Häuser erzählen Geschichten: Zwangsarbeiter lebten in Bauernhaus am Sachsenhain

Rätselhafte Kiste bleibt über Jahrzehnte unentdeckt

Hermann und Ilse Hanneken staunten, als sie bei der Restaurierung ihres Bauernhauses in einer Zwischendecke eine alte Kiste fanden. Darin verbargen sich unter anderem Landkarten von 1943, Kleidung und eine Dose mit Fußheilsalbe. Da um diese Zeit herum Zwangsarbeiter in dem Haus untergebracht waren, vermuten sie, dass einer von ihnen seine Flucht plante.
22.05.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Rätselhafte Kiste bleibt über Jahrzehnte unentdeckt
Von Anna Zacharias
Rätselhafte Kiste bleibt über Jahrzehnte unentdeckt

Das Bauernhaus am Sachsenhain in Dauelsen vor ein paar Jahren: Derzeit stehen wegen der Restaurierung nur die Stützbalken.

Riepshoff

Hermann und Ilse Hanneken staunten, als sie bei der Restaurierung ihres Bauernhauses in einer Zwischendecke eine alte Kiste fanden. Darin verbargen sich unter anderem Landkarten von 1943, Kleidung und eine Dose mit Fußheilsalbe. Da um diese Zeit herum Zwangsarbeiter in dem Haus untergebracht waren, vermuten sie, dass einer von ihnen seine Flucht plante.

Verden. Mörtel rieselte, es staubte, und zum Vorschein kam schließlich eine Kiste, die jahrzehntelang sicher in ihrem Versteck in einer Zwischendecke geruht hatte. Diesen Fund machte Hermann Hanneken vor einiger Zeit bei der Restaurierung seines Bauernhauses am Sachsenhain in Dauelsen. Seitdem rätselt er über den Ursprung der schweren Schatulle.

"In dem Haus waren ab 1944 Zwangsarbeiter in einem Eckzimmer untergebracht, die von einem Aufseher bewacht wurden. Die sechs Häftlinge kamen wahrscheinlich aus einer Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme", erzählt Hanneken, der sich ausführlich mit der Geschichte des Hauses befasst hat. Die Fenster waren in diesem Bereich des Hauses vernagelt, die Spuren sind heute noch zu erkennen. Hannekens These ist, dass einer der Arbeiter seine Flucht vorbereitet hatte, zu der es nicht kommen sollte.

"Die Vermutung liegt nahe, bei dem Inhalt der Kiste", sagt er. Das Ehepaar sitzt in seiner Küche im Wohnhaus direkt gegenüber dem Bauernhaus, das noch immer restauriert wird. Seit 250 Jahren ist die Familie von Ilse Hanneken auf dem Hof ansässig – wenn auch nicht ganz durchgängig. Ob die Eheleute nach den Bauarbeiten dort einziehen werden, wollen sie erst dann entscheiden.

"Meine Uroma hat zuletzt in dem Haus gewohnt", erzählt Ilse Hanneken. Diese zog im Jahr 1939 wegen ihrer schlechten körperlichen Verfassung weg. Danach stand das Gebäude bis 1944 leer. Anschließend wurde es von den Nazis angemietet. Hanneken öffnet die Kiste und breitet ihren Inhalt auf dem Küchentisch aus. Zum Vorschein kommen zwei detaillierte Landkarten von Russland und dem Raum ums Schwarze Meer aus dem Jahr 1943, Häftlingskleidung, eine Leinenunterhose mit Monogramm, ein Wollpollunder, ein Rasierer, Rasierklingen, Fußheilsalbe, ein Stift zum Blutstillen, ein silberner Gehstockknauf, ein Wandhaken und eine rot versiegelte Ampulle mit einer blauen Flüssigkeit. Am Ende muss man sich wundern, wie das alles in die kleine Kiste passen konnte. "Wir haben die Ampulle sicherheitshalber vom Kampfmittelräumdienst abholen und untersuchen lassen. Als Ergebnis teilte man uns mit, dass es sich um Lösungsmittel handele." Hanneken blickt skeptisch und zuckt mit den Schultern.

Die Nachbarin der Hannekens hat die Zeit noch miterlebt, in der die Gefangenen mit einem SS-Offizier auf dem Hof gelebt haben. Sie war damals 17 Jahre alt. "Ich habe mich mit ihr lange darüber unterhalten und aufgeschrieben, woran sie sich noch erinnern konnte", sagt Hanneken und greift nach einem Zettel mit dem Gesprächsprotokoll. "Der Unterscharführer soll wohl ein ziemlicher Weiberheld gewesen sein", sagt Hanneken mit Blick auf seinen Zettel und schmunzelt. Einer der Gefangenen sei außerdem Russe gewesen. Plante er seine Flucht und sammelte nach und nach alle Utensilien dafür zusammen? Kam das Kriegsende, bevor er seine Pläne umsetzen konnte? Hanneken kann darüber nur spekulieren.

Laut dem Kirchenhistoriker Wilfried Duckstein hatten die KZ-Häftlinge wahrscheinlich die Aufgabe, den Sachsenhain zu einer SS–Schulungsstätte umzubauen. Hanneken berichtet, sie hätten außerdem das Wirtschaftsgebäude des Hofes zu einem Wohnhaus umgestaltet. "Die Vermutung, dass sich hier jemand auf eine Flucht oder aber auch das Kriegsende vorbereitet hat, liegt nahe", sagt Duckstein.

"Und was das hier zu bedeuten hat" – Hanneken nimmt ein paar in ein Tuch eingewickelte Brillen aus der Kiste – "weiß man auch nicht." Die rostigen Sehhilfen fallen buchstäblich auseinander, als Hanneken sie vorsichtig wieder einwickelt. Wollte jemand Tauschgegenstände für die Flucht sammeln? Auch der silberne Gehstockknauf könnte darauf hindeuten.

Aber die Kiste ist nicht das einzige Rätsel, das die alten Mauern des Bauernhauses am Sachsenhain aufgeben. Die Hannekens entdeckten in der Außenmauer eingeritzte Initialen und ein Datum, das auf das Jahr 1942 verweist – die Zeit, in der das Haus vermutlich leer stand. "Die Zwangsarbeiter kamen erst später, von ihnen kann das Datum nicht stammen", sagt Hanneken. Duckstein geht davon aus, dass bereits um 1943 herum polnische Zivilarbeiter in dem Haus gewohnt hatten. Aber auch das ist eine Vermutung.

Bauernhausexperte Heinz Riepshoff kann nur über die Baugeschichte des Hauses aufklären. "Das Innengerüst stammt aus dem Jahre 1685 und wurde 1764 dorthin transportiert", erklärt der Leiter des Bauernhausarchivs in Syke, der das Alter von Bauernhäusern bestimmt. In der Region wurden Mitte des 18. Jahrhunderts Bauern neu angesiedelt, Hannekens Hof war wahrscheinlich einer von ihnen.

In der Nachbarschaft ist das Bauernhaus bei vielen noch als "Imkers Hof" bekannt. "Hier lebte bis 1911 ein Hermann Hinrich Cordes, der einige Bienenvölker hatte. Der Name hat sich zum Teil bis heute durchgesetzt, die Älteren wissen noch, welcher Hof damit gemeint ist", erklärt Hanneken.

Hanneken klappt den Deckel der schweren Kiste wieder zu, und dessen mysteriöser Inhalt verschwindet wieder darin. Wahrscheinlich wird sein Ursprung für immer ein Rätsel bleiben. Das sagenumwobene Bauernhaus steht derweil nur auf den tragenden Balken im regnerischen Frühlingswetter.

1986 war der Hof zuletzt von Mietern der Hannekens bewohnt. Bald wird Ilse Hanneken vielleicht als erste Nachfahrin seit 1939 wieder in dem Haus ihrer Ahnen leben.

Mit der Serie "Häuser erzählen Geschichten" blickt die Redaktion hinter die Fassaden alter und besonderer Gebäude in der Region.

Rätselhafte Kiste bleibt über Jahrzehnte unentdeckt

Häuser erzählen Geschichten: Zwangsarbeiter lebten in Bauernhaus am Sachsenhain

Zitat:

"Der SS-Unterscharführer soll ein Weiberheld

gewesen sein."

Hermann Hanneken

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