Sachverständigen des Rechteinhabers.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Markenschuhe aus der Fälscherwerkstatt
Von Andreas Becker

Landkreis Verden. Die Motorradverkleidung für 950 US-Dollar klang wie ein Schnäppchen, doch als der Besteller das grün-schwarze Rennzubehör aus Hongkong beim Zollamt Verden abholen wollte, kam das böse Erwachen. Denn bei der sogenannte „Beschau“ der Ware wurde der Zöllner misstrauisch und schickte Fotos an den Sachverständigen des Rechteinhabers. Dieser stellte eine Fälschung fest, die beschlagnahmt wurde und jetzt als Anschauungsmaterial im Büro von Jörg Barleben liegt. Der Leiter des Zollamts Verden hat in seiner Arbeit hauptsächlich mit Plagiaten zu tun.

„Wer sich Waren per Post aus einer Region schicken lässt, die nicht Mitglied der Europäischen Union ist, muss diese beim Zoll einführen“, erklärt Hans-Werner Vischer, Pressesprecher im Hauptzollamt Hannover, zu dem die Dienststelle Verden gehört. Kann die Ware in Frankfurt nicht abgefertigt werden, weil etwa Unterlagen oder eine Kennzeichnung fehlen, landet sie automatisch im Zollamt Verden. „Wir haben hauptsächlich mit Postsendungen zu tun, dabei geht es nicht nur um Fälschungen. Wir kümmern uns auch um Designrechte, Herkunftsangaben und Markenrechte“, erklärt Barleben. Zwar wird nicht jede Sendung geöffnet, es gibt aber Stichproben. Bei der Auswahl lassen sich die Mitarbeiter des Zollamts vom Herkunftsland, Art der Sendung, der Ware und von der Identität des Bestellers leiten – und von ihrer Nase. Empfänger der Sendungen sind allerdings nicht nur Privatleute, sondern auch Unternehmen.

Im vergangenen Jahr wurden in Verden 123 Artikel beschlagnahmt. Der Wert der Originalware lag nach Angaben des Zolls bei 14 000 Euro. Die Waren kamen zu mehr als 50 Prozent aus China, aber auch aus Hongkong, Singapur, Thailand und den USA. Hauptsächlich gefälscht wurden und werden Schuhe, Textilien, Spielwaren, Sportschuhe und technische Geräte wie Handys, Tablets, Kopfhörer, Speicherkarten und Druckerpatronen. Im Hauptzollamt Hannover wurden im Vorjahr mehr als 47 500 Artikel beschlagnahmt, davon waren rund 28 000 Flaschen Mundspülung. Der Warenwert betrug etwa 773 000 Euro.

Damit die gefälschten Waren überhaupt beschlagnahmt werden können, muss der Hersteller oder Rechteinhaber einen Antrag auf Grenzbeschlagnahme stellen, wie es im Amtsdeutsch heißt. Dann erst kann der Zoll tätig werden, wie Jörg Barleben sagt. Hat der Originalhersteller die Ware als Fälschung erkannt, muss er entscheiden, was damit und mit demjenigen passieren soll, der das Plagiat eingeführt hat.

„Wenn es sich um einen oder zwei Artikel handelt, lohnt das den ganzen Aufwand nicht“, betont Hans-Werner Vischer. Anders liege der Fall, wenn beispielsweise 200 gefälschte Uhren eingeführt würden. „Da kann man schwerlich von einem persönlichen Gebrauch ausgehen“, sagt der Pressesprecher. Übrigens sei es ein Unterschied, ob das Plagiat per Post bestellt oder persönlich im Urlaub mitgebracht werde. „Es gibt eine Reisefreimenge von 430 Euro, und mit dem Geld kann man auch gefälschte Waren für den persönlichen Gebrauch kaufen.“ Wer sich also als Urlaubsandenken eine Rolex für 10 Euro mitbringe, habe aus Sicht des Zolls nichts zu befürchten.

Waren Plagiate früher relativ leicht zu erkennen – „die berühmten Sportschuhe mit vier Streifen“ – seien die Fälscher heutzutage versierter. „Ich war mal mit einem gefälschten Werder-Trikot direkt bei Werder Bremen, und selbst die Experten haben über eine Stunde gebraucht, um das Plagiat zu erkennen. An einem Stern, der ein bisschen nach oben verrutscht war“, erzählt Jörg Barleben. Andere Artikel sind leichter zu erkennen, sagt der Experte und stellt einen Schuhkarton auf den Tisch, in dem sich die Sportschuhe eines bekannten Herstellers befinden. „Das sieht man schon an der schlechten Qualität des Kartons, das sind keine Originale“, sagt Barleben. Teilweise hätten Schuhe überhaupt keine Verpackung, das sei dann verdächtig.

In den vergangenen Jahren sei die Häufigkeit der Beschlagnahmungen statisch etwas zurückgegangen. Das liege aber daran, dass die Rechtsinhaber nur noch ab einer bestimmten Anzahl von Artikeln überhaupt tätig würden. „Sonst könnten die das nicht mehr abarbeiten“, erzählt Vischer. Auch die Staatsanwaltschaften würden Einzelfälle nicht verfolgen, der Aufwand etwa bei einem paar Schuhe stehe dabei in keinem Verhältnis. Trotzdem seien die Folgen für den Internetkäufer von Plagiaten zuweilen schmerzlich. „Die Ware ist weg und das Geld meist auch. Denn in der Regel muss vorab bezahlt werden“, warnt Vischer vor den Konsequenzen.

„Die Ware ist weg und das Geld meist auch.“ Hans-Werner Vischer
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+