Landgericht Messerangriff vermutlich im Affekt

Im Prozess gegen einen 48-jährigen Angeklagten hat jetzt ein Psychiater in Verden als Gutachter ausgesagt. Er bescheinigt dem Beschuldigten keine geplante Tat.
04.04.2018, 18:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Angelika Siepmann

Verden/Kirchlinteln-Bendingbostel. Der 48-jährige Angeklagte, der am 31. August vergangenen Jahres mit einem Filetiermesser auf einen Kollegen losgegangen sein soll, könnte eine Affekttat begangen haben. „Insgesamt spricht sehr viel dafür“, sagte der psychiatrische Sachverständige am sechsten Verhandlungstag am Mittwoch vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Verden.

Der Psychiater und Diplom-Psychologe Matthias Eibach (Bad Zwischenahn) hat den aus Argentinien stammenden Angeklagten wenige Tage nach dessen Entlassung aus der Untersuchungshaft exploriert. Der Mann war noch am Tattag vorläufig festgenommen worden, nachdem er in einer Fahrzeugbau-Firma in der Kirchlintler Ortschaft Bendingbostel einen Arbeitskollegen attackiert hatte. Der 47-Jährige hatte mehrere Stich- und Schnittverletzungen erlitten, die nach dem bisherigen Kenntnisstand vermutlich von Abwehrversuchen herrührten. Augenzeugen hatten eingegriffen und Schlimmeres verhindert.

Immer wieder Querelen

Zwischen den beiden Männern soll es seit längerer Zeit immer wieder zu Querelen gekommen sein. Am Vormittag des letzten Augusttages soll es eine Auseinandersetzung über die Benutzung einer Bohrmaschine gegeben haben. Für das Gericht stellt sich dies nach der Beweisaufnahme „als völlig belanglose Streiterei“ dar. „Als wenn Kinder um Eimerchen und Schaufel streiten“, formulierte es Vorsitzender Richter Volker Stronczyk.

Seit Ende Februar muss sich der mutmaßliche Täter vor der Schwurgerichtskammer verantworten. Die Staatsanwaltschaft ging in ihrer Anklageschrift von versuchtem Totschlag und Körperverletzung aus. Der 48-jährige Familienvater, der nach vielen beruflichen Stationen – unter anderem in Italien, Frankreich und Spanien – seit 2009 in Bendingbostel tätig war, bestreitet eine Tötungsabsicht. Was genau ihn damals bewogen haben könnte, sich nahe der Stechuhr auf den Kollegen zu stürzen, konnte auch der Sachverständige nicht genau herausbekommen.

Klassischer Tunnelblick

Einen speziellen „Auslösereiz“ habe er nicht feststellen können, sagte Eibach bei der mündlichen Erstattung seines Gutachtens. Der 48-Jährige habe aber angegeben, zum Tatzeitpunkt plötzlich „nichts mehr gesehen“ zu haben beziehungsweise „wie durch eine Röhre“ geguckt zu haben. Der erfahrene Psychiater erklärte diese Darstellung, die für ihn zunächst „völlig überraschend“ gekommen sei, als den „klassischen Tunnelblick“, das „eingeengte Blickfeld“ als Hinweis auf eine möglicherweise im Affekt begangene Tat. Er habe nicht den „kompletten Beleg“, aber unterm Strich spreche vieles dafür.

Eibach hält es auch nicht für ausgeschlossen, dass der Angeklagte ursprünglich beabsichtigte, sich selbst in Gegenwart der Arbeitskollegen etwas anzutun. Darauf ließen die Schilderungen des 48-Jährigen vom Ablauf seiner Mittagspause schließen. Der Mann war demnach nach Hause geradelt und hatte sich „sehr schlecht gefühlt“. Eine an den Sohn gerichtete Kurznachricht passe in das psychologische Bild, das sich für ihn ergeben habe: „Mittags war er sicher suizidal“.

Psychische Erkrankungen oder eine Persönlichkeitsstörung habe er bei dem Angeklagten nicht erkannt. Etwa ab 2014 sei bei dem Mann auffällig gewesen, dass er sich zunehmend von den Kollegen zurückgezogen und Kontakte abgebrochen habe. Ob es im Betrieb bestimmte Beschimpfungen oder Verunglimpfungen gegeben habe, wie von dem 48-Jährigen immer wieder behauptet, sei fraglich. Sachverständiger Matthias Eibach: „Vermutlich hat er so etwas nicht konkret gehört, sondern aus manchem Verhalten einfach für sich Schlussfolgerungen gezogen“. Unterm Strich reiche dies nicht, um eine wahnhafte Erkrankung zu diagnostizieren. Der Prozess vor dem Landgericht wird am 10. April fortgesetzt.

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