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Frank Reimann: „Es ist falsch, von einer Pandemie zu sprechen“

Der Herpesausbruch in Valencia hat die Reitsportwelt in Unruhe versetzt. Im Interview spricht Verbandstierarzt Dr. Frank Reimann über die Erkrankung und die Versorgung mit Impfstoff.
08.04.2021, 06:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Sina Stahlsmeier
Herr Reimann, im Februar ist bei einem internationalen Springturnier in Valencia das Equine Herpesvirus ausgebrochen. In Folge dessen sind mehrere Pferde gestorben. Was ist das Equine Herpesvirus?

Dr. Frank Reimann: Das Equine Herpesvirus (EHV) hat insgesamt neun Stämme, davon sind vier für Pferde relevant. Momentan in aller Munde ist das EHV-1. Erkrankungen durch EHV-1 führen in den meisten Fällen zu fiebrigen Infekten der oberen Atemwege. Es ist ebenfalls bei tragenden Stuten für Spätaborte und/oder die Geburt lebensschwacher Fohlen verantwortlich. Am meisten gefürchtet, aber im Vorkommen wesentlich seltener, ist bei EHV-1-Erkrankungen die neurologische Form, die EHM – die Equine Herpes Myeloencephalopathie, die zu Ataxie, Lähmungen bis zum Festliegen führen kann. Der zweite Stamm des Virus wird in Verbindung gebracht mit Entzündungen der Augenhornhaut und der Bindehäute. Der dritte Stamm wird auch als Deckseuche bezeichnet. Dieser war häufiger Thema, als die Pferde noch im Natursprung gedeckt worden sind. Betroffene Hengste und Stuten hatten kleine Bläschen im Genitalbereich. Der vierte Stamm ist in erster Regel für milde respiratorische Symptome verantwortlich. Die respiratorischen Symptome von EHV-1 und 4 haben Pferde häufiger und werden nicht zwangsläufig mit einer Herpeserkrankung in Verbindung gebracht. Daher erfolgt in den seltensten Fällen eine spezielle Virusdiagnostik. In den allermeisten Fällen ist der erste und vierte Stamm für Symptome verantwortlich wie Nasenausfluss, Husten, tränende Augen und Fieber. Häufig folgt darauf dann noch eine bakterielle Sekundärinfektion, bei der auch Antibiotika eingesetzt werden. Der erste Stamm ist der relevanteste für uns Tierärzte.

Welche Form des Herpesvirus lag in Valencia vor?

Eine neurologische Form des EHV-1. Die EHM (Equine Herpes Myeloencephalopathie), die in ihrer Häufigkeit des Auftretens nicht vergleichbar ist mit den Atemwegsinfekten und den Virusaborten, allerdings ist es auch die am meisten gefürchtete Form. Für das betroffene Tier hat sie die größten Konsequenzen. Das Virus vermehrt sich dabei in der Fieberphase im Pferdekörper und verteilt sich über die weißen Blutkörperchen weiter, dabei können kleine Blutgefäße, sogenannte Kapillargefäße, zerstört werden. Das kann zur Einblutung ins Rückenmark oder ins Hirn führen. Beginnend mit einer leichten Lähmung des Schweifes, kann das Pferd später keinen Kot mehr absetzen und es kann die Blase überlaufen, bis hin zur Hinterhandlähmung und dem damit verbundenen Festliegen. Diese Formen wurden auch in Valencia beobachtet und es ist natürlich hochdramatisch, wenn man sein Pferd so erkranken und verenden sieht, das wünscht man niemandem.

Kommen solche neurologische Formen des EHV-1 häufiger vor?

Es ist ganz schwer, an verlässliche Zahlen zu kommen, da das EHV nicht meldepflichtig ist. Ich habe mit verschiedenen virologischen Instituten telefoniert und wir schätzen, dass es in Deutschland bei einer Million registrierter Pferde im Jahr zwischen 50 und 200 Fälle gibt, in denen die Tiere in Folge solcher neurologischen Ausbrüche versterben. In Prozenten sind das etwa 0,005 – 0,02 Prozent der gesamten Pferdepopulation. Die Wahrnehmung in den Medien, den sozialen Netzwerken und natürlich auch die eigene Wahrnehmung, wenn man selbst betroffen ist, ist eine ganz andere. Deshalb fand ich auch einen Filmbeitrag im staatlich rechtlichen Regionalfernsehen sehr kritisierbar, in dem der Moderator von einer sich rasant ausbreitenden Pferdepandemie sprach. Eine Pandemie zeichnet sich durch eine weltweite starke Ausbreitung einer Infektionskrankheit mit hohen Erkrankungszahlen aus. Dabei müsste eine Vielzahl von Pferden weltweit betroffen sein. Davon sind wir glücklicherweise weit entfernt.

Ist der Fall in Valencia in seiner Ausprägung besonders hervorzuheben?

Nein. Wir dürfen nicht vergessen, dass es immer wieder zu Herpesausbrüchen kommt. Auch im Landkreis Verden gab es vor drei Jahren einen Herpesausbruch bei dem einige alte Pferde verstorben sind – zur gleichen Jahreszeit wie der Ausbruch in Valencia. Da dieses Mal teure Sportpferde betroffen waren und es den Spitzensport getroffen hat, schlägt die Welle dieses Mal höher.

Warum ist es so wichtig, erkrankte Pferde zu separieren?

Die Infektionsübertragung, wenn ein Pferd das Virus ausscheidet, ist eine reine Tröpfcheninfektion. Wenn Pferde dicht auf dicht stehen, wie es auch in Valencia der Fall war und wie es auf vielen großen Übernachtungsturnieren der Fall ist, dann geht das Virus bei schlechter Belüftung natürlich schnell von Pferd zu Pferd. Ich habe aus Valencia mitbekommen, dass besonders Pferde betroffen waren, die zentral im Stallzelt gestanden haben. Eine bessere Belüftung der großen Stallzelte oder die Unterbringung in mehreren kleineren Zelten – also in getrennten Lufträumen – könnte dem Virus die ungebremste Übertragung erschweren.

Welche hygienischen Maßnahmen sind wirklich wichtig, um die Übertragbarkeit von Mensch zu Pferd einzudämmen?

Die Übertragbarkeit von Pferd zu Mensch ist durchaus gegeben. Wenn ich mir aber nach jedem Pferdekontakt mit warmem Wasser und Seife die Hände wasche, dann ist das Virus abgetötet. Außerdem sollten in einem großen Stall nicht alle Trensen zentral in einem Eimer abgewaschen und eingelegt werden, sondern nur unter fließendem Wasser. Was wir auch nicht außer Acht lassen dürfen: Durch die Globalisierung betreiben wir diesen Sport in den letzten zwei Jahrzehnten ganzjährig. Für die Pferde ist das mitunter ein riesiger Stress, schon beim Transport. Dessen muss sich jeder Turnierreiter bewusst sein. Das kann das Virus, das sich latent (vorhanden, aber nicht sichtbar, Anm. d. Red.) im Körper befindet, schneller aktivieren. Das macht das EHV auch so gefährlich. Wir gehen davon aus, dass 90 bis 100 Prozent der Pferdepopulation latente Träger des Virus sind.

Wie haben Sie die Situation im Landkreis Verden erlebt? Haben sich viele Pferdebesitzer gemeldet, die durch die Berichterstattung verunsichert waren?

In den ersten Tagen, nachdem die Geschehnisse in Valencia publik wurden, hat das Telefon bei uns Nonstop geklingelt. So war es sicherlich auch bei vielen anderen Tierärzten und wir mussten im Grunde genommen einmal reell aufklären. Erschwerend ist natürlich – und das würden wir Tierärzte uns sehr wünschen –, dass das EHV in Deutschland eine Anzeige- und Meldepflichtige Krankheit ist. Wenn es so wäre, hätte man einen viel schnelleren Überblick über die Registrierungen und könnte im Zweifel auch schneller eine Quarantäne aussprechen. Ich habe den Kontakt zu den umliegenden Veterinärämtern aufgenommen und nach Zahlen für den Landkreis gefragt. Keiner der Kollegen wusste von aktuellen EHV-Fällen hier im Umkreis. In Niedersachsen war in der Kalenderwoche zwölf kein einziger Herpesfall bekannt, der nicht bei Pferden aus Valencia bereits nachgewiesen worden ist. Ich kann nur noch einmal betonen: Es ist falsch, von einer Pandemie zu sprechen. Wir haben wie sonst auch im Frühjahr die einsetzenden Fohlengeburten als Erregerreservoir, die Jahreszeit ist begünstigend für das EHV und das Risiko ist jedes Jahr identisch.

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Kann man das Virus denn überhaupt bekämpfen?

Turnierveranstalter und Pferdesportverbände forcieren ja bereits, dass nur noch gesunde Pferde aufs Turnier mitgenommen werden – was eigentlich logisch sein sollte. Fieber sollte immer gemessen und dokumentiert werden. Es muss zudem nachgewiesen und dokumentiert werden, dass der Bestand 21 Tage seuchenfrei ist. Es ist eigentlich eine reine Formsache. Wir handhaben es aktuell bei der Anlieferung für die Auktion des Hannoveraner Verbandes so, dass alle Pferde, die hier eingestallt werden, einen negativen EHV-PCR-Test mitbringen müssen. Das ist ein Nasenabstrich, der den Pferdebesitzer zwischen 65 und 100 Euro kostet. Das verschafft vielen in der aktuellen Lage Beruhigung. Ob das immer notwendig ist, sei mal dahingestellt.

Ist die Nachfrage nach dem Herpesimpfstoff wirklich so hoch, wie es aktuell kommuniziert wird? Können womöglich gar nicht alle Pferde geimpft werden?

Ja, die Nachfrage ist sehr hoch. Die Impfstoffsituation ist bereits in den vergangenen Jahren schlecht gewesen, dadurch ist die Impfbereitschaft von Tierärzten und Pferdebesitzern sehr zurückgegangen. Mit Beginn des Jahres 2010 und der Folgejahre war die Impfstofflieferung höchst problematisch, geimpfte Bestände konnten beispielsweise nicht durchgeimpft werden, weil kein Impfstoff mehr da war. Ein weiterer negativer Punkt: Die Impfung schützt nicht vor Infektionen, weil ein Großteil der Pferde bereits infiziert ist. Sie hat aber den Effekt, und das ist auch wissenschaftlich nachgewiesen, dass in der virämischen Phase die Ausscheidung der Viren minimiert wird. Deshalb macht die Herpesimpfung im Grunde genommen nur Sinn, wenn mindestens 80 Prozent der Population weltweit geimpft ist. Das ist schwierig durchzusetzen. Frustrierend ist in der Praxis, dass auch Pferde, die über Jahre kontinuierlich durchgeimpft sind, bei einem Ausbruch genauso ungeschützt dastehen wie Pferde, die nicht geimpft sind.

Sollte man dann gar nicht gegen Herpes impfen lassen?

Ich bin gegen sporadisches Impfen, das macht wenig Sinn. Sinnvoll wäre es, wenn Zuchtverbände, Sport- und Bundesverbände an die Pharmaindustrie herantreten und eine Liefersicherheit für die nächsten Jahre vereinbaren. Darauf aufbauend ist eine Anzeige- und Meldepflicht wichtig. Wenn man weiß, wo Ausbrüche sind, kann man sie sehr sicher eindämmen. Die Situation sollte dann beobachtet werden, um zu sehen, ob es weiterhin bei diesen 50 bis 200 Fällen im Jahr bleibt und die flächendeckende Impfung vielleicht trotzdem keinen Nutzen hat. Die Herpes-Impfpflicht für Turnierpferde ist unabhängig davon einfach sinnvoll, um die virämischen Phasen noch milder verlaufen zu lassen.

Haben Sie einen generellen Rat für Pferdebesitzer im Umgang mit dem Virus?

Im Vordergrund steht immer das gesunde Pferd, unabhängig davon, welches Virus gerade kursiert. Es gibt für Pferde wie auch Menschen Zeiten, in denen die Infektionszahlen ansteigen. Mit einem guten Management und einer guten Haltung kann das Immunsystem des Pferdes geschützt werden. Dazu gehören regelmäßige Wurmkuren und auch die regelmäßige Impfung mit Tetanus und Influenza. Bei artgerechter Haltung sind die Pferde weniger Stress ausgesetzt und damit auch weniger anfällig für das Herpesvirus.

Das Interview führte Sina Stahlsmeier.

Info

Zur Person

Dr. Frank Reimann (47)

betreibt eine tierärztliche Praxis für Pferde in Verden und ist seit 2012 auch als Verbands- und Auktionstierarzt des Hannoveraner Verbandes tätig. Mit Pferden hat er fast sein ganzes Leben lang zu tun. Schon im zarten Alter von sechs Jahren begann er zu reiten und ist bis heute fasziniert von den Tieren, die in ihm früh den Wunsch weckten, Tierarzt zu werden. In seiner Freizeit sitzt er, genau wie der Rest seiner Familie, immer noch regelmäßig im Sattel.

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