Sechs Tandems aus dem Kreis nehmen am landesweiten Mentoring-Programm „Politik braucht Frauen“ teil

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Landkreis Verden. Der Blick auf die Zusammensetzung des Verdener Kreistages sage alles: „Von den Kreistagsmitgliedern sind lediglich 20,9 Prozent Frauen“, blickt Karin Labinsky-Meyer, Vorsitzende des Kreisfrauenrates, in die Statistik. Von den Mandatsträgern der SPD seien ein Viertel Frauen, bei den Christdemokraten hingegen gerade mal zwölf Prozent.
14.03.2016, 00:00
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Von Jörn Dirk Zweibrock
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Um den Frauenanteil in den Räten nach der Wahl zu erhöhen, stehen Kommunalpolitiker ihren Mentees mit Rat und Tat zur Seite.

Focke Strangmann

Der Blick auf die Zusammensetzung des Verdener Kreistages sage alles: „Von den Kreistagsmitgliedern sind lediglich 20,9 Prozent Frauen“, blickt Karin Labinsky-Meyer, Vorsitzende des Kreisfrauenrates, in die Statistik. Von den Mandatsträgern der SPD seien ein Viertel Frauen, bei den Christdemokraten hingegen gerade mal zwölf Prozent. Einzig die grüne Kreistagsfraktion komme auf 44 Prozent Frauenanteil, schlüsselt Karin Labinsky-Meyer die Zahlen auf.

Schon bevor das landesweite Mentoring-Programm „Politik braucht Frauen“ an den Start ging, wurde im Landkreis Verden der Kreisfrauenrat gegründet. Mit dem Ziel, mehr Frauen für die Politik zu gewinnen. Das war vor mehr als 20 Jahren. Heute fahren die Damen lieber Tandem. An der Seite von erfahrenen Kommunalpolitikerinnen bekommen interessierte Frauen das Handwerkszeug vermittelt, welches sie für ihre künftige Arbeit im Kreistag, den Stadt-, Gemeinde- und Samtgemeinderäten benötigen.

Das landesweite Mentoringprogramm „Politik braucht Frauen“ steht unter der Schirmherrschaft von Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt und findet mittlerweile in der fünften Auflage statt. Vom Standort Rotenburg aus koordiniert es Ute Pommerien, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Rotenburg, für die Kreise Verden, Rotenburg, Heidekreis sowie Osterholz-Scharmbeck. „Die Kommunalpolitikerinnen als Mentorinnen bilden dabei gemeinsam mit den Frauen – ihren Mentees – ein Tandem“, erläutert Ute Pommerien. Heißt übersetzt: Sie werden von Kreistagabgeordneten und Stadtparlamentarierinnen fit für die Kommunalpolitik gemacht. Denn der bevorstehende Urnengang im Herbst wirft längst seine Schatten voraus. Die Parteien basteln eifrig an ihren Listen. „Im Landkreis Verden gibt es die meisten Tandems. Ganze sechs an der Zahl. Wovon gleich vier Frauen bei der Kommunalwahl am 11. September antreten wollen“, freut sich Christine Borchers, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Verden, dass das weibliche Geschlecht langsam die Räte erobern will.

Gabriele Krokowski aus Achim ist eine der Frauen, die es in die Politik zieht. Als Mentorin steht der Finanzbuchhalterin die Achimer Ratsfrau Isabel Gottschewsky von der CDU zur Seite. Wie ihr Beruf schon verrät, ist Gabriele Krokowski ein richtiger Zahlenmensch. „Sollte ich im Herbst in den Achimer Stadtrat gewählt werden, favorisiere ich einen Sitz im Finanzausschuss“, schreckt die Achimerin nicht vor Zahlenwerken wie dem doppischen Haushalt zurück.

Im Gegenteil. Sie fühlt sich von den Achimer Christdemokraten auf ihrem Weg in die Kommunalpolitik gut unterstützt, hofft nun auf „einen aussichtsreichen Listenplatz“. Die Fraktionschefin der Grünen im Achimer Stadtrat, Silke Thomas, ist hingegen die Mentorin von Christine Vornholt. „Die Chemie zwischen uns beiden passt einfach“, lobt die Achimerin das Arbeitsverhältnis der beiden. Durch die Elternarbeit ist die 65-Jährige damals zum ersten Mal mit der Stadtpolitik in Berührung gekommen, besucht bereits regelmäßig die Ausschüsse des Rates. „Ich bin einfach von Natur aus ein neugieriger Mensch“, freut sich Christine Vornholt, dass sie sich bereits gut in die politischen Inhalte eingearbeitet habe. Übrigens: Ihre Mentorin sei früher selbst über das landesweite Coaching-Programm „Politik braucht Frauen“ in die Kommunalpolitik gekommen, erzählt die Mentee von Silke Thomas.

Die Stärkung des Ehrenamtes, die ländliche Tourismus-Förderung sowie den Kampf gegen Fracking hat sich dagegen die 46-jährige Christiane Siemer „aus dem kleinen gallischen Dorf Eißel bei Thedinghausen“ auf die Fahnen geschrieben, sollte sie denn im Herbst auf Gemeinde- oder Samtgemeinde-Ebene viele Wählerstimmen auf sich vereinen. Die berufstätige Mutter arbeitet als Assistentin der Geschäftsführung in einer Bank, wird in ihrer Freizeit von Dieter Mensen für die Kommunalpolitik „gecoacht“. Das Gesicht der Grünen Liste Thedinghausen ist einer der wenigen Männer, die im Zuge des Mentoringprogrammes eine Frau fit für die Arbeit in den politischen Gremien machen. „Ich bin damals über das Programm ,Politik braucht Männer’ in die Politik gekommen“, scherzt Dieter Mensen. Spaß beiseite – bevor er begonnen habe, Politik zu machen, habe sich bereits seine Frau politisch engagiert. Und was sagt der Gatte von Christiane Siemer dazu, dass seine Frau abends vielleicht bald mehr Zeit in Sitzungen verbringt als im häuslichen Wohnzimmer?„Der sagt immer, einer muss es ja machen.“ Neben Christiane Siemer bekommt auch Stefanie Gogoll das Rüstzeug für die Kommunalpolitik von einem Mitglied der Grünen Liste Thedinghausen vermittelt – und zwar von Dirk Jacobs.

Anfang 2015 in der Landeshauptstadt Hannover gestartet, ist das Mentoring-Programm mittlerweile offiziell abgeschlossen. „Die Parteistrukturen werden nach wie vor von Männern geprägt“, hofft Christine Borchers, dass sich der Frauenanteil in den politischen Gremien nach den Kommunalwahlen am 11. September dadurch deutlich erhöht. Selbst als Mentorin könne man bei diesem Programm noch jede Menge lernen, betont Karin Labinsky-Meyer, die bereits vor 15 Jahren die erste Frau fit für die Kommunalpolitik gemacht hat.

Eine Anekdote muss Mentee Christiane Siemer noch loswerden. Sie war schon mal Bürgermeisterin. Jetzt wirklich. „Unsere erste Kreisrätin Regina Tryta hat uns in einem Vortrag die Rechtsgrundlagen für die Arbeit in den politischen Gremien vermittelt. Da haben wir eine Ratssitzung simuliert und ich habe die Bürgermeisterin gespielt.“

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