Landgericht Verden Eifriger Verfechter der Mediation

IT-Experte Thomas Glahn hält viel von direkter Kommunikation mit seinen Mitarbeitern. Neben seiner juristischen blickt er auch auf eine sportliche Karriere zurück.
18.09.2022, 15:59
Lesedauer: 4 Min
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Von Angelika Siepmann

Sich in seinem Büro in der stattlichen Stadtvilla an der Ecke Lindhooper Straße/ Johanniswall abzukapseln, kommt für Thomas Glahn (53) nicht in Frage. Der neue Präsident des Landgerichts (LG) Verden versteht sein Refugium in der ersten Etage des schneeweißen Hauses, das seit Ende 2020 die Verwaltungsabteilung beherbergt, als eines mit der „sprichwörtlich offenen Tür“. Er selbst hat noch am Tag seines Dienstantritts den Gang nach gegenüber unternommen, im weitläufigen Justizzentrum an zig Türen geklopft und sich allen Beschäftigten vorgestellt. Der ausgewiesene IT-Experte, als solcher schon maßgeblich im Landesministerium tätig, hält viel von direkter Kommunikation.

„Der 16. Präsident des seit 1879 in Verden bestehenden Landgerichts steht fest.“ So hatte das Oberlandesgericht (OLG) Celle Anfang August die offizielle Mitteilung eingeleitet, wonach Thomas Glahn nun in Amt und Würden sei. Die letzte Entscheidung darüber, wer Nachfolger Gerhard Ottos werden sollte, oblag dem Kabinett in Hannover. Es gab mehrere Aspiranten für den Posten, den Otto im April nach fast fünf Jahren geräumt hatte. Thomas Glahn wusste bei seiner Bewerbung, was ihn beim möglichen nächsten Job als Chef des großen LG-Bezirks erwarten würde: Verden gelte als beliebter Standort mit sehr angenehmer Arbeitsatmosphäre. „Positive Erfahrungen, egal, wo man hinhört.“ Die eigenen eingeschlossen.

Zufriedene Mitarbeiter

Verden war für den gebürtigen Hannoveraner, der in der Landeshauptstadt auch wohnen bleiben wird, kein gänzlich unbekanntes Pflaster. Seine Tätigkeit als Leiter des Zentralen IT-Betriebs der niedersächsischen Justiz brachte es mit sich, dass er gelegentlich Gastauftritte hatte, dabei ebenso nette wie kompetente Leute kennenlernte und den guten Ruf bestätigt sah. Und fest vor Ort, hat der vielseitige Jurist sofort festgestellt, dass es ihm hier tatsächlich gefällt. Nicht nur, weil er „super aufgenommen“ worden sei. Bei seiner kleinen Auftakttournee durch die Büros und einer Zusammenkunft hätten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „Zufriedenheit ausgestrahlt“, so Glahn.

Dass es gleichwohl „Personallöcher zu stopfen“ gilt und vor allem buchstäblich Baustellen gibt, steht auf einem anderen Blatt und wird den neuen Präsidenten und sein Team künftig auch noch reichlich umtreiben. Und über den Verdener Tellerrand muss der begeisterte Stand-up-Paddler Glahn auch stets schauen, schließlich gehören zum Landgerichtsbezirk auch zehn Amtsgerichte, außer dem örtlichen die in Achim, Diepholz, Osterholz-Scharmbeck, Rotenburg, Stolzenau, Sulingen, Syke und Walsrode. Administrative Aufgaben, wie sie ihm vorwiegend zufallen, liegen Thomas Glahn. Er hat ein Studium zum Diplom-Verwaltungswirt abgeschlossen und in der Energiewirtschaft gearbeitet, ehe er sich an der Universität Hannover den Rechtswissenschaften widmete.

Amtsrichter in Köpenick

Nach dem Absolvieren des Referendariats im Bereich des OLGs Celle führte ihn der Weg nach Berlin, wo er 1999 zum Richter ernannt wurde und am Amtsgericht Köpenick wirkte. Nach drei Jahren zog es Glahn zurück nach Niedersachsen, genauer wieder nach Hannover, wo er auch schon eine beachtliche sportliche Karriere hingelegt hatte – als Fußballer brachte er es bei den „96-ern“ von der frühen Jugend immerhin bis in die vierte Liga der Amateure. Der Profi-Jurist jedoch stieg höher auf, wurde 2003 zum Richter am Landgericht ernannt und 2008 ins Niedersächsische Justizministerium abgeordnet. Ihm oblag unter anderem die Leitung des Referats für Informations- und Kommunikationstechnik und des elektronischen Rechtsverkehrs.

2015 übernahm Glahn dann die Führung des Zentralen IT-Betriebs. Was eine weitere berufliche Station und eine Rückkehr ins Richterwesen allerdings nicht ausschloss. Im selben Jahr wurde er Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht Oldenburg und leitete zuletzt den 2. Familiensenat sowie den 3. Zivilsenat, der für erbrechtliche Streitigkeiten zuständig ist. Rechtsstreitigkeiten – das ist ein Stichwort für den eifrigen Verfechter der Mediation. Die Bedeutung der alternativen Konfliktlösung mit Unterstützung eines Güterrichters oder Güterichterin sei hochzuschätzen, meint Glahn, selber ausgebildeter Mediator – und lobt auch in diesem Zusammenhang gleich Verden. Am LG sei Pionierarbeit geleistet worden und habe die Mediation im Gerichtsverfahren einen besonderen Stellenwert.

Gut aufgestellt in Sachen IT

„Ziemlich gut“ aufgestellt sieht Thomas Glahn „sein“ Gericht und die anderen im Bundesland auch in Bezug auf sein Spezialgebiet IT. Es ging damit zuletzt zwangsläufig zügig voran: Durch die Pandemie, die auch vermehrt Homeoffice erforderlich machte, konnten Fortschritte in der Digitalisierung forciert werden. Da habe Corona quasi geholfen, meint der Fachmann par excellence. Zu tun gibt es noch genug. Bei Glahns „Inthronisation“ hatte OLG-Präsident Andreas Scholz betont, die Gerichte des Verdener Bezirks bekämen einen Präsidenten, der sie „mit Geschick und Erfolg durch die anstehenden Veränderungsprozesse wie zum Beispiel die Einführung des elektronischen Rechtsverkehrs führen wird“.

Am Johanniswall wird der Fußball- und Motorradfan, der sich als „Schönwetterfahrer“ bezeichnet, auch bei schlechtem Wetter verschärft ein Auge darauf haben, wie es mit den dringenden Bau- und Sanierungsarbeiten an den teils arg maroden Gebäuden vorangeht – wenn es denn „nach langjähriger Sparpolitik“ im Lande erst einmal richtig losgeht. Das wird wohl erst der Fall sein, wenn die Staatsanwaltschaft endlich in das ehemalige Stadtwerkegebäude am Allerufer umziehen kann. Sollte ursprünglich schon in diesem Frühjahr passieren, nun im nächsten.

Auf die Gerichtsbeschäftigten in ihren derzeit oft „unzumutbaren“ Räumlichkeiten werde noch einiges zukommen, fürchtet Glahn. Aber die „unschöne Situation“ müsse nun mal beseitigt werden. Der uralte, in Teilen denkmalgeschützte Schwurgerichtssaal soll natürlich auch drankommen. Das ist eine dicke Akte für sich, und die hat sich Thomas Glahn auch schon gründlich vorgenommen.   

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