Häuser erzählen Geschichten: Familie Klinker lebt seit Jahrhunderten auf dem Gerkens-Hof in Holtum-Marsch

Mit dem Schlitten bis nach Verden

Die Geschichte der Hofstelle Gerken reicht über Jahrhunderte zurück. Beim Pflügen seines Ackers hat Besitzer Heinz Klinker außerdem schon einige Fundstücke ans Licht gebracht, die um einiges älter sind. Nach einem Brand im Jahr 1890 baute der Großvater von Heinz Klinker die modernste Variante des niederdeutschen Hallenhauses.
11.09.2013, 00:00
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Mit dem Schlitten bis nach Verden
Von Anna Zacharias
Mit dem Schlitten bis nach Verden

Heide und Heinz Klinker vor ihrem Bauernhaus im Holtum-Marsch aus dem Jahr 1892. Das Gebäude steht am Ende einer 500-jährigen Geschichte des niederdeutschen Hallenhauses. FOTO: FOCKE STRANGMANN

FOCKE STRANGMANN

Die Geschichte der Hofstelle Gerken reicht über Jahrhunderte zurück. Beim Pflügen seines Ackers hat Besitzer Heinz Klinker außerdem schon einige Fundstücke ans Licht gebracht, die um einiges älter sind. Nach einem Brand im Jahr 1890 baute der Großvater von Heinz Klinker die modernste Variante des niederdeutschen Hallenhauses.

Fast 800 Jahre Geschichte empfangen den Besucher, der durch das eiserne Tor des Gerkens-Hofs in Holtum-Marsch bei Blender kommt. Der mächtige Bauernhof wurde 1892 gebaut, aber die Chronik der Familie Klinker reicht weit zurück. 1260 wurde die Hofstelle zum ersten Mal urkundlich erwähnt.

Heinz Klinker kennt sich aus mit der Geschichte seiner Vorfahren – und darüber hinaus. Der archäologisch interessierte 77-Jährige hat in seinen Zeiten als aktiver Landwirt zahlreiche uralte Zeitzeugnisse ans Tageslicht befördert, unter anderem Kanonenkugeln, Scherben alter Krüge und Steinwerkzeuge, die um 3000 bis 4000 vor Christus benutzt worden sein sollen. Er sammelt sie in einer Vitrine im Speicher neben dem Wohnhaus.

Das Eichenfachwerkgebäude aus dem Jahr 1711 ist mit aufwendigen Schnitzereien verziert. Klinker und seine Frau Heide ließen es jüngst restaurieren und bieten sogar kleine Führungen an. Dort hängt auch eine Ahnentafel. Dyryc Klynker ist der erste Name, der dort für das Jahr 1530 aufgeführt wird.

Warum der Hof den Namen Gerken trägt, obwohl doch darin Klinkers wohnen, erklärt der Besitzer wahrscheinlich nicht zum ersten Mal. „Die Familie Klinker lebt erst seit 1700 auf diesem Hof, wo vorher die Familie Renksdorf wohnte“, erklärt er. Gerke sei einer der Vornamen in dieser Familie gewesen. Die Klinkers lebten davor auf dem Hof nebenan und übernahmen das Gebäude, als es keinen männlichen Nachfolger gab.

Schwere Brände erlebt

Zwei schwere Brände hatte die Familie Klinker über die Jahrhunderte erlebt. Beim ersten im Jahr 1660 wurden mehrere Gebäude vernichtet, der zweite im Jahr 1890 zerstörte das alte Wohnhaus. „Mein Großvater baute dann ein großzügiges Anwesen – die Rechnungen und Unterlagen habe ich alle noch“, sagt Klinker. Daraus gehe auch hervor, dass der Holzlieferant aus Bremen schon ein Telefon besaß. Das Holz wurde als Floß über die Weser hierher gebracht, wovon Löcher in den Balken zeugen, durch die ein Seil gezogen war.

„Dieses Vierständerhaus ist die modernste Variante des niederdeutschen Hallenhauses und steht am Ende seiner 500-jährigen Geschichte“, sagt Bauernhausexperte Heinz Riepshoff. Der üppige Bau zeuge außerdem davon, wie gut es einigen Bauern zu dieser Zeit und teilweise noch bis zum Ersten Weltkrieg ging. „Das zeigt auch eine nachkolorierte Fotografie der Familie vor dem Haus“, meint Riepshoff.

Beim Brand von 1890 wurde viel zerstört, doch einige Schätze besitzen die Klinkers noch. Darunter auch ein Tagebuch aus dem Jahre 1832, das der Interims-Wirt Carsten Puvogel hinterließ. Klinker nimmt das vergilbte Buch in die Hand und schlägt es vorsichtig auf. „Puvogel war eine Art Bürgermeister zu der Zeit und schreibt hier, wie beschwerlich es ist, mit der Weserfähre ins Amt nach Westen zu fahren. Damals war das eine Tagesreise“, sagt Klinker.

Beschwerliche Reisen kennt auch der 77-Jährige, dessen Vater schwer verletzt aus dem Zweiten Weltkrieg heimkam und kurz darauf starb. „1945 war ich erst zehn Jahre alt und zog mit meiner Mutter zunächst nach Verden“, erzählt er. Mit 20 Jahren übernahm er schließlich den väterlichen Hof, der zuvor von einem Verwalter bewirtschaftet wurde. Heute erinnert er sich noch gut daran, wie er im Winter ein Pferd vor einen Schlitten spannte und sich zu Besuchen in die Stadt ziehen ließ.

„Ich habe mir hier in der Gegend damals zunächst keine Freunde gemacht“, sagt der Landwirt. Er musste die zwischenzeitlich an umliegende Bauern verpachteten Flächen zurückfordern. „Es war keine leichte Zeit, denn ich habe hier als einziger meiner Familie gelebt“, erinnert sich Klinker. 1965 heiratete er dann seine Frau Heide, die als ländliche Hauswirtschafterin bis in die 90er-Jahre ausbildete.

Klinker hielt Schweine und baute Zuckerrüben an – was die technische Weiterentwicklung angeht, habe er dabei rasante Veränderungen erlebt. „Wir haben früher 400 Arbeitsstunden für einen Hektar Zuckerrüben gebraucht, heute sind es keine zehn.“ Damals sei die Arbeit geselliger gewesen, aber auch hart. „Wir haben noch selbst in der Scheune gedroschen. Es war eine Schinderrei, aber wir haben das nicht als schlimm empfunden“, sagt er. Aber er sagt auch, dass er seine Jugend ein stückweit verloren habe.

Wo früher die Pferde in die Diele schauten, wird heute Theater gespielt: Die Gruppe des Chores Polyhymnia Einste-Holtum-Marsch führt dort seit 2002 regelmäßig plattdeutsche Stücke auf. Die beiden Söhne der Klinkers leben mit ihren Familien in Oldenburg und München. Ob sie die Familientradition auf dem Hof später fortführen werden, muss sich noch zeigen.

Mit der Serie „Häuser erzählen Geschichten“ blickt die Redaktion hinter die Fassaden alter und besonderer Gebäude in der Region.

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