Häuser erzählen Geschichten: Wirtschaftshof in Hönisch begründet Industrialisierung der Landwirtschaft

Rittergut zwischen Weser und Aller

In Sichtweite des Verdener Doms liegt der Hof der Familie Hesse. Das Wirtschaftsgebäude wurde im Jahr 1890 fertig gestellt. Auch eine Brennerei war bis 1915 im Besitz der Familie.
19.06.2013, 05:00
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Rittergut zwischen Weser und Aller
Von Anna Zacharias
Rittergut zwischen Weser und Aller

Carl-Christian Hesse (links) im Gespräch über die Geschichte des Hofes mit Heinz Riepshoff vor dem alten Speicher des Rittergutes Hönisch. Das Dach des Gebäudes wird zurzeit saniert – natürlich im Sinne des Denkmalschutzes.

Strangmann

In Sichtweite des Verdener Doms liegt der Hof der Familie Hesse. Das Wirtschaftsgebäude wurde im Jahr 1890 fertig gestellt. Auch eine Brennerei war bis 1915 im Besitz der Familie.

Verden. Seitdem Carl-Christian Hesse bewusst ist, welchen Schatz er besitzt, geht er sehr sorgsam mit ihm um. "So etwas", Hesse deutet mit dem Finger auf zwei Garagentore, "würde ich heute nicht mehr machen", sagt der 71-Jährige. Dass er wie jetzt seinen Hof zwischen Weser und Aller mit Blick auf den Dom im Sinne des Denkmalschutzes ausbessern lässt, war früher nicht unbedingt der Fall.

Über die Zufahrt kommt der Besucher direkt von der Hauptstraße auf den Hof und erblickt als erstes den massiven Backstein-Speicher mit verschiefertem Glockenturm und den anliegenden Stallbauten. Auf dem halb abgedeckten Dach krakseln Handwerker und werfen die alten Ziegel in einen Container am Boden. Heute ist Hesse mit Sanierungsarbeiten "vorsichtig", wie er sagt.

"Wir haben es hier sozusagen mit einem gründerzeitlichen Rittergut" zu tun, sagt Bauernhausexperte Heinz Riepshoff. Durch einen königlichen Erlass vom 23.April 1888 wurde das Anwesen zum Rittergut ernannt, bis 1890 entstand hier der große Wirtschaftshof. "Hier sehen wir den Beginn der Industrialisierung der Landwirtschaft, der eine Professionalisierung für die gesamte Region mit sich brachte", sagt Riepshoff. Im Vergleich mit heutigen Maßstäben kann man über die Größenverhältnisse dabei schmunzeln.

"Meine Familie besaß damals um die 50 Schweine", sagt Hesse, der auf dem Hof aufgewachsen ist. Außerdem gab es noch 20 Milchkühe, und es wurde Ackerbau betrieben. "Massentierhaltung", meint Riepshoff, habe damals bei einer Größenordnung von weniger als 200 Schweinen gelegen.

Hesses Urgroßvater und Begründer des Rittergutes, Carl Hesse, besaß auch noch einen Bullen. "Für mich als Kind war der Kälberstall immer spannend, daran erinnere ich mich gut", sagt sein Ur-Enkel heute. So habe er eine Beziehung zu seinem Beruf entwickelt.

Brennerei 1915 geschlossen

Die Viehwirtschaft stellte Carl-Christian Hesse, der den Betrieb 1967 mit 25 Jahren übernahm, im Jahre 1971 aber ein und machte aus dem Gut Hönisch mit 300 Hektar Land einen reinen Ackerbaubetrieb. Seit 2004 führt sein Sohn Carl den Hof. Auch in der Stadt Verden besitzt die Familie einige Häuser. "Ackerbürger" wurden die Vorfahren Hesses, die ein Wohnhaus am Andreaswall am Rande der Altstadt besaßen, deswegen damals genannt, erzählt er. Seine Frau und er hatten mit dem Gedanken gespielt, in das Haus der Vorfahren zu ziehen, sich dann aber doch dagegen entschieden. Ihre sechs Kinder sollten zwischen dem Vieh aufwachsen, entschied das Ehepaar. Bis zum Jahr 1915 besaßen die Hesses auch eine Brennerei an der Nikolaistraße in Verden, die dann geschlossen wurde. "Meine Großmutter war eine Pastorentochter und überzeugte Anti-Alkoholikerin. Sie hat durchgesetzt, dass die Brennerei auch nicht wieder eröffnet wurde", sagt Hesse und schmunzelt.

Überhaupt spielten die Frauen in der Hesse-Familie keine ganz unbedeutende Rolle. "Die Männer haben über 300 Jahre hinweg immer gut geheiratet", sagt Hesse, und: "Sie musste schon was haben."

Vor dem Ersten Weltkrieg boomte der Betrieb, ein Anbau entstand rechts vom Speicher um 1908/09 herum. Nach der Wirtschaftskrise in den 20er-Jahren stabilisierte sich die Lage für die Landwirte wieder. Die Entwicklung der Eisenbahn spielte eine große Rolle bei der Vermarktung der Erzeugnisse.

Die Zeiten für Landwirte haben sich geändert, aber, meint Hesse, "die schlimmste Phase liegt aber hinter uns". Für alle sei der Markt größer geworden. "Wir sind eingebunden in Handelsströme und verkaufen in Europa ohne Zollgrenzen."

Mit der Serie "Häuser erzählen Geschichte" gewährt die Redaktion Blicke hinter die Fassaden alter und besonderer Gebäude in der Region.

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