Assistenzhund Ole hilft

Mehr als nur der beste Freund

Stefanie Eckhoff ist chronisch krank und braucht Hilfe. Ihr Assistenzhund Ole sorgt für einen reibungslosen Alltag.
29.04.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Mehr als nur der beste Freund
Von Patrick Hilmes
Mehr als nur der beste Freund

Sobald Assistenzhund Ole das Stichwort Telefon hört, macht er sich auf, um seinen Job zu erledigen. Der zweijährige Golden Retriever erleichtert den Alltag von Frauchen Stefanie Eckhoff (im Hintergrund) erheblich.

Focke Strangmann

Stefanie Eckhoff ist chronisch krank und braucht Hilfe. Ihr Assistenzhund Ole sorgt für einen reibungslosen Alltag.

Die Klingel läutet. Bei vielen Haushalten, in denen ein Hund lebt, ertönt daraufhin ein Bellen. Nicht so bei Stefanie Eckhoff aus Kirchlinteln. Ihr Hund Ole ist ein ruhiger, zutraulicher und neugieriger Zeitgenosse. Bellen liegt nicht in seinem Wesen. Ole ist generell kein „normaler“ Hund, er ist Assistenzhund in Ausbildung. Er hilft Stefanie Eckhoff in ihrem Alltag, denn sie leidet unter Multi-Minicore Myopathie, einer erblichen neuromuskulären Erkrankung.

Vor circa fünf Jahren hat sie die Diagnose bekommen. Multi-Minicore Myopathie ist wenig erforscht, der Krankheitsverlauf unklar. „Ich konnte schon früher nicht so hoch springen, so schnell laufen wie Andere“, erzählt Stefanie Eckhoff. Die Ärzte führten dies immer darauf zurück, dass sie eine Frühgeburt war. Doch die Beschwerden wurden mit den Jahren immer größer. Daher wollte sie endlich Klarheit, und die bekam sie auch, zumindest halbwegs. Ein Neurologe diagnostizierte Multi-Minicore Myopathie. Die Muskeln sterben bei ihr ab. Heilung ist nicht in Sicht, „man kann bisher nur den Prozess verlangsamen“, erklärt Eckhoff, „ich kann alt werden, eine Sicherheit gibt es aber nicht“. Größere Strecken muss sie mit ihrem Rollstuhl bewältigen, „wenn ich direkt beim Arzt vor der Tür parken kann, gehe ich zu Fuß rein“, so die 29-Jährige. Viel weiter geht es ohne Rollstuhl nicht.

Mittlerweile hat sie sich mit ihrer Krankheit arrangiert, doch nach der Diagnose plagten sie Zukunftsängste. Diese Ungewissheit führte sie auch zu einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke. Dort erfuhr sie erstmals von dem Konzept eines Assistenzhundes. Es verging noch etwas Zeit, bevor sie sich genauer damit befasste. Sie erfuhr, dass die Firma Mars aus Verden mit ihrer Radsport-Benefiz-Tour „Ride for help“ Spenden für den in Berlin ansässigen Verein „Hunde für Handicaps“ sammelt. Denn so ein Assistenzhund kostet je nach Ausbildungsform knapp 23.000 Euro. Im Fall von Stefanie Eckhoff und Ole kam das Geld über Spenden auf der Internetseite www.betterplace.org und den „Ride for Help“ der Firma Mars zusammen.

Ohne großen Beschützerinstinkt

Im März 2015 nahm Stefanie Eckhoff dann in Berlin an einem Schnupperseminar teil, bei dem der Verein die möglichen Bewerber für einen Assistenzhund kennenlernen wollte und umgekehrt. Wenig später stand für Eckhoff fest: Sie möchte einen solchen Hund. Doch der Verein hatte zunächst aufgrund der Entfernung Bedenken. „Er sitzt eben in Berlin und will den persönlichen Kontakt halten“. Doch Stefanie Eckhoff signalisierte die Bereitschaft, in der Kennenlernphase des Öfteren auch nach Berlin zu kommen.

Pfötchen geben ist eine seiner leichtesten Übungen. Assistenzhund Ole und Stefanie Eckhoff bilden seit knapp zwei Wochen ein Team, das sich immer besser aufeinander einspielt.

Pfötchen geben ist eine seiner leichtesten Übungen. Assistenzhund Ole und Stefanie Eckhoff bilden seit knapp zwei Wochen ein Team, das sich immer besser aufeinander einspielt.

Foto: Focke Strangmann

Der Verein unterzieht Hunde im Alter von einem Jahr einem Eignungstest. Sie müssen ein ruhiges Gemüt und dürfen keinen großen Jagd- und Beschützerinstinkt haben. „Wenn ich mal hinfalle und der Rettungsdienst kommt, darf Ole ihn ja nicht davon abhalten, mir zu helfen“, erklärt Eckhoff. Aus dem Wurf, der für sie infrage kam, bestanden zwei Hunde den Test: Ole, ein Golden Retriever, und Labrador O’Aquensis. „Als der Verein angerufen hat und mir sagte, sie würden mir gerne die beiden Hunde vorstellen, war das wie Weihnachten und Geburtstag zugleich für mich.“ Das war im Juni 2015. Das Rennen bei der Begegnung machte dann Ole. „Irgendwie hat es gleich Klick gemacht“. Schnell hatte sie den Vierbeiner in ihr Herz geschlossen. Aber nicht nur Stefanie entschied sich für Ole, Ole entschied sich auch für Stefanie. „Hunde suchen sich ihr Herrchen aus. Er muss sich ja auch wohl fühlen.“ Bereits wenige Tage später stand fest: Ole wird Stefanies Assistenzhund. „Ich bin fast umgefallen vor Freude als mir die Entscheidung mitgeteilt wurde“, erinnert sich Stefanie Eckhoff. Ein schlechtes Gewissen hatte sie dennoch gegenüber dem anderen Hund. Doch mittlerweile hat auch O’Aquensis ein Herrchen bekommen, dem er helfen kann.

Team spielt sich immer mehr ein

Ole wurde in Berlin trainiert, Weihnachten vergangenen Jahres verbrachten Stefanie und Ole dann erstmals längere Zeit miteinander. Ole kam über die Feiertage und Silvester zu Besuch nach Kirchlinteln. „Und es hat besser geklappt als gedacht“. Ende März folgte eine zweiwöchige intensive Einarbeitungszeit in Berlin und ein intensives einwöchiges Training mit Trainerin im häuslichen Umfeld. Seit knapp zwei Wochen ist Ole nun bei ihr fest eingezogen. Das neue Team muss sich noch etwas einspielen. „In der ersten Woche hat er sich noch etwas widersetzt. Er wollte seine Grenzen austesten, so nach dem Motto ’mal gucken, was ich hier darf’“. Dieses Verhalten ist auch auf die neue Umgebung und die neuen Menschen in seinem Umfeld zurückzuführen. Doch von Tag zu Tag klappt es besser. Ole hebt sämtliche Dinge auf, die Stefanie runterfallen, sogar kleinste Geldstücke und -scheine. Er reicht ihr Kleidung, öffnet und schließt Türen für sie, holt das Telefon, bringt auf der Arbeit Unterlagen von A nach B und räumt sogar die Waschmaschine aus.

Noch klappt alles nicht ganz reibungslos, doch das Team spielt sich immer mehr ein. Und Ole lernt nicht aus, will es auch nicht. „Solche Hunde wollen immer wieder etwas Neues lernen. Manchmal bringt er mir auch unaufgefordert Sachen, weil er einfach was machen will“, erklärt Stefanie. Training ist durch den täglichen Umgang quasi ganztags angesagt. Viele Sachen macht Ole bereits automatisch, einen Befehl trainiert Stefanie am Tag mit ihm nochmals intensiver. 2000 bis 6000 Wiederholungen sind laut Stefanie von Nöten, damit Ole sich bei einem neuen Befehl seiner Sache sicher ist. Sicher musste sich im Vorfeld auch Stefanie sein, sie musste Ole ganz genau kennenlernen, sein Verhalten deuten können. „Wenn er sein Spielgesicht hat, sieht er für andere aggressiv aus, dabei will er nur spielen“, weiß sie nun. In einem halben Jahr werden sie an der Assistenzhund-Prüfung teilnehmen – dann soll Ole seine Ausbildung abschließen.

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