Die Verdener Landwirtin Elisabeth Fresen tuckert über Land zur Protestkundgebung in die Hauptstadt Mit dem Trecker nach Berlin

Verden-Eitze. Der Motor läuft, die Straßenkarte liegt bereit, für Elisabeth Fresen kann es losgehen. Gleich will sie sich mit ihrem roten Trecker auf den Weg machen: Sechs Stunden bis zur Übernachtung im Wendland tuckern, dann zwölf Stunden weiter auf den Landstraßen in Richtung Berlin zur Agrarmesse „Grüne Woche“.
20.01.2017, 00:00
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Mit dem Trecker nach Berlin
Von Anna Zacharias

Verden-Eitze. Der Motor läuft, die Straßenkarte liegt bereit, für Elisabeth Fresen kann es losgehen. Gleich will sie sich mit ihrem roten Trecker auf den Weg machen: Sechs Stunden bis zur Übernachtung im Wendland tuckern, dann zwölf Stunden weiter auf den Landstraßen in Richtung Berlin zur Agrarmesse „Grüne Woche“. Dort will sie am Sonnabend gemeinsam mit anderen Bauern und Vertretern von Umweltverbänden an der Demonstration „Wir haben es satt!“ teilnehmen.

„Der Druck auf unsere landwirtschaftlichen Betriebe ist enorm, viele meiner Berufskollegen mussten in den letzten 24 Monaten ihre Hoftore schließen, das finde ich sehr traurig“, sagt die 26-jährige angehende Landwirtin. Sie will nach ihrem Studium der ökologischen Landwirtschaft den Betrieb ihres Vaters in Eitze übernehmen. Den elterlichen Hof gibt es seit dem 18. Jahrhundert, und die junge Frau hofft, in Zukunft von ihm leben zu können.

Weil ein Navi für ihre Fahrt keine Hilfe sei – die Funktion „Trecker-geeignete Straßen“ gibt es nicht – hat sie sich zum Kartenlesen ihren Kommilitonen Augustin Pupke dazu geholt. Die beiden bekommen Begleitung von Landwirt Wolfram Höhn aus dem Landkreis Leer. Im Wendland stoßen die drei dann auf einen größeren Konvoi, bis sich in Berlin insgesamt rund 100 Traktoren zur Protestfahrt zusammenfinden werden.

Der Vizepräsident des Landvolks Niedersachsen und Verdener Kreislandwirt, Jörn Ehlers, sieht die Demonstration in Berlin kritisch. „Es finden sich dort auch radikale Gruppen, die jede Art der Nutztierhaltung ablehnen und auch Einbrüche in Stallungen billigen“, meint er. Auch seien die „Überschriften“ der Demo so allgemein gehalten, um eine breite Masse mobilisieren zu können, dass es dem Thema meist nicht gerecht werde. „Aus dem Grund haben sich seit einigen Jahren junge Landwirte aus ganz Deutschland zusammengefunden, um am selben Tag ,für' die Landwirtschaft zu demonstrieren unter dem Motto ,Wir machen Euch satt'", sagt Ehlers. An dieser Demo will auch er mit einigen Verdenern teilnehmen. Weiter würden deutschlandweit Aktionen gestartet.

Der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (ABL) Niedersachsen-Bremen, Eckehard Niemann, widerspricht Ehlers. „Fast alle Landwirte sind gegen Agrarfabriken, weil sie selbst von ihnen verdrängt werden“, sagt er. Er glaubt, dass es ein Missverständnis unter den Landwirten gebe, wenn die größeren Betriebe glaubten, der Protest sei gegen sie gerichtet. Das sei nicht der Fall. Aus diesem Grund wolle die ABL am Wochenende zwischen den beiden Demonstrationen vermitteln. Niemann räumt aber auch ein, manche Verbände und Medien propagierten „leider immer noch ein einseitiges Bio-Kleinbauern-Idyll“ und diffamierten konventionelle Landwirte pauschal und falsch als „agrarindustriell“. Bauernfeindliche Parolen seien von der Demo ausgeschlossen, sagt Niemann.

Elisabeth Fresen will nicht, dass der Hof ihrer Familie mit 30 Hektar Ackerfläche und 140 Hektar Grünland geschlossen werden muss, den ihr Vater seit 30 Jahren betreibt. Die Familie hält Mutterkühe, 120 an der Zahl. Die stehen das ganze Jahr über auf der Weide, ihre Kälber werden weiterverkauft. Fresen möchte das Fleisch der Tiere künftig direkt vermarkten. Zur Demonstration fährt sie nun schon zum vierten Mal mit dem Trecker, weil sie die Interessen junger Landwirte dort vertreten sieht und sie sich für mehr Subventionen für kleinere Betriebe und bezahlbaren Tierschutz einsetzen will. Die 26-Jährige sagt: „Ich wünsche mir einfach eine Zukunft auf meinem Hof.“

Landwirte demonstrieren unter dem Motto „Wir haben es satt“ Zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin versammeln sich am Sonnabend, 21. Januar, bereits zum siebten Mal Landwirte, Umwelt- und Tierschützer, NGOs, Hilfsorganisationen, Globalisierungsgegner und Bürgerinitiativen zu einer Protestkundgebung. Um 12 Uhr startet diese am Potsdamer Platz. Die Veranstalter erwarten zwischen 10 000 und 50 000 Menschen und rund 100 Traktoren aus dem gesamten Bundesgebiet. In einem Neun-Punkte-Plan fordert das Bündnis, das aus rund 100 Organisationen besteht, einen Weg aus der Agrarkrise und dem Sterben der Bauernhöfe. In der Kritik stehen unter anderem die Subventionen für Großkonzerne, die Forderung nach artgerechter Tierhaltung und die Verringerung von Pestiziden. Neben Umweltverbänden gehören auch kirchliche Organisationen wie „Brot für die Welt“ und Misereor zu dem Protestbündnis. Die Gegendemo „Wir machen euch satt“ findet am Sonnabend um 9 Uhr vor dem Berliner Hauptbahnhof statt.
„Fast alle Landwirte sind gegen Agrarfabriken, weil sie selbst von ihnen verdrängt werden.“ Eckehard Niemann, ABL
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