Neue Web-Dokumentation Auf den Spuren jüdischen Lebens

Die Reichspogromnacht steht bei einer Führung des Dokumentationszentrums Verden im 20. Jahrhundert im Fokus. Damit alles Corona-konform abläuft, können Interessierte die Tour zunächst nur am Bildschirm erleben.
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Von Marie Lührs

Unter dem Titel „Jüdisches Leben in Verden“ stand in diesem Jahr die Arbeit des Dokumentationszentrums Verden im 20. Jahrhundert (Doz20). Doch allerlei geplante Veranstaltungen mussten Corona-bedingt ausfallen. Eine Führung zur Reichspogromnacht in Verden hatten Hermann Deuter und seine Mitstreiter zwar Pandemie-konform geplant, wegen der verschärften Kontaktregeln liegt die Umsetzung jedoch auf Eis. Wer bis zu einem Termin im kommenden Jahr nicht warten will, kann nun vorab das Geschehen am 9. November 1938 am heimischen Bildschirm verfolgen. Nach den Web-Dokumentationen zum Kriegsende 1945 und der November-Revolution 1918 gibt es nun auch zur Reichspogromnacht in Verden eine ausführliche Übersicht im Internet.

Als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, zählte die jüdische Gemeinde in Verden rund 80 Mitglieder. Sie waren „äußerst präsent, nicht zuletzt durch ihr religiöses und kulturelles Zentrum, die Synagoge am Johanniswall“, beginnt Hermann Deuter, der die Führung ausgearbeitet hat, die Reise in die Vergangenheit. Im Stadtzentrum von Verden gab es über ein Dutzend jüdische Geschäfte, hinzu kamen sieben jüdische Viehhändler.

Bereits in den Jahren vor der Reichspogromnacht erschwerte das NS-Regime zunehmend das Leben der jüdischen Gemeinde. Boykotte, Drangsalierungen und Bedrohungen von jüdischen Geschäftsinhabern, aber auch deren Kunden hatten zum Ziel, die berufliche Existenz der Ladenbesitzer nachhaltig zu untergraben. Es folgten Hetze und das Reichsbürgergesetz, das 1935 Juden zu Bürgern zweiter Klasse degradierte.

„Auch in Verden mussten so schon vor 1938 zahlreiche jüdische Selbstständige und Gewerbetreibende aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben“, erklärt Deuter. Den jüdischen Viehhändlern wurde durch den Entzug ihrer Konzession ein Berufsverbot erteilt. Von den einst 22 jüdischen Selbstständigen und Gewerbetreibenden sowie einem Dutzend Ladengeschäften blieben bis zur Reichspogromnacht nur vier Geschäfte über.

Ausgangspunkt der Führung zur Reichspogromnacht wäre das Mahnmal am Verdener Rathaus gewesen. Dort beginnt – nach einer kleinen Einführung – auch die digitale Version. Die hat Martin Drichel für das Doz zusammengestellt. Zu den Texten von Hermann Deuter steuerte unter anderem Andrea Lutter das erforderliche Bildmaterial bei. Drichel bereitete Text- sowie Bildmaterial für den Internetauftritt auf und fügte beides zusammengefügt. „Der Duktus ist ein anderer, der Charakter ist geblieben“, sagt Drichel über das Ergebnis. Den Inhalt der Führung habe er für die Online-Version an einigen Stellen eingekürzt. Die Teilnahme an der richtigen Führung – sobald ein Ersatztermin möglich ist – lohnt sich also auch für jene, die sich bereits die Webdokumentation zu Gemüte geführt haben.

1993 wurde die Säule in Erinnerung an die ermordeten Juden aus Verden in Anwesenheit einiger, die in der NS-Zeit Angehörige verloren haben oder vor dem Regime geflüchtet sind, eingeweiht. Von dort aus geht es zu fünf „Tatorten“, wie Drichel in der Präsentation die Anlaufpunkte genannt hat. Nur wenige Meter vom historischen Rathaus entfernt an der Großen Straße ist der erste Tatort zu finden. Dort stehen zwei Gebäude, in denen einst jüdische Geschäfte beheimatet waren. Im Haus Nummer 29 wohnten Paul und Clara Baumgarten, die dort lange ein Schuhgeschäft betrieben. Wohl aus wirtschaftlichen Gründen mussten sie es 1936 schließen. Auf dem Hof des Grundstücks, das von der Stifthofstraße erreichbar war, betrieben Pauls Bruder Julius und Luise Baumgarten einen Handel mit Fellen und Altmetall. Im Nachbarhaus (Große Straße 31) verkaufte Agathe Baumgarten mit ihrem Ehemann Arnold – der jüngste der drei Brüder – Trikotagen, Wollwaren, Schürzen und Wäsche. Julius und Agathe Baumgarten zählten zu den wenigen jüdischen Geschäftsinhabern, die es 1938 in Verden noch gab. Die Polizei erließ damals eine Verfügung, nachdem sie ihre Ladeneingänge und Schaufenster in 20 Zentimeter großen Buchstaben mit ihrem Namen beschriften mussten.

Bereits wenige Minuten nach Mitternacht am 9. November 1938 wurden Scheiben und Eingangstür des Geschäfts von Agathe und Arnold Baumgarten eingeworfen. Dasselbe Schicksal ereilte weitere jüdische Geschäfte. Die Synagoge, an die ein Mahnmal am heutigen Fachmarktzentrum erinnert, wurde in eben jener Nacht niedergebrannt.

Einige Stunden später wurden die drei Brüder festgenommen und bis Ende November im Gerichtsgebäude festgehalten. Ihre Geschäfte wurden geschlossen und durften nicht wieder geöffnet werden. Julius und Luise Baumgarten bleiben dennoch in Verden, die beiden anderen Brüder und ihre Familien suchten hingegen in Bremen Schutz. Sie alle planten zu emigrieren, doch die Ausreise scheiterte. Zwei Jahre nach der Reichspogromnacht wurden sie in das Vernichtungslager Minsk deportiert, wo sie im Juli 1942 ermordet wurden. Die Söhne von Arnold und Agathe Baumgarten überlebten. Sie hatten sich früh einer zionistischen Bewegung angeschlossen und waren nach Palästina emigriert. Später kehrten sie für Treffen der ehemaligen jüdischen Bewohner Verdens zurück. Vor Gericht erstritten sie eine Entschädigung.

Die digitale Führung ist unter www.readymade-wa.de/doz20-reichspogromnacht/ zu finden. Das Dokumentationszentrum sucht auch weiterhin nach Informationen über die Reichspogromnacht in Verden. Wer Bildmaterial, Unterlagen oder andere Überlieferungen beisteuern möchte, kann sich unter der Rufnummer 0 42 31/ 9 28 15 53 sowie per E-Mail an doz20-verden@ewe.net an das Doz20 wenden.

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