Gedenkstein an der IGS Geplanter Findling sorgt für Frust

In drei Wochen soll an der IGS in Achim der Gedenkstein für Liesel Anspacher enthüllt werden. Doch vorab rumort es hinter den Kulissen noch. Die Geschichtswerkstatt fühlt sich bei der Entscheidung übergangen.
01.06.2022, 14:26
Lesedauer: 4 Min
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Geplanter Findling sorgt für Frust
Von Elina Hoepken

In drei Wochen ist es so weit: Am 22. Juni soll am Gebäude der IGS der Findling zur Erinnerung an Liesel Anspacher enthüllt werden. Mit dieser Variante will die IGS auch nach dem Ende der Liesel-Anspacher-Schule weiterhin an deren Namensgeberin erinnern, ohne allerdings selbst den Schulnamen zu ändern. Letzteres hatten insbesondere Vertreter der Achimer Geschichtswerkstatt immer wieder angeregt. Und auch wenn mit dem Findling nun offenbar ein Kompromiss gefunden wurde, rumort es hinter den Kulissen bei dem Thema weiterhin.

So fühlt sich Edith Bielefeld, Mitglied der Achimer Geschichtswerkstatt, bei den Planungen übergangen. Kurz nachdem der ACHIMER KURIER Ende vergangenen Jahres über den Wunsch der Geschichtswerkstatt, den Namen an die IGS zu übertragen, berichtet hatte, habe es laut Bielefeld ein Gespräch mit Vertretern der Schule und der Geschichtswerkstatt gegeben. Bei diesem Treffen habe jeder seine Wünsche vorgebracht. Auch die Errichtung einer Stele sei damals von der Schule vorgebracht worden. "Eine Einigung hat es bei dem Treffen aber noch nicht gegeben", berichtet Bielefeld. Man habe sich stattdessen darauf verständigt, sich noch einmal zu treffen. "Auf dieses Treffen warten wir aber heute noch", bedauert sie.

Enttäuscht über Entscheidung

Umso überraschter sei sie dann gewesen, dass in einer Sitzung des Schulausschusses Anfang März offiziell verkündet wurde, dass zur Erinnerung an Liesel Anspacher an der IGS eine Stele aufgestellt werden soll. "Von dieser Aussage war ich schon sehr enttäuscht, weil wir bei der endgültigen Entscheidung einfach übergangen wurden." So hätte die Geschichtswerkstatt nach eigenen Angaben gerne Achimer Künstler bei der Gestaltung der Stele mit einbezogen. Doch dafür war es dann zu spät. "Das Ganze ist auf jeden Fall nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte", resümiert Bielefeld.

Einen ganz anderen Eindruck von der Zusammenarbeit hat indes Svenja Kerkhoff, Vorsitzende des Schulelternrates an der IGS, die selbst auch an dem Treffen mit den Vertretern der Geschichtswerkstatt teilgenommen hatte. Aus ihrer Sicht habe man sich dort nämlich doch auf die Stele geeinigt. "Die Geschichtswerkstatt hat bei den Treffen nochmals ihren Wunsch bekräftigt, dass sie gerne eine Umbenennung der IGS hätte", erinnert sich Kerkhoff. Vonseiten der Schule sei aber gleich deutlich gemacht worden, dass diese Variante nicht zur Debatte stehe. "Stattdessen wurde von der Schulleitung der Vorschlag mit der Gedenkstele eingebracht." Der habe auch bei der Geschichtswerkstatt Anklang gefunden. "Wir haben das Gespräch dann mit dem guten Gefühl beendet, einen Konsens gefunden zu haben", schildert Kerkhoff ihre Sicht der Dinge.

Findling ist billiger

Daraufhin sei man dann an die Stadt herangetreten, damit zeitnah die entsprechenden Gelder zur Verfügung gestellt werden können und der Gedenkort noch vor dem Ende der Hauptschule eingeweiht werden kann. "Dass es nun letztlich nicht wie besprochen eine Stele, sondern ein Findling wird, hat einfach Kostengründe", erklärt Kerkhoff.  "Wenn eine Stele mehrere Tausend Euro und ein Findling nur mehrere Hundert Euro kostet, dann ist dieser Wechsel schon einen Gedanken wert. Immerhin geht es hier um Steuergelder." Das sei auch der Grund gewesen, warum aus Sicht der Schule ein von Künstlern gestalteter Gedenkort eher nicht in Frage kam. "Das ist ja alles auch eine Kostenfrage." Letztlich sei es ohnehin eine Entscheidung der Schule, ob und in welcher Form an Liesel Anspacher erinnert wird. "Dass wir die Geschichtswerkstatt in die Entscheidung mit einbezogen haben, war von unserer Seite ein Aufeinanderzugehen", sagt Kerkhoff. Und mit dem Gedenkstein habe man aus ihrer Sicht einen guten Kompromiss gefunden.

"Der Stein, auf dem auch eine Gedenktafel mit einer Skizze von Liesel Anspachers Gesicht angebracht wird, wird am Eingang hinter den Fahrradständern gut sichtbar platziert", berichtet sie von den Plänen. So könne man ihn auch bereits sehen, wenn man an der Schule vorbeilaufe. Darüber hinaus solle es an der Schule auch immer wieder Projekte mit den Schülern geben, bei denen der Findling und die Geschichte Liesel Anspachers mit einbezogen werden.

Zur Sache

Das Schicksal von Liesel Anspacher

Das genaue Schicksal von Liesel Anspacher ist noch nicht rekonstruiert. Wenige Tage nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 durften jüdische Kinder, also auch Liesel und ihr Bruder Guenther, nicht mehr am Unterricht in den öffentlichen Schulen teilnehmen. Sie waren vermutlich auch in den Jahren zuvor schon Diskriminierungen ausgesetzt. Am 17. November 1941 verschleppten die Nationalsozialisten die Familie Anspacher mit anderen jüdischen Familien nach Minsk in ein Getto. Liesels Bruder Guenther konnte gemeinsam mit einem russischen Mädchen fliehen. Es heißt, die gesamte Familie Anspacher soll danach auf einem jüdischen Friedhof erschossen worden sein – bis auf den Cousin Curt Anspacher, der auf dem Weg zur Hinrichtung fliehen konnte. Ob die damals 17-jährige Liesel und ihre Familie, darunter ihr Vater Curt und ihre Mutter Lillie, tatsächlich erschossen wurden, ist nicht bestätigt. Aber es ist davon auszugehen. Heute erinnern mehrere Orte in der Stadt Achim an das Schicksal ehemaliger jüdischer Bürger. Nach der Familie Anspacher wurde eine Straße benannt – im angrenzenden Synagogenweg steht seit 1990 ein Mahnmal, dessen Mauerstücke die Grundrisse des zerstörten jüdischen Gotteshauses zeigen. In der Eckstraße wurden zudem drei Stolpersteine für Liesel, ihren Vater Carl und ihre Mutter Lilli ins Straßenpflaster gelegt.

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