Marionetten-Bauerin aus Verden Zum Leben erweckt

Rotraud Scholz entwirft und baut Marionettenpuppen, Fotograf Uwe Jöstingmeier setzt die Figuren in Szene
01.08.2021, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Zum Leben erweckt
Von Mario Nagel

Rote, schulterlange Haare, ein schwarz-weiß punktiertes Halstuch, eine silberne Halskette samt silbernem Schloss und eine schwarze Lederjacke mit einem schwarzen Ansteckpin, auf dem das Wort Chaos steht: Maxi ist gekleidet, als sei sie eine Motorradbraut. Sie ist quasi eine Draufgängerin, könnte man meinen. „Maxi ist jung und flippig, die passt nach Kreuzberg“, sagt Rotraud Scholz. Der Berliner Stadtteil sei schließlich auch etwas eigen, aber hip, cool, eben anders. So wie Maxi, die aber kein Mensch ist, sondern eine Marionette. Und Scholz ist nicht etwa die leibliche Mutter, sondern ihre Erbauerin.

Maxi ist gemeinsam mit Jochen, einem etwas spießig daherkommenden Öko-Aktivisten, die letzte Kreation der Kunstschaffenden. Beide sind im Rahmen dieser Fotoreportage entstanden. Mit dem Fotografen Uwe Jöstingmeier und den beiden Figuren ist Scholz vor Kurzem nach Berlin gefahren, um Maxi und Jochen zum Leben zu erwecken. Ihr viertes Projekt „An Fäden in Berlin“ erzählt die Geschichte, wie beide Puppen die Stadt erkunden. „Wir wollten erst an die üblichen touristischen Orte, haben uns dann aber überlegt, dass die Figuren ihr eigenes Ding machen“, sagt Rotraud Scholz. Zu sehen ist das Projekt unter www.an-faeden.de

Vor etwa 30 Jahren ist sie das erste Mal mit einer Marionettenfigur in Berührung gekommen, erzählt sie. In einem Kunstgewerbeladen, nicht weit von ihrem Wohnort in Verden entfernt, habe die Gliederpuppe gehangen – und hinterließ einen bleibenden Eindruck. Sie schrieb sich in einen Marionettenkurs an der Volkshochschule in Verden ein. „Der Kurs hat mir viel Spaß gemacht, danach bin ich dran geblieben, habe meine ersten Marionetten gemacht. Aber später habe ich wegen meines Berufes und der Familie keine Ruhe mehr dafür gefunden.“

Scholz arbeitete als Lehrerin, hat einen Sohn. Heute arbeitet sie nicht mehr – und kann sich deshalb wieder voll und ganz ihrem Hobby widmen. „Ich hatte noch einige unfertige Figuren und Köpfe, die habe ich zunächst weitergemacht“, sagt Rotraud Scholz. Fast 40 Marionetten hat sie mittlerweile entworfen und die Figuren und ihre Projekte auf vielen Ausstellungen gezeigt.

Die Menschen hätten sich in der Regel begeistert von den Puppen gezeigt, vor allem aber von den Bildern. „Ganz häufig hören wir, dass das Foto so echt aussieht, dass es auch ein Mensch sein könnte. Genau das wollen wir erreichen.“ Die Wertschätzung benötige sie aber nicht als Entschädigung für den Aufwand, auch wenn sie sich über die Rückmeldungen freue. Etwa 50 bis 70 Stunden Arbeit stecken laut Scholz in jeder Puppe. „Es ist eine mühsame Arbeit, fertige Kleidungsstücke oder Accessoires findet man eigentlich nie.“ Bei einigen Puppen benötigt sie daher einige Monate bis zur Fertigstellung, für andere auch mal Jahre. „Am wichtigsten ist, dass die Figuren ihren eigenen Charakter entwickeln und dieser mit der Zeit wächst“, erklärt sie.

Der Arbeitsablauf ist anfangs immer gleich: Als erstes wird der Kopf hergestellt. Dafür trägt Scholz eine Mischung aus Holzleim und Knetmasse auf eine Styroporkugel auf und drückt sie in Form. Während des Prozesses verändern sich sowohl die Kopfform als auch das Gesicht mehrmals. „Den goldenen Kopf gibt es nicht. Über die Stunden verändere ich immer wieder was, manchmal verschlimmbessert man es auch“, sagt Rotraud Scholz und lacht. Sie habe auch schon einen Kopf zerdrückt, weil das Ergebnis völlig unzufriedenstellend war.

Ist sie aber zufrieden, folgen die Haare, dann der Körper, die Kleidung und die Accessoires. Immer nacheinander, selbst produziert, aufeinander abgestimmt. Haare bekommt sie manchmal von Friseuren, Kleidungsstücke von Freunden und Bekannten. „Ich schaue mir die Figur an und frage mich, welche Persönlichkeit darin stecken, welche Geschichte sie erzählen könnte.“ Aus diesem Grund hat sich Scholz auch dagegen entschieden, auf Bestellung zu arbeiten. Das Aussehen und der Charakter der Puppe seien von Anfang an vorgegeben. „Dabei ist gerade die Entwicklung so spannend und faszinierend.“ Sie habe bislang auch nur einige wenige Puppen verkauft, sie lebe nicht von ihrem Hobby. „Es macht mir einfach sehr viel Spaß“, sagt Rotraud Scholz.

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