Stadtmusikantenweg

Merkles Märchen

Der Kirchlintler Klaus Merkle hat vor über zehn Jahren den beliebten Radweg durch drei Landkreise ins Leben gerufen. Sogar Japaner besuchen ihn.
13.08.2019, 17:20
Lesedauer: 3 Min
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Merkles Märchen
Von Jörn Dirk Zweibrock

Nein, als Märchenonkel würde Klaus Merkle die Brüder Grimm nie abtun. Für ihn sind sie „ernstzunehmende Sprachwissenschaftler“. Vor genau 200 Jahren haben sie das Volksmärchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ aufgezeichnet und umfassend bearbeitet. Die Stadtmusikanten sind inzwischen so eng mit der Hansestadt verbunden wie der Dom und der Freimarkt. „Wer das Volksmärchen genau gelesen hat, wird feststellen, dass es keine Ortsangabe enthält, woher die Stadtmusikanten eigentlich kamen und in welcher Stadt sie ein besseres Leben fanden“, erzählt Hobby-Gästeführer Klaus Merkle aus Kirchlinteln. Diese Tatsache regte also fortan eine große Schar von Geschichtenschreibern und Künstlern an. Unter anderem beansprucht auch die Hachestadt Syke Schauplatz des berühmten Geschehens um Esel, Hund, Katze und Hahn gewesen zu sein. Eine Gedenktafel an der dortigen Hauptstraße erinnert an die Tiere.

Hobby-Gästeführer Klaus Merkle aus der Heidegemeinde Kirchlinteln traf der Geistesblitz hingegen bei einem touristischen Seminar. Dort kam ihm die Idee, die Bremer Stadtmusikanten als Radweg zu vermarkten. Drei Landkreise hat der umtriebige Merkle dafür mit ins Boot geholt, neben Verden auch die Nachbarkreise Rotenburg und Heidekreis. Und so können die Pedalrittler nun schon seit 2008 in die Geschichte des Hochmittelalters eintauchen, mehrere Stationen nacheinander abstrampeln. Finanziell unterstützt wurde der überregional bekannte 44 Kilometer lange Stadtmusikantenweg von der Leader-Region Hohe Heide, ko-finanziert von der Gemeinde Kirchlinteln und der Stadt Visselhövede. Die Broschüre mit dem Märchen und der Wegbeschreibung wird gerade wieder neu aufgelegt. „Die Strecke verläuft abseits der Hauptverkehrsstraßen durch malerische Waldgebiete“, schwärmt „Erfinder“ Klaus Merkle noch heute von der von ihm entwickelten Fahrradroute durch drei Landkreise.

Besuch aus Japan

Jedem der vier Tiere hat er dabei ganz bewusst einen geschichtsträchtigen Ort zugeordnet. Los geht es in Stellichte (Heidekreis). Die Obermühle auf dem Rittergut von Behr passt gut zur Geschichte von Esel „Grauschimmel“, der ja der Märchenerzählung zufolge seine heimische Mühle verließ, um in der Stadt ein besseres Leben zu finden. Für Jagdhund „Packan“ hat sich Klaus Merkle indes den Königshof, einen Ortsteil der Stadt Visselhövede, als Zuhause ausgesucht, für Katze „Bartputzer“ Verdenermoor und für den Hahn „Rotschopf“ den Lintler Krug im Herzen der Heidegemeinde. „Dort befand sich einst ein Gasthaus mit Pferdewechselstation“, erzählt Klaus Merkle. Weil dort früher viele Reisende beköstigt wurden, landete bestimmt auch so mancher Hahn im Suppentopf, wie es im Märchen von den Bremer Stadtmusikanten geschehen sollte. Schließlich bildet noch heute eine kräftige Hühnerbrühe die Grundlage für eine Niedersächsische Hochzeitssuppe. Sie sorgt dafür, dass sich der feine Geschmack von Spargel und Eierstich so richtig gut entfalten kann.

Auf dem Weg nach Bremen spazierte das tierische Quartett in Merkles abgewandelter Erzählung also auf dem alten Lüneburger Postweg durch die rund zehn Hektar große Hügelgräberheide. Reste der Hohlwegspuren sind dort noch immer gut zu erkennen. Weil es dunkel wurde, nächtigten Esel, Hund, Katze und Hahn folglich im Lindhoop, einem Waldstück zwischen Verden und Kirchlinteln. „Nahe dem jetzigen Waldspielplatz thronte der Hahn auf einem hohen Schlafbaum. Von dort sah er auf einem Hügel, der von den Einheimischen Horst genannt wird, das Licht des Räuberhauses an der Stadtgrenze zu Verden“, schildert „Märchenerzähler“ Merkle augenzwinkernd.

Das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten ist heute weltweit bekannt, sogar in Japan. Klaus Merkle liefert auch prompt den Beweis in Form eines Fotos. Das zeigt zwei japanische Besucher auf dem Königshof, die damals unbedingt dem Jagdhund „Packan“ einen Besuch abstatten wollten. Viele prominente Radler, unter anderem die beiden Bremer Altbürgermeister Henning Scherf und Carsten Sieling, haben die landkreisübergreifende Strecke abgestrampelt. Dass sich Klaus Merkles werbewirksame Idee sogar bis ins ferne Bremen herumgesprochen hat, beweist folgende Begebenheit: „Henning Scherf hat damals eine Rose auf den Namen Bremer Stadtmusikanten gekauft“, erinnert sich der Kirchlintler. Die sogenannte Märchenrose wurde von einem Rosenzüchter aus Elmshorn gezüchtet und in einer Baumschule in Verden-Eitze verkauft.

Keine Konkurrenz für Bremen

Dass sein Stadtmusikantenweg im Vergleich zu den weltberühmten Figuren am Bremer Rathaus touristisch gesehen eher im Verborgenen schlummert, ist seinem geistigen Vater Klaus Merkle durchaus bewusst. „Ich will den Bremern mit meinem Stadtmusikantenweg keine Konkurrenz machen“, versichert der Tourenleiter aus Kirchlinteln und schwingt sich wieder vergnügt auf seinen Drahtesel. Die nächste Besuchergruppe wartet nämlich schon.

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