Hermann Scholing erklärt, warum Sonnenstrom immer noch wirtschaftlich ist

Speicher statt Strommasten

Der Markt sei eingebrochen, heißt es. Inwieweit sind Sie und Ihre Handwerkerkollegen betroffen?
16.06.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Der Markt sei eingebrochen, heißt es. Inwieweit sind Sie und Ihre Handwerkerkollegen betroffen?

Um bis zu 30 Prozent wollten der frühere Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) die Vergütung für Solarstrom kürzen. Der Bundesrat hat die Pläne zwar einstweilen gestoppt, doch viele sind verunsichert. Soll man sich jetzt noch ein Sonnenkraftwerk aufs Dach setzen? Johannes Heeg sprach darüber mit Hermann Scholing, dem Obermeister der Verdener Elektro-Innung.

Herr Scholing, Ihr Betrieb installiert seit Jahren Photovoltaikanlagen. Dieser Bereich macht die Hälfte Ihres Umsatzes aus, und offenbar können Sie davon ganz gut leben. Doch rechnet sich das künftig auch für Ihre Kunden?Scholing:

Ja. Denn erstens werden die Module billiger, und zweitens steigt auf der anderen Seite der Strombezugspreis tendenziell immer weiter an. Je höher der Strompreis ist, desto mehr lohnt es sich, einen Teil des selbst erzeugten Sonnenstroms im eigenen Haus zu verbrauchen.

Wie hoch ist zurzeit die Einspeisevergütung?

Der Vergütungssatz ist zum 1. Januar 2012 planmäßig um 15 Prozent reduziert worden. Das heißt, für Anlagen, die in diesem Jahr installiert werden, bekommen die Betreiber im Moment 24,43 Cent je Kilowattstunde. Und das für 20 Jahre garantiert. Nach den Plänen der Bundesregierung sollte die Vergütung zum 1. April auf 19,50 Cent gesenkt werden. Nun schauen wir, was im Vermittlungsausschuss passiert. Wir rechnen damit, dass der Satz rückwirkend zum 1. April reduziert wird. Vielleicht wird es aber auch der 1. Mai oder der 1. Juni, wer weiß.

Das hört sich chaotisch an. Wie wirkt sich der Hickhack bei der Politik auf Ihre Branche aus?

Der Markt ist durch den Zickzack-Kurs der Politik unruhig geworden. Solarbetreiber und Handwerk brauchen aber verlässliche Perspektiven, was die Einspeisetarife angeht. Wer mehrere Tausend Euro investiert, will Planungssicherheit.Der Markt sei eingebrochen, heißt es. Inwieweit sind Sie und Ihre Handwerkerkollegen betroffen?Die Lage ist, zumindest in unserer Region, noch nicht dramatisch. Die Kunden reagieren aber sensibel. Wir bekommen immer noch viele Anfragen, erhalten aber weniger Aufträge als im vorigen Jahr.Welchen Beitrag leistet Solarstrom für die Energiewende?Ende 2011 speisten in Deutschland mehr als eine Million Photovoltaikanlagen rund 19 Milliarden Kilowattstunden Strom in die öffentlichen Netze ein. Der Anteil an der deutschen Stromerzeugung liegt bei rund vier Prozent. Allein 2011 wurden in Deutschland PV-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 7,5 Gigawatt installiert – ein absoluter Rekord. Die Leistung aller Anlagen zusammengenommen beträgt 25 Gigawatt.Was meinen Sie, warum tritt die Bundesregierung auf die Bremse?Aus zwei Gründen. Erstens wollte die Regierung verhindern, dass die Kosten für die Stromkunden weiter wachsen. Sie bezahlen die Förderung der Solarenergie per Umlage. Ausgenommen sind allerdings Industriebetriebe mit hohem Stromverbrauch. Zweitens hält der Ausbau der Stromnetze nicht Schritt mit dem rasanten Wachstum der Photovoltaik. Die Stabilität der Netze ist an manchen Orten gefährdet, wo viel Strom aus Sonne, Biogas und Wind eingespeist, aber wenig verbraucht wird. In Schleswig-Holstein und in Nordwest-Niedersachsen kann es da Probleme geben. Der Netzausbau kommt seit Jahren nicht recht voran, keiner will Strommasten vorm Haus.Das stimmt. Aber es gibt andere Lösungen, zum Beispiel intelligente Speicher. Batterien speichern einen Teil des Sonnenstroms, der dann nachts zur Verfügung steht, wenn die Sonne nicht scheint. Heutzutage werden Erzeugungsanlagen mit Speicher-Steuerung wirtschaftlich geplant und ausgeführt. Hilfreich ist es auch, elektrische Geräte dann zu betreiben, wenn reichlich selbst erzeugter Strom zur Verfügung steht. Auch dafür gibt es längst intelligente und bezahlbare Steuerungen.Stromspeicher für den Hausgebrauch kosten Tausende von Euro. Und die Akkus halten nur fünf bis sieben Jahre.Trotzdem können Photovoltaikanlagen wirtschaftlich sein. Wie gesagt, mit steigenden Strompreisen wird das immer interessanter. Übers Jahr gesehen, kann man mit seinem Sonnenstrom bis zu 70 Prozent seines Strombedarfs selber decken. Das rechnet sich.Ist es wahr, dass die Energieversorger Photovoltaik-Anlagen abschalten dürfen?Seit Beginn dieses Jahres dürfen Energieversorger Photovoltaikanlagen, deren Strom sie aufnehmen, in der Leistung reduzieren oder ganz abschalten, wenn die Stabilität des Stromnetzes gefährdet ist. Das geschieht per Fernschaltung und nur bei Anlagen, die ab diesem Jahr ans Netz gegangen sind. Betreiber von Bestandsanlagen, je nach Baugröße und Inbetriebnahme-Zeitpunkt, erhalten vom Energieversorgungsunternehmen eine Benachrichtigung. Eine Netz-Anpassung kann von uns Fachbetrieben einfach ausgeführt werden.Was bedeutet das, wenn das Stromnetz nicht stabil ist?In Deutschland wird Wechselstrom mit einer Frequenz von 50 Hertz verwendet. Steigt die Frequenz auf über 50,2 Hertz, kann es zu Überspannungsschäden in elektrischen und elektronischen Geräten kommen.

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