Kreissportbund Verden

Gerhard Behling: „Der Sport verbindet“

Gerhard Behling, Vorsitzender des Kreissportbundes Verden, spricht im Interview über die regionalen Sportvereine, die durch die Auswirkungen des Lockdowns vor großen Herausforderungen stehen.
13.11.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Dennis Glock
Gerhard Behling: „Der Sport verbindet“

Gerhard Behling ist davon überzeugt, dass die Sportler im Kreis Verden durch die Pandemie noch näher zusammenrücken.

Björn Hake
Herr Behling, aktuell legt der Sport wegen der Pandemie deutschlandweit eine Zwangspause ein. Wie sehr hat Sie überrascht, dass von der Bundesregierung auch so strenge Maßnahmen für den Sport beschlossen worden sind?

Gerhard Behling: Überrascht hat mich das überhaupt nicht. Nachdem die Infektionszahlen in den vergangenen Wochen rapide angestiegen sind, war diese Entscheidung ein Stück weit zu erwarten. Der Sport ist in der Gesellschaft fest verankert und trägt dementsprechend eine große Mitverantwortung. Nun kommt es auf jeden Einzelnen an, dabei mitzuhelfen, dass sich das Virus nicht noch weiter ausbreitet. Dass aufgrund dessen weite Teile des Sporttreibens untersagt sind, müssen wir in Kauf nehmen.

Der Sport hat in den vergangenen Monaten viel Aufwand betrieben, um die weitere Verbreitung des Coronavirus in seinen Bereichen zu verhindern. Jetzt wird er dennoch in die verordneten Maßnahmen miteinbezogen und ist Teil des zeitlich begrenzten Lockdowns. Sieht sich der Sport als eine Art Opfer derjenigen Menschen, die die Corona-Regeln – vornehmlich im privaten Bereich – missachtet und damit die jetzige Situation weitestgehend heraufbeschworen haben?

Schwierig zu sagen. Ich kann die Kritik vieler Vereine sehr gut verstehen. Sie haben in den letzten Monaten hart gearbeitet, um ein Hygienekonzept auf die Beine zu stellen. Dies hat meiner Meinung nach auch alles wunderbar funktioniert. Doch gewissermaßen müssen wir alle Opfer bringen, um irgendwann den Sport wieder so zu erleben, wie wir ihn mal kannten. Dies kann aber nur geschehen, wenn sich wirklich jeder an die vorgegebenen Regularien hält.

In den vergangenen Wochen wurde kontrovers darüber diskutiert, ob der Vereinssport zu den Infektionsherden zählt oder eben nicht. Was können Sie zu diesem Thema sagen und welche Informationen liegen dem Kreissportbund des Landkreises Verden diesbezüglich vor?

Uns liegen diesbezüglich keine Zahlen vor. Insgesamt ist es sehr schwer zu beurteilen, wie viele Infektionen tatsächlich aus dem Sport gekommen sind. Es macht meiner Meinung nach auch wenig Sinn, den Vereinen da etwas zu unterstellen, was am Ende des Tages nicht bewiesen werden kann.

Insgesamt betreffen die Verordnungen nicht nur den Wettkampf-, sondern auch den Trainingsbetrieb. Wie hart wirkt sich das auf die Entwicklung einzelner Talente aus?

Für jeden einzelnen Sportler ist die aktuelle Situation sicherlich alles andere als einfach. Dass die Entwicklung vieler Talente dabei ein Stück weit auf der Strecke bleibt, ist wohl nicht zu verhindern. Der Sport nimmt im Leben vieler Menschen eine große Rolle ein. Man will sich gegeneinander messen und voneinander lernen – eben immer besser werden. Doch derzeit können wir nichts anderes tun, als mit den Gegebenheiten so gut wie nur möglich umzugehen und das Beste daraus zu machen.

Welche Gefahren sehen Sie nun durch diese Zwangspause vor allem auf den Amateursport zukommen?

Es ist klar, dass die meisten Vereine mit Bauchschmerzen in Richtung Zukunft blicken. Hält die Zwangspause nämlich noch länger an, so stehen die Vereine vor vielen unangenehmen Herausforderungen. Hierzu zähle ich besonders die Entwicklung der Mitgliederzahlen. Eine unserer Umfragen hat ergeben, dass seit Beginn der Pandemie ein Mitgliederrückgang von zwei bis drei Prozent zu beobachten ist. Auf den ersten Blick mag das nicht viel sein. Doch die ausbleibenden Beiträge treffen die Vereine ziemlich hart. So kommen sie des Öfteren an ihre finanziellen Grenzen. Denn Übungsleiter oder Sportzubehör müssen erst mal bezahlt werden. Auch das Werben um potenzielle Neumitglieder liegt zurzeit praktisch auf Eis.

Sind die Vereine Ihrer Meinung nach mit den Erfahrungen des ersten Lockdowns besser auf die aktuelle Situation vorbereitet?

Ich glaube schon. Die Vereine gehen nun ein bisschen sensibilisierter an die Thematik heran. Bereits zu Beginn des Herbstes sind die Infektionszahlen deutlich gestiegen. Somit war es nur eine Frage der Zeit, bis ein erneuter Lockdown beschlossen wird. Ich denke, dass die Vereine für die Maßnahmen aber Verständnis zeigen, auch wenn sie den kompletten Sportbetrieb wieder herunterfahren mussten und vor vielen unangenehmen Herausforderungen stehen.

Welche Reaktionen erreichen Sie bislang aus den Vereinen?

Bislang sind die Reaktionen alles andere als dramatisch. Viele Vereine und Sportler treten bei Unklarheiten der vorgegebenen Regularien an uns heran und fragen nach, ob sie dies oder jenes ausüben dürfen. Natürlich äußern dabei auch einige wenige ihren Unmut, doch insgesamt reagiert die Mehrheit mit viel Verständnis auf die derzeitige Lage.

Welche Unterstützung können die Vereine in dieser schwierigen Zeit vom Kreissportbund erwarten?

Wir sind tagtäglich mit den Vereinen vernetzt und leisten Aufklärungsarbeiten. Auf unserer Homepage haben wir beispielsweise einige wichtige Informationen aufgelistet, die laufend aktualisiert werden. Auch über die Inanspruchnahme der Fördergelder, die vom Land Niedersachsen zur Verfügung gestellt wurden, informieren wir die Vereine gerne. Uns ist in dieser schwierigen Zeit sehr wichtig, dass wir für die Sportler und Vereine da sind und ihnen unterstützend zur Seite stehen.

Im Landkreis Verden stehen wie in den meisten Teilen Deutschlands viele Sportvereine unter einer ehrenamtlichen Führung. Werden die politischen Beschlüssen Ihrer Meinung nach für eine schwindende Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement sorgen?

Ganz im Gegenteil. Natürlich ist es möglich, dass die Bereitschaft zur ehrenamtlichen Arbeit aufgrund der Belastung, die durch die Pandemie auftreten kann, eventuell zurückgehen wird. Doch ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass die Situation den Sport noch enger zusammenschweißen wird. Der Sport verbindet und gibt vielen Menschen ein positives Lebensgefühl. Daran wird sich auch in der Zukunft nichts ändern. Deshalb gehe ich davon aus, dass nach dem Ende der Pandemie die Bereitschaft immens sein wird, das Rad gemeinsam wieder zum Laufen zu bringen.

Was gibt Ihnen Hoffnung, dass ein normaler Trainingsbetrieb ab dem 1. Dezember wieder genehmigt werden kann?

Ich denke, dass eine gewisse Art von Kaffeesatzleserei aktuell niemandem etwas bringt. Keiner weiß, wie lange wir noch mit der Pandemie zu kämpfen haben. Eine realistische Prognose abzugeben, halte ich daher für unangemessen. Jedoch befürchte ich, dass der Sportbetrieb noch weiter bis ins Frühjahr aussetzen wird. Es gilt nun, die weitere Entwicklung der Infektionszahlen abzuwarten und eine sinnvolle Lösung für alle zu finden. Elementar ist im Besonderen der Sport für Kinder- und Jugendliche innerhalb und außerhalb der Schule. Hier wirkt Bewegung nicht nur gesundheitsfördernd, sondern auch lernfördernd. Denn der Sport und die Bewegung sind wichtiger Bestandteil der Bildung.

Das Interview führte Dennis Glock.

Info

Zur Person

Gerhard Behling (69),

ist seit März 2012 Vorsitzender des Kreissportbundes (KSB) Verden, er beerbte Fritz-Bruno Scholz, der zuvor 24 Jahre lang die Geschicke des KSB geleitet hatte.

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