Ausgrenzung und Diskriminierung

Ausstellung geht auf Wanderschaft

Auf Initiative des Verdener Stadtarchivs ist eine Ausstellung zur Ausgrenzung und Diskriminierung der Juden entstanden. Interessierte Institutionen können sich die Schautafeln ausleihen.
20.04.2021, 17:26
Lesedauer: 3 Min
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Von Marie Lührs
Ausstellung geht auf Wanderschaft

Freuen sich darauf, die Wanderausstellung auf den Weg zu schicken: Björn Emigholz (v. l.) Wencke Hinz und Lutz Brockmann.

Björn Hake

Die Ausgrenzung und Diskriminierung der Verdener Juden ist Thema einer neuen Ausstellung, die auf die Initiative des Stadtarchivs zurückgeht. Unter dem Titel „Sara sei dein Name!“ zeigt die Wanderausstellung eine Entwicklung, die sich in den 1920er-Jahren verstärkt hatte und im Holocaust mündete. Die Erzählung der Schautafeln endet allerdings nicht mit dem Zweiten Weltkrieg, sondern zeigt auch das Erstarken ähnlicher Strukturen in der heutigen Zeit.

Die Ausstellung will das eigentlich Unfassbare in Erinnerung rufen: Wie konnte es gelingen, eine Gruppe von Menschen systematisch aus der Bevölkerung auszuschließen? Wie zeigten sich diese Ausgrenzung und Verfolgung der Juden in Verden? Anhand einiger Schicksale haben Stadtarchivar Björn Emigholz und seine Kolleginnen das Geschehen in der Allerstadt für die Ausstellung nachgezeichnet. So ist auf einem Roll-up von Adolf Rosenbach zu lesen, dass ihm 1937 die „Zulassung zum Handel mit Vieh“ entzogen wurde. Vier Jahre später wurde er mit seiner Frau Ella nach Minsk deportiert und ermordet. Zwei Stolpersteine erinnern an das Schicksal des Paares.

Einen Eindruck von der Stimmung in der Allerstadt zu Zeiten des Nationalsozialismus gibt auch ein Bericht aus dem Verdener Stadtrat wider. Der befasste sich im Oktober 1940 mit gehäuften Beschwerden von Bürgern darüber, dass „immer noch Juden in den öffentlichen Grünanlagen ohne Behelligung die besten Bänke besetzen würden“. So ist es auf einer der Schautafeln der Ausstellung zu lesen. Bereits fünf Jahre zuvor wurden jüdische Frauen und Männer durch das Reichsbürgergesetz zu Menschen zweiter Klasse degradiert. Der Entzug von Arbeitserlaubnissen und allerlei Verbote machten jüdischen Menschen das Leben zunehmend schwerer. Die Perfidität einiger Gesetze demonstriert Emigholz an einem Beispiel: So wurden Juden dazu gezwungen, sich den Zweitnamen Sara oder Israel zuzulegen - und für die Namensänderung zur Kasse gebeten.

Präsentation einer Wanderausstellung, erstellt durch das Team des Verdener Stadtarchivs

Die Ausstellung nimmt immer wieder Bezug auf das Geschehen in Verden.

Foto: Björn Hake

Die Idee für die Ausstellung kam dem Stadtarchivar bereits vor zwei Jahren. Doch bis er seine Vorstellung umsetzen konnte, dauerte es ein wenig. Unterstützt wurde er bei der Konzeption von seinen Mitarbeiterinnen Wencke Hinz und Katie Hanisch sowie dem Weser-Aller-Bündnis: Engagiert für Demokratie und Zivilcourage (Wabe). Wabe beteiligte sich zudem, wie auch der Präventionsrat der Stadt Verden, an der Förderung des Projekts.

Wie absurd die Diskriminierung der Juden war, verdeutlicht in der Ausstellung auch ein Gedankenspiel. So werde das Grauen von gesetzgeberischer, systematischer Ausgrenzung und Vernichtung besonders deutlich, wenn ein jeder beim Betrachten der Ausstellung in Gedanken das Wort Jude durch ein anderes wie Rentner, Brillenträger, Raucher oder einen beliebigen anderen Begriff ersetze.

Während die Ausstellung mit dem Erstarken der Nationalsozialisten beginnt, endet sie mit den Formen und Gefahren des aktuellen Antisemitismus. Dass die Problematik noch immer aktuell ist, zeigt beispielhaft der Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019. Dort bewahrte eine massive Holztür Gläubige vor einem Blutbad.

„Ich fürchte, dass diese Ausstellung noch lange aktuell bleibt“, sagt Emigholz und verweist dabei auf Mitglieder der AfD, die sich immer wieder an nationalsozialistischem Vokabular und Bildern bedienten. Die Ausstellung soll daher nicht nur an das erinnern, was war, sondern die Betrachter auch dazu anregen, sich vergleichbaren Entwicklungen frühzeitig in den Weg zu stellen.

Institutionen aus Verden und umzu können sich die Ausstellung kostenlos ausleihen. Die zehn Roll-ups ließen sich selbst mit einem Kleinwagen leicht transportieren, versichert Wencke Hinz. Sie lasse sich zudem - beispielsweise in weiterführenden Schulen - auch mit ausreichend Abstand zwischen den einzelnen Stationen aufstellen, sodass es auch den Betrachtern gelingt, den Hygieneabstand zueinander zu wahren. Weitere Informationen gibt es unter www.verden.de unter dem Reiter „Stadtarchiv“ sowie unter www.wabe-info.de. Im Januar 2022 sollen die Roll-ups zum Holocaust-Gedenktag im historischen Rathaus zu sehen sein.

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