Fußball

Bye-bye Gelb-Rot

In Hessen soll ein Fußball-Pilotprojekt auf Kreisebene starten. Dabei ersetzt die Zeitstrafe die Ampelkarte. Was denkt man im Fußballkreis Verden darüber? Es gibt unterschiedliche Meinungen.
30.03.2020, 18:15
Lesedauer: 5 Min
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Bye-bye Gelb-Rot
Von Patrick Hilmes
Bye-bye Gelb-Rot

Geld-Rot – in Hessen wird es auf Kreisebene wahrscheinlich diese Kartenkombination für zwei Spielzeiten nicht mehr geben.

Björn Hake

Irgendwann wird es weitergehen mit dem liebsten Spiel der Deutschen. Irgendwann wird der Fußball wieder rollen. Fraglich ist aber noch vieles: Zum Beispiel, ob die laufende Spielzeit regulär beendet oder einfach ein Cut gemacht und die nächste Saison eingeläutet wird – oder, oder, oder. Varianten gibt es viele. Sollte es die sein, bei der direkt die nächste Spielzeit gestartet wird, dann haben einige Mannschaften in Hessen ihre vorerst letzte Partie mit der Gelb-Roten Karte gespielt. Der Grund: In dem Bundesland soll ab der nächsten Saison ein Pilotprojekt anlaufen, in dem eine Zeitstrafe die Ampelkarte ersetzt. Es bezieht sich ausschließlich auf Kreisebene und auf Herren-Mannschaften.

Runterkommen statt runterfliegen

Geplant ist: Der nächste Schritt nach einer Gelben Karte ist nicht die zweite Gelbe und somit Gelb-Rot, sondern eine Sanktionierung in Form einer zehnminütigen Zeitstrafe. Der Spieler kann somit erst einmal etwas runterfahren, zur Ruhe kommen. Nach Ablauf dieser Frist darf er zurück auf das Spielfeld. Sollte er sich im Anschluss noch ein weiteres verwarnungswürdiges Vergehen erlauben, erfolgt der direkte Platzverweis mittels der Roten Karte. Gelb-Rot wird aus dem Strafenkatalog gänzlich gestrichen. Entsprechend heißt es dann: runterkommen statt runterfliegen.

In Hessen soll also getestet und evaluiert werden. Sollte es eine erfolgreiche Probe und das Projekt salonfähig werden, könnte es auch Einzug im Kreis Verden erhalten: Was halten die Verantwortlichen der Region von der Einführung der Zeitstrafe?

Axel Sammrey, dem Coach des Bezirksligisten TV Oyten, fällt sofort ein: „Das hatten wir doch alles schon.“ Recht hat er, doch das ist schon ein paar Tage her. In der Saison 1978/79 wurde die Zeitstrafe bei Amateurspielen als Pilotprojekt eingeführt. Lange Zeit wurde mit dieser Regel gespielt. So auch Axel Sammrey selbst. „Da war ich noch selbst aktiv und durfte auch ab und an ein paar Minuten zugucken“, gesteht der Trainer schmunzelnd. 1992 verschwand die Zeitstrafe wieder aus dem Regelbuch, da damals die Gelb-Rote-Karte eingeführt wurde. Die 1. und 2. Bundesliga hatte sich immer erfolgreich gegen die Einführung gewehrt. Die Wiederbelebung erfolgte 2017. Damals genehmigte das International Football Association Board (IFAB) die Einführung von Zeitstrafen nach Gelben Karten – allerdings nur im Jugend-, Amateur- und Behindertenfußball. Im Jugendbereich setzen einige Landesverbände in Deutschland die Zeitstrafe auch um und verweisen auf einen erzieherischen Effekt.

Pro und kontra im Kreis Verden

Bei den Verantwortlichen aus dem Kreis Verden stößt das Pilotprojekt auf pro und kontra. „Man beruhigt nur den einen Spieler, nicht das Spiel selbst. Wenn du selbst über das Ziel hinausschießt, auf 180 bist und raus musst, dann hilft die Zeitstrafe. Aber ist es ein hektisches Spiel, wird dadurch nicht die große Wende eingeleitet“, gibt Sammrey zu bedenken. Würde das Ganze jedoch etwas anders umgesetzt als geplant, wäre Sammrey ein Befürworter. Nils Goerdel, Coach des TSV Etelsen, machte den Vorschlag, dem auch Oytens Trainer zustimmen würde: „Ich würde nicht pauschal eine Zeitstrafe geben. Es gibt viele Situationen, die quasi ein Zwitter sind, die zwischen Gelb und nicht Gelb liegen. Der Schiedsrichter müsste das abwägen können. Wenn ein Spieler meckert, dann kann der Schiri ihm die Zeitstrafe geben. Grätscht ein Spieler einem anderen aber von der Seite in die Beine, muss er ihm auch Gelb-Rot geben können.“

Ein Gegner der Zeitstrafe ist Marcus Neumann, der Schiedsrichterobmann des Kreises Verden, der zum 30. Juni sein Amt abgeben wird, aber noch weiter als Unparteiischer tätig sein will. „Ich persönlich halte davon nichts. Ich zeige dem Spieler mit der Gelben Karte bereits sein Fehlverhalten auf. Das zweite Fehlverhalten muss dann Konsequenzen haben, dann kann der Spieler auch duschen gehen. Ich sehe da keinen Zugewinn. Fehlbare Spieler dürfen trotzdem noch weitermachen. Sie müssen zwar kurz vom Platz, kommen aber auch wieder zurück. Wir haben schon genug Stress auf dem Platz“, findet Neumann klare Worte. Und er geht auch noch einen Schritt weiter. „Wir bieten jedem Verein an, dass wir vorbeikommen und das Regelbuch erklären. Ich könnte diejenigen im Galopp durch die Regeln führen. Da das aber keiner will, sollten alle die Regeln kennen. Dann sollen sie sich auch daran halten.“

Unrühmlicher Auslöser

Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass die Zeitstrafe wieder in den Fokus gerückt ist? Dass das Pilotprojekt in Hessen stattfindet, ist kein Zufall und es hat einen unrühmlichen Hintergrund, der die größte Problematik im Amateurfußball betrifft. Im vergangenen Jahr hatte es diverse Angriffe auf Schiedsrichter in dem Bundesland gegeben. Insbesondere zwei davon hatten auch bundesweit für Aufsehen gesorgt. Im Spiel SKG Rumpenheim II gegen Sparta Bürgel II (Kreisliga C Offenbach) wurde der Unparteiische beleidigt, geschlagen, getreten und bespuckt. Im Spiel FSV Münster gegen den TV Semd in Südhessen wurde der 22-jährige Schiedsrichter gar bewusstlos geschlagen und wurde per Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht.

Bereits zuvor spielten die hessischen Vereine mit dem Gedanken, eine Wiedereinführung der Zeitstrafe zu beantragen. Diese beiden Vorkommnisse gaben wohl den letzten entscheidenden Anstoß. Die Vereine richteten ihren Antrag an den Ausschuss für Spielbetrieb und Fußballentwicklung im Hessischen Fußballverband (HFV) und dieser gab ihn weiter an den DFB, der ihm letztendlich zustimmte. Zwei Jahre soll der Test andauern. Ob es ihn aber überhaupt geben wird, ist jedoch noch nicht endgültig beschlossen. Das soll auf dem nächsten Verbandstag der Hessen geklärt werden, der bisher für den 6. Juni geplant ist.

Die Zeitstrafe wirft jedoch viele weitere Fragen auf, von denen auch Jens Stührmann, Trainer des Kreisligisten TSV Thedinghausen, einige einfallen: „Wie macht der Schiedsrichter das bei mehreren Zeitstrafen? Immerhin ist er auf Kreisebene alleine. Was passiert bei einer Rudelbildung? Wie viele Spieler dürfen gleichzeitig draußen stehen?“ Wie das alles umgesetzt wird, welche Strafe bei einer Roten Karte nach eine Zeitstrafer ausgesprochen wird und und und: Der Spielausschuss macht die Vorarbeit und erstellt eine Durchführungsbestimmung. Am Verbandstag fällt dann die Entscheidung.

Nützliche Strafen

Für Jens Stührmann ist es ziemlich egal, was dort am 6. Juni in Hessen entschieden wird und ob die Zeitstrafe auch irgendwann im Kreis Verden ihr Comeback feiern wird. Er appelliert hingegen, den Blick auf das große Ganze zu richten. „Ich kenne die Zeitstrafe noch. Damals war das harmlos, da wagte man noch nicht, zu meckern. Heute muss man noch 50 Worte an den Schiedsrichter und 50 an den Gegner adressieren. Die Krux ist, dass viele Spieler zu wenig Demut vor dem Sport haben. Dieser Gedanke – 'das war jetzt Mist, ich habe es kapiert' – fehlt. Warum ist denn alles so bescheuert geworden? Warum hat jeder vergessen, wie viel Spaß Fußball auf dem Bolzplatz gemacht hat, wo man gar keine Schiedsrichter brauchte?“ Jens Stührmanns Vorschlag zur Verbesserung: „Man sollte die Strafen in nützliche Strafen umwandeln. Bei fünf Zeitstrafen in der Saison oder zehn Gelben Karten oder so sollte der Spieler neben seiner Sperre dazu verdonnert werden, so und so viele Spiele im Jugendbereich zu pfeifen.“

Es darf mit Spannung erwartet werden, was der Hessische Fußballverband entscheidet, ob die Testphase erfolgreich verläuft und ob irgendwann die Zeitstrafe eine Renaissance im Fußballkreis Verden erlebt.

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