Archäologen sind begeistert: Erster Beleg eiszeitlicher Menschendarstellung

Sensation: "Venus von Bierden"

Achim-Bierden. Ein kleiner, flacher Sandstein, etwa fünf mal acht Zentimeter groß, schickt sich an, Schlagzeilen zu machen. Denn auf dem Stein ist mit wenigen Linien eine Frauenfigur eingraviert, die "Venus von Bierden", wie die Archäologen sie begeistert tituliert haben. Denn die Darstellung hat ein Mensch in der Späten Altsteinzeit gemacht, also vor vielleicht 12000 oder vor 15000 Jahren.
20.08.2011, 05:00
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Von Ulrich Tatje

Achim-Bierden. Ein kleiner, flacher Sandstein, etwa fünf mal acht Zentimeter groß, schickt sich an, Schlagzeilen zu machen. Denn auf dem Stein ist mit wenigen Linien eine Frauenfigur eingraviert, die "Venus von Bierden", wie die Archäologen sie begeistert tituliert haben. Denn die Darstellung hat ein Mensch in der Späten Altsteinzeit gemacht, also vor vielleicht 12000 oder vor 15000 Jahren.

Der Bau der Gasleitung von Mecklenburg-Vorpommern bis in den Landkreis Diepholz hat diesen Stein zutage gefördert, den die Archäologen als Sensation einstufen. Grabungsleiter Klaus Gerken erklärte bei einer Präsentation des Steines, warum die Fachwelt so begeistert ist. Denn solche Darstellungen sind sehr wohl bekannt, allerdings aus dem sogenannten Magdalénien. Allerdings haben die Menschen zu jener Zeit (vor etwa 14000 bis 16000 Jahren) weiter im Süden gelebt, in den Mittelgebirgen. Das war die Zeit, als sich das Eis weiter nach Norden zurückzog, der Wolf zum Hund domestiziert wurde und die Jäger noch den letzten Mammuts nachstellten. Die Jagdwaffen hatten Klingen und Spitzen aus bearbeitetem Feuerstein. Hier oben im Norden kennt man die Jäger und Sammler jener Periode bislang nicht.

Faszinierender Minimalismus

Die ältesten archäologischen Funde in Norddeutschland werden einer jüngeren Phase, der Federmesserkultur und der sogenannten Hamburger Kultur zugeordnet. Da benutzten die Jäger bereits Pfeil und Bogen. Wenn die "Venus von Bierden" aus jener Zeit stammt, wäre die Sensation ebenfalls perfekt, denn dann hätten die Menschen eine alte Kulturtechnik nachgeahmt, was bisher noch nicht bekannt war.

Bei diesem Stein, erklärte Klaus Gerken, handelt es sich um einen sogenannten Retuscheur, einen Stein, der zur Bearbeitung von Steinwerkzeugen benutzt wurde. Wie alt er genau ist, will Gerken in den kommenden Wochen versuchen, festzustellen.

Ob die "Venus von Bierden" primär eine künstlerische oder eine rituelle Darstellung ist, ist noch nicht geklärt. Auf jeden Fall hat der Künstler nur wenige Linien benötigt, um die Frau in einer Mischung aus Frontal- und Seitenansicht darzustellen, mit angedeutetem Schambereich, prononcierter Darstellung des Gesäßes und spitz zulaufender Beinpartie. Wie andere vergleichbare Gravuren hat die Frau weder Füße noch Kopf. "Eine faszinierende Darstellung der Bewegung", schwärmt Archäologe Zafer Görür, "die man in der Neuzeit nur bei Picasso wiederfindet".

In der norddeutschen Tiefebene ist die "Venus von Bierden" der erste Beleg eiszeitlicher Menschendarstellung, auch wenn das Alter noch nicht exakt bestimmt wurde. In den kommenden Wochen werden sich weitere Fachleute mit dem Stein beschäftigen, ihn zeichnen und fotografieren. Später sollte versucht werden, so Bernd Rasink vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, für die "Venus von Bierden" einen Ausstellungsplatz in Verden zu finden. Darüber wäre auch Kreisarchäologin Jutta Precht höchst erfreut, wie sie gestern in Bierden betonte.

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