Beim Schafwinkler Markt präsentieren sich die Werkstätten der Tragenden Gemeinschaft Sie duften immer nach Weihnachten

Kirchlinteln-Schafwinkel. Imke steht in der Kerzenwerkstatt. „Ich habe eine ruhige Hand“, erzählt die 34-Jährige, taucht den langen Baumwolldocht mit der Metallklammer dran in das Tauchbecken mit dem geschmolzenen Wachs ein.
18.11.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Kirchlinteln-Schafwinkel. Imke steht in der Kerzenwerkstatt. „Ich habe eine ruhige Hand“, erzählt die 34-Jährige, taucht den langen Baumwolldocht mit der Metallklammer dran in das Tauchbecken mit dem geschmolzenen Wachs ein. Immer wieder lässt sie den weißen Faden in das 74,5 Grad Celsius heiße Becken gleiten. „Der Schmelzpunkt von Wachs liegt bei 68 Grad Celsius“, erzählt Werkstattleiter Henk Dohle, während er Imke bei der Arbeit über die Schulter schaut. Das regelmäßige Eintauchen habe etwas Meditatives für die junge Frau mit Down-Syndrom, erläutert Dohle die therapeutische Wirkung der Arbeit in der Kerzenwerkstatt.

Die von Imke gefertigten Bienenwachs-Kerzen gibt es selbstverständlich auch wieder beim Schafwinkler Markt an diesem Sonntag, 20. November, zu kaufen. Zwischen 11 und 18 Uhr findet der Tag der offenen Werkstätten auf dem Gelände der Tragenden Gemeinschaft, Schafwinkeler Dorfstraße 3-5, statt. Kaffee und Kuchen in der Diele, Pizza aus dem Backhaus, Heidschnuckenbratwurst und passend zur bevorstehenden Adventszeit selbstverständlich auch Glühwein warten dann auf die Besucher. „Erstmalig gibt es in diesem Jahr auch eine amerikanische Versteigerung“, freut sich der Geschäftsführer der Tragenden Gemeinschaft Schafwinkel, Pastor Hans Bergann-Reeb, wenn das bunte Papier-Nashorn endlich unter den Hammer kommt. Die Versteigerung beginnt um 15 Uhr, der Erlös fließt an die Tragende Gemeinschaft.

Unter Anleitung der beiden Werkstattleiterinnen Katharina Duensing und Julia Hundsdörffer haben die Beschäftigten aus der Papierwerkstatt das tierisch große Kunstwerk in den vergangenen drei Monaten mit ganz viel Liebe zum Detail gebaut. Das farbenfrohe Rhinozeros besteht nämlich vornehmlich aus Klopapier, aber auch Zeitungs- und Geschenkpapier hat das Werkstatt-Team dafür verwendet. Beim Papier-Nashorn handelt es sich übrigens um eine Gemeinschaftsarbeit, denn das Holzgestell wurde zuvor schon in der hauseigenen Tischlerei hergestellt. Auch die Weberei und die Neue Werkstatt präsentieren den Besuchern beim Schafwinkler Markt wieder ihre reichhaltige Produktpalette.

Vor 23 Jahren wurde die Tragende Gemeinschaft – ein eingetragener Verein – aus einer Elterninitiative heraus am Standort Schafwinkel gegründet, der Vorläufer befand sich noch in Bendingbostel. Ziel der Eltern war es damals, ihren beeinträchtigten Kindern einen geeigneten Ort zum Leben und Arbeiten zu schaffen. 46 Menschen mit einem geistigen, körperlichen oder seelischen Handicap fühlen sich heute im Herzen von Schafwinkel pudelwohl. Die anthroposophische Einrichtung arbeitet im Sinne von Rudolf Steiner, und das „ressourcenorientiert“, wie Hans Bergann-Reeb erklärt. „Wir schauen auf die Stärken des Menschen, nicht auf seine Schwächen, assistieren unseren Bewohnern dabei, ihre jeweiligen Bedürfnisse, Wünsche und Ziele herauszufinden, damit sie selbstbestimmt leben können.“ Stichwort Selbstbestimmung: Nächstes Jahr würden im Bunkenhof beispielsweise zwei weitere Einzelzimmer realisiert, berichtet der Pastor, dass dort ein Pärchen einziehen werde. Auch das Thema Demenz rücke immer mehr in den Fokus der Tragenden Gemeinschaft. „Unser ältester Bewohner ist 79 Jahre alt“, weiß Hans Bergann-Reeb, dass die steigende Lebenserwartung von Menschen mit Beeinträchtigungen auch altersbedingte Krankheitsbilder nach sich ziehe.

Die graue Eminenz in der Kerzenwerkstatt ist jedenfalls Ewert Driehaus. Bei ihm können sich Imke, Sina und die anderen Mitarbeiter noch eine Menge abschauen. Die Kerzenwerkstatt gibt es bereits seit 1993. Rund 600 Kilo Bienenwachs werden dort pro Jahr verarbeitet. „Wegen des Bienensterbens sind die Wachspreise sehr in die Höhe geschnellt“, betont Werkstattleiter Henk Dohle. Egal ob Teelichter, Baumkerzen oder Stumpenkerzen – Bioläden und Schulen zählen zu den Abnehmern der Bienenwachskerzen made in Schafwinkel. Durch die Arbeit in der Kerzenwerkstatt wird der Alltag von Imke, Sina und den anderen so strukturiert, dass sie sich sicher und geborgen fühlen. Denn nichts sei für Menschen mit Handicap wichtiger als eine klare Tagesstruktur, ein fester Rhythmus, weiß Henk Dohle. „Ich creme mir jeden Abend nach dem Kerzenziehen die Hände ein“, verrät Imke, die Frau mit der ruhigen Hand. „Aber dafür dufte ich auch immer das ganze Jahr nach Weihnachten.“

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