Herdenschutz Pferd trifft Wolf

Ein in Verden ansässiger neuer Verein beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Interaktion zwischen den Tieren. Studierende, die sich für Feldforschung interessieren, sind jederzeit willkommen.
02.03.2021, 16:40
Lesedauer: 3 Min
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Pferd trifft Wolf
Von Jörn Dirk Zweibrock

Die Rückkehr des Wolfes (Canis lupus) bereitet nicht nur Schäfern große Sorge, sondern natürlich auch den vielen Pferdehaltern und -züchtern im Kreisgebiet und weit darüber hinaus. Während das Thema Herdenschutz – vom Zaun bis zum Hund – landauf, landab diskutiert wird, bleiben Pferde jedoch oftmals außen vor. „Es liegen noch nicht ausreichend wissenschaftlich belastbare Informationen über die Interaktion Pferd und Wolf vor, die auf Deutschland bezogen zu praktischen beziehungsweise praktikablen Maßnahmen führen können“, weiß der Verdener Enno Hempel. Aus diesem Grund hat er mit seinen Mitstreitern im vergangenen Jahr den bundesweit agierenden Verein zur Förderung von Wissenschaft um Pferd und Wolf, kurz VFWPW, mit Sitz in der Reiterstadt Verden gegründet.

Einige Gründungsmitglieder stammen aus dem seit 2015 aktiven Arbeitskreis (AK) Pferd und Wolf, der als Fachbeirat der Pferdeland Niedersachsen GmbH definiert war. „Durch die Gründung eines eigenständigen, unabhängigen Vereins werden die Mitglieder in die Lage versetzt, die begonnenen Aufgaben auch deutschlandweit fortzusetzen und auf eine breitere Basis zu stellen“, erklärt Hempel. Als Vize-Vorsitzende steht ihm die Asendorferin Karin Lübbe zur Seite, als Schatzmeister fungiert Mario Stenske aus Sachsen. „Corona-bedingt fand die Gründungsversammlung per Videokonferenz statt“, erläutert Hempel. Bereits im Sommer sei der neue Verein als gemeinnützig anerkannt worden. Die Mitglieder hoffen nun, dass es ihnen gelingt, Spenden und Fördermittel zu generieren. „Wir arbeiten eng mit dem Wolfsbüro im NLWKN, dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz, sowie der Landesjägerschaft, die für das Wolfsmonitoring zuständig ist, zusammen“, betont der Vorsitzende.

Hempel weiß, dass der Isegrim polarisiert wie kaum ein anderes Tier und die Emotionen bei diesem Thema erfahrungsgemäß schnell hochkochen. Deswegen heißt es in der Satzung: „Der Verein bedient sich wissenschaftlicher Methoden und setzt eine für belastbare Informationen geeignete Vorgehensweise ein.“ Er verschreibt sich daher laut Statuten der Zusammenarbeit mit Institutionen und Wolfsexperten.

Gewiss, das Ross gehört nicht per se in das Beuteschema des Isegrims. Der Anteil an Pferderissen durch Wölfe bewegt sich deutschlandweit (Stand 2019) laut DBWW zwar lediglich bei 0,4 Prozent, aber die Fachwelt hat dennoch ein gesteigertes Interesse an Feldforschungen zu diesem Thema. Bei einer Voruntersuchung vor drei Jahren wurden Pferde in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Wolfsvorkommen mit GPS-Empfängern besendert und somit ihre Bewegungen dokumentiert und später ausgewertet. „Leider haben die Wölfe aufgrund des heißen Sommers ihr Verhalten angepasst und sind nicht in die Wildtierkamerafalle getappt“, erzählt Hempel. Die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (Baden-Württemberg) – Studiengang Pferdewirtschaft – begleitet die Arbeit des Vereins wissenschaftlich. Deswegen sind Hempel und seine Mitstreiter stets auf der Suche nach Studierenden mit Interesse an Feldforschung.

Welche Verhaltensempfehlungen gibt Hempel nun Freizeitreitern mit auf den Weg, die beim Ausritt plötzlich von einem Wolf überrascht werden? „Ruhe bewahren, dem Tier nicht den Weg versperren oder ihn verdrängen und langsam von ihm wegbewegen.“ Und wie sollen sich Halter und Züchter verhalten solange noch kein belastbares wissenschaftliches Material zur Pferd-Wolf-Interaktion vorliegt? Dürfen Fohlen oder schwache Tiere nachts noch auf der Koppel stehen? „Beim Herdenschutz spielen immer die Zusammensetzungen der Herde sowie Haltungsformen eine Rolle“, erklärt der Verdener. Das Fluchttier Pferd, das in Panik durch Zäune rauscht – ein Szenario, das immer wieder in Bezug auf einen sich nähernden Wolf ausgemalt wird. „Nachweislich ist so etwas allerdings noch nicht vorgekommen“, relativiert der Pferde-Experte aus Verden. Ob sich Herdenschutzhunde auch in der Pferdehaltung, wie im Alpenraum getestet, bewähren, ist nach Aussage von Hempel bislang noch zu wenig erforscht, um die Erkenntnisse auf Deutschland zu übertragen. Außerdem sei der individuelle Wert bei Pferden deutlich höher als bei anderen Nutztieren.

Bis sein Verein Handlungsempfehlungen zum Herdenschutz abgeben kann, wird es also noch ein Weilchen dauern. Der in Verden ansässige VFWPW ist per E-Mail an die Adresse info@pferdundwolf.de zu erreichen.

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