Frühlingsgefühle

„Müssen uns selber umarmen“

Birgit Spieshöfer spricht im Interview über Frühlingsgefühle und den unliebsamen Frühjahrsputz. Sie rät dazu, sich von unnötigem seelischen Ballast zu trennen.
02.05.2019, 11:05
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Zweibrock

Frau Spieshöfer, gibt es eigentlich wirklich Frühlingsgefühle?

Birgit Spieshöfer: Ja. Letztendlich hat es damit zu tun, dass wir jetzt im Frühling in eine neue Phase kommen. Wir stellen uns gleich auf mehreren Ebenen neu auf. Sowohl die Natur als auch der Stoffwechsel verändern sich. Weil die Tage wieder länger werden und es draußen wieder wärmer wird, verspüren die Menschen einfach mehr Energie. Das wirkt sich dann natürlich auch auf weitere Bereiche wie das Beziehungsleben aus.

Spielen da auch die Hormone eine Rolle?

Bestimmt. Vitamin D wird zum Beispiel direkt über die Sonneneinstrahlung aufgenommen. Wer ein Sonnenschutzmittel benutzt, schützt sich also im Umkehrschluss auch oft vor Vitamin D. Verallgemeinern lässt sich das allerdings nicht. Ich kenne nämlich auch Menschen mit einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel, die nicht depressiv sind, oder welche mit einem hohen Vitamin-D-Spiegel, die sich oft traurig fühlen. Ich rate immer zu einer ganzheitlichen Betrachtungsweise. Ein Mangel an einer bestimmten Stelle kann im Endeffekt auch immer mit etwas ganz Anderem korrelieren.

Verspürt denn jeder Mensch positive Gefühle im Frühling?

Nein, nicht jeder. Das verläuft antizyklisch. Manche Menschen empfinden auch über eine längere Zeit hinweg eine Phase des persönlichen Stillstandes, das verläuft oft ganz individuell und kann, drei, fünf Jahre, oder auch noch länger dauern.

Das Gegenteil der Frühlingsgefühle ist also der Winter-Blues?

Ehrlich gesagt, kenne ich nur wenige Menschen mit einer Winter-Depression. Menschen, die bewusst mit sich umgehen, leiden nicht darunter. Vielleicht ein Winter-Blues, aber der ist gesund und gehört dazu, wenn wir nach Innen horchen und uns von Altem verabschieden.

Stillstand kann aber auch eine Chance sein, oder?

Richtig. Viele Menschen beklagen sich darüber, dass es im Job nicht richtig läuft oder sie noch immer Single sind. Man kann aber nun einmal keinen Partner herbei zaubern. Stattdessen sollten die Menschen die gefühlte Phase des Stillstandes nutzen, um ihre innere Arbeit zu erledigen. Dann sind wir bereit, wenn es wieder losgeht. Viele Menschen laufen erfahrungsgemäß vor sich selber weg. Sie gönnen sich einfach keine Ruhe, weil sie Angst davor haben, mit sich alleine zu sein und sich dann mit diesen Themen auseinandersetzen zu müssen. Wir müssen lernen, uns selber anzunehmen, gerade auch wenn wir uns schlecht fühlen. Tun wir dies nicht, lehnen wir uns folglich selber ab und geben uns somit selber das Gefühl, nicht liebenswert zu sein. Das ist immer ein Spagat zwischen Gefühl und Verstand. Einem Kind, das in den Arm genommen wird, geht es einfach besser. Es fühlt sich angenommen und richtig und kann einfach mal losweinen. So geht es auch unseren inneren emotionalen Anteilen.

Also müssen wir uns selber umarmen?

Genauso ist es. Innerlich auf einer emotionalen Ebene. Manchmal auch tatsächlich im Außen. Sich selbst halten, fest drücken und einfach weinen.

Dann steigt im Frühling also nicht automatisch die Lust, sich zu binden?

Nein, nicht direkt. Es ist eher die Lust auf Leben und Neues. Wir verspüren im Frühling lediglich eine ganz andere Energie und sind dadurch eben eher bereit als sonst, uns auf neue Dinge einzulassen.

Aber wer sich auf zu viel Neues einlässt, überfordert sich auch schnell...

Richtig. Diesen Menschen rate ich, weniger zu tun. Sie sollten in sich selber hinein horchen und nachspüren, was sie gerade brauchen. Das kann ein dreitägiger Erholungsurlaub an der Nordsee sein oder auch einfach der Wunsch, mehr gemeinsame Zeit mit dem Partner zu verbringen. Andere wiederum benötigen mehr Schlaf, mehr Bewegung, sollten sich gesünder ernähren. In Zeiten von persönlicher Überforderung gilt es, sich mehr auf sich selber zu besinnen.

Wie beugt man denn nun einem Burn-out vor?

Ich empfehle meinen Klienten, sich ganz einfach die Frage zu stellen, ob sie der Beruf / ihr Alltag nicht im Endeffekt mehr Energie kostet, als er ihnen letztendlich gibt. Mit dieser Frage werden dann bei den meisten Menschen automatisch sofort Existenzängste zutage gefördert.

Verständlich, oder?

Natürlich. Aber solche Ängste blockieren uns nun einmal. Gefühle beeinflussen die Sichtweise. Klar, wenn ich verliebt bin, sehe ich alles nur in Rosarot, und wenn ich gerade verlassen wurde, bin ich natürlich schlecht drauf. Dennoch muss ich mich auf der emotionalen Ebene mit diesen Ängsten auseinandersetzen. Erst wenn sich der innere Knoten gelöst hat, kann nämlich auch äußerlich etwas passieren. Es ist oft erstaunlich, welche neuen Sichtweisen und dadurch auch neuen Wege sich dann manchmal auftun. Dann stelle ich plötzlich fest, dass der Job eigentlich nie mein Traumjob gewesen ist. Ich kann nebenbei Seminare oder Fortbildungen besuchen oder meine Arbeitszeit reduzieren.

Ein leidiges Thema ist auch der sogenannte Frühjahrsputz…

Für mich bedeutet Frühjahrsputz auch immer automatisch Aussortieren und hat auch immer einen emotionalen Aspekt. Welche Gegenstände machen mich glücklich und welche nicht? Aufräumen heißt im Endeffekt auch, sich von überflüssigem Ballast zu trennen und lernen, loszulassen. Das gilt für mich auf allen Ebenen: Wenn wir voll von Altem sind, wie kann dann Neues zu uns kommen?

Das Interview führte Jörn Dirk Zweibrock.

Info

Zur Person

Birgit Spieshöfer

ist Diplom-Psychologin und hat schon über 20 Jahre lang Erfahrung in der therapeutischen Arbeit mit Beziehungsstrukturen und der Verarbeitung von Emotionen auch außerhalb der klassischen Psychologie gesammelt. Sie praktiziert in Verden.

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