Gebietsreform Zusammengewachsen, was zusammengehört

Auf der Festmeile zwischen Rathaus und Dom herrschte am Sonnabend reichlich Trubel. Obwohl sich die Dörfer rund um Verden ihre eigene Identität bewahrt haben, sind sie fest mit der Kernstadt verschmolzen.
04.09.2022, 16:33
Lesedauer: 3 Min
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Von Susanne Ehrlich

Mit einem großen, bunten Stadtfest hat Verden am Sonnabend 50 Jahre Gebietsreform gefeiert. Verdens Bürgermeister Lutz Brockmann eröffnete das Fest auf der Bühne vorm Rathaus mit der wohl kür­zesten Rede, die ein Bürgermeister je gehalten hat: "Das Beste, was wir haben, sind wir. Feiern wir uns gemeinsam!"

Seit einem halben Jahrhundert wohnen die zehn Dörfer Borstel, Dauelsen, Döhlber­gen, Eissel, Eitze, Groß-Hutbergen, Hö­nisch, Klein-Hutbergen, Scharnhorst und Walle mit all ihren unterschiedlichen Geschichten und Charakteren unter einem gemeinsa­men Dach, und sie alle scheinen sich damit richtig wohl zu fühlen. Sie zählen zwischen wenigen Hundert und mehreren Tausend Einwohnern, und jedes von ihnen hat seine typischen Be­sonderhei­ten behalten.

Ralf Zieseniß ist nicht nur Ortsbürger­meister von Borstel, sondern auch begeisterter Se­gelflieger. Deshalb unterstützte er auf dem Fest die Präsentation des Verdener Luftfahrtvereins. Die Besucher konnten in einem echten Segelflieger sitzen und am Flugsimulator eine Runde drehen. "Ich fühle mich als Borsteler, weil ich dort zu Hause bin und in meiner Nachbarschaft eingebunden, aber ich habe Wurzeln sowohl in Verden als auch in Borstel." Zieseniß überlegte ein Weilchen, und dann kam es voller Überzeugung: "Nee, ich bin Verdener!" 

Für Santos Blume (28), den jüngsten Fluglehrer des Vereins, ist klar: "Die Scharnhorster identifizieren sich mit ih­rem Flugplatz. Sie kommen am Wo­chenende mit dem Fahrrad her, um ihre Runden zu drehen." Wer nicht selbst fliegen könne, steige eben als Sozius ein.

Nachwuchsmangel bei Vereinen

Claudia Wehrstedt, parteiloses Ratsmit­glied und ehemalige Verdenerin, zog zu­erst mit der Familie nach Eitze und lebt nun in Scharnhorst. "Ich fühle mich ein­deutig als Verdenerin, obwohl ich hier nicht geboren bin." Sie hat einige der Dorffeiern besucht, die seit Mai rund um Verden stattgefunden haben. "Ich freue mich sehr, dass sie alle ihre Eigenarten und Traditionen betonen, aber ich habe auch das Gefühl, dass alles toll zusam­mengewachsen ist."      

Claudia Spöring, Förderschullehrerin und Seminarleiterin, hat bereits in drei der Dörfer ge­lebt. Aus Döhlbergen stammend, lebte sie mit ihrer Familie lange in Hutbergen. Seit einigen Jahren wohnen die Spörings im Ortsteil Neumühlen. "Ich mag die  dörfliche Identität; es ist schön, darin eingebunden zu sein. Hier gehört jeder zur Gemeinschaft dazu." Was ihr nicht gefällt: Auch nach 50 Jahren gibt es in Verden noch keine sicheren Radwege für die Schüler. "Wenn sie vom Norderstädti­schen Kreisel zu den Gymnasien fahren, müssen sie auf den abenteuerlichsten Wegen herumirren. Ich habe schon von vielen brenzligen Situationen gehört." 

Die Eitzer haben ihre "eigentliche" Feier bereits hinter sich. "Schaun sie mal", freute sich Ortsbürgermeisterin Anja Kö­nig: "Das sind alles Eitzer Hände." Sie zeigte auf eine 1,50 mal 2,10 Meter große, bunt bedruckte Platte mit der Inschrift "Wir sind Eitze". Sie selbst identifiziert sich deutlich mit ihrem Dorf: "Ich bin seit 1980 hier und hatte sofort das Ge­fühl, angenommen zu werden."

Für Ortsratsmitglied und Eitzer "Ureinwoh­ner" Ralf Panning hat die Gebietsreform viele positive Effekte gebracht: "Die Straßen wurden ausgebaut; es gab finan­zielle Mittel für Vereine und örtliche Aktivitäten." Doch auch er fühlt sich vorwiegend als Eitzer. "Eine starke Ge­meinschaft ist in kleinen Gemeinden ein­fach leichter zu erreichen", findet er und bedauert, dass es immer schwerer werde, Nachwuchs für die traditionellen Ver­eine zu finden: "Die Jüngeren haben ein­fach andere Schwerpunkte."

Feiern bis zum Umfallen

Rundum zufrieden beim Stadtfest wirkte auch das Ortsrats-Team aus Dauelsen. Eine ganz wilde Party habe es zum Abschluss des Dorffestes am 21. Mai gegeben, erzählte Ortsbürgermeisterin Sabine Patzer-Jan­ßen. Das ganze Dorf sei auf den Beinen gewesen. "Da haben wir die Gebietsre­form bis zum Umfallen gefeiert." Und das aus gutem Grund: "Ohne sie hätten sich die Dörfer gar nicht entwickeln können. Die einen hat­ten das Geld, die anderen das Land", erzählte sie ganz pragmatisch und wies auf die vielen neuen Gewerbegebiete hin. Zum Fest gab es ein großes Luftbild, auf dem jeder sein Haus wiederfinden konnte, ei­nen großen Gedenkstein und einen bun­ten Becher. "Von dem Erlös haben wir  Bänke für die Dorfgemeinschaft ange­schafft", freute sich Karin Hanschmann.

Um die Stände und Aktivitäten auf der Festmeile zwischen Rathaus und Dom aufzuzählen, reichen zwei Al­phabete nicht aus: Sportvereine, Kitas, Schulen, Kirchengemeinden, Natur­schutz- und Bauernverbände, die Feuerwehr und viele mehr überflügelten sich mit Mitmach-Angeboten und Präsentationen. Ein Anziehungspunkt war beispielsweise der ausgestopfte Wildtier­zoo der Kreisjägerschaft.

Große Menschenansammlungen gab es vor dem Stand "Domfestspiele to go": Die Domis in ihren Bühnenge­wändern gaben dem Publikum für einen Obolus ei­nen witzigen Nachschlag von romanti­schem Liebesgeflüster, blutrünstigen Mord­szenen, heimlicher Verschwörung oder inquisitorischer Vermahnung.

In der Innenstadt und am Lugenstein gab es Musik nonstop vom Verdener Blasor­chester und mehreren Bands, und auf der Bühne vor dem Rathaus sangen die klei­nen Nightingales des Domgymnasiums, der Verdener Männerchor und der Shantychor, der Chor der Jahnschule und viele andere kleine und große Sänger zur Freude eines ständig wechselnden Publikums.   

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