Landgericht Verden Haft für sexuellen Missbrauch

Verurteilter gibt die Tat nicht zu, räumt sie aber auch nicht aus. Die Jugendkammer sah die Vorwürfe als erwiesen an und zog ihre Konsequenzen daraus.
02.12.2022, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Angelika Siepmann

Verden/ Osterholz-Scharmbeck. Wegen dreifachen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes und eines weiteren Missbrauchsfalles ist ein 42-jähriger Mann aus Osterholz-Scharmbeck am Mittwoch vom Landgericht Verden zu fünfeinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt worden. Nach der knapp halbstündigen Begründung durch die Vorsitzende Richterin der großen Jugendkammer dauerte es nur wenige Minuten, bis das Urteil bereits rechtskräftig wurde: Der Angeklagte und sein Verteidiger erklärten, sie verzichteten auf die Einlegung eines Rechtsmittels, die Vertreterin der Staatsanwaltschaft schloss sich an.

Verzicht auf Rechtsmittel

Sie hatte genau das Strafmaß gefordert, das am dritten Verhandlungstag schließlich auch verkündet wurde. Aus Sicht des Hamburger Anwalts des Angeklagten hätte in einem Fall ein Freispruch erfolgen müssen. Er hielt eine Haftstrafe von viereinhalb für ausreichend; fünf Jahre sollte bitte nicht überschritten werden. Dennoch erfolgte am Ende nach Rücksprache mit dem Mandanten, der wieder weitgehend regungslos und mit der für Häftlinge vorgeschriebenen FFP2-Maske zwischen Verteidiger und Dolmetscher hockte, der Rechtsmittelverzicht. Der Angeklagte, der sich seit Ende Mai dieses Jahres in der Justizvollzugsanstalt Bremervörde in Untersuchungshaft befindet, will dem Vernehmen nach so schnell wie möglich die Strafhaft antreten.

Auch dazwischen wird er nicht auf freien Fuß kommen. Der seinerzeit vom Amtsgericht Verden erlassene Haftbefehl blieb bestehen, Begründung: Fluchtgefahr. Schon nach dem Auffliegen der Taten an seiner damals siebenjährigen Nichte, dem häuslichen Rausschmiss und dem Unterkommen bei Verwandten in Schleswig-Holstein soll der Mann erwogen haben, in sein Heimatland auszureisen. Die vier sexuellen Übergriffe hat der Mann zwischen Anfang Februar und Ende April verübt. Komplett eingeräumt hat er sie vor Gericht nicht, bestritten aber auch nicht. Er übernehme „die Verantwortung“ für das Geschehene.

Richterin kontert Verteidiger  

In der Urteilsbegründung widersprach die Vorsitzende zunächst der Kritik des Verteidigers, die vier Straftaten seien in der Anklage nicht hinreichend konkretisiert worden. Das betroffene Kind habe während seiner ausgiebigen audiovisuellen Vernehmung „eine Vielzahl von Taten geschildert“, hieß es, und die in Rede stehenden vier seien auch als konkrete Taten aufgeführt worden. Das Mädchen habe sie wohl nicht chronologisch dargestellt, sondern „nach Gewicht“. Sie seien nach der Beweisaufnahme auch „sicher festgestellt“ worden.

Die umfangreichen, teils sehr detaillierten und konstanten Angaben des Kindes seien ohne Zweifel „erlebnisbasiert“, hieß es weiter. Davon habe sich ja neben der Staatsanwältin auch der Verteidiger überzeugt gezeigt. Es gebe keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass das Mädchen sich etwas ausgedacht habe oder ihre Aussagen „durch andere Einflüsse“ zustande gekommen seien. „Sie hat das selbst erlebt und konnte alles genau erklären“.  Die ersten beiden schweren Missbrauchsfälle haben sich in der Gartenlaube auf dem Grundstück des Hauses ereignet, das der Angeklagte, dessen Ehefrau sowie deren Schwägerin samt Kindern seit Jahresbeginn gemeinsam bewohnte.

"Vertrauen ausgenutzt"

Die sexuellen Handlungen, die der Mann dort von der Siebenjährigen an sich vornehmen ließ, entstanden „aus einem Spiel“ heraus. Dem Kind waren offenbar zunächst die Augen verbunden. Die erste Tat wiegt laut Gericht am schwersten, weil der Angeklagte eine anfangs völlig andere Situation “ausgenutzt, das Mädchen im Spiel überrascht und zudem zuvor die Tür zur Laube verschlossen habe". Hier wurde auf die höchste Einzelstrafe, drei Jahre und neun Monate erkannt. Die anderen beiden abgeurteilten Fälle trugen sich im Auto des 42-Jährigen zu.

Zu der Erklärung des nicht vorbestraften Mannes, die zum Prozessauftakt unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorgetragen worden war, sagte die Richterin, es habe sich dabei nicht um ein vollständiges Geständnis gehandelt. Er habe die Anklagevorwürfe aber auch nicht in Abrede gestellt. Unterm Strich sei von einer „geständigen Erklärung“ auszugehen, die die Beweisaufnahme abgekürzt habe und sich „erheblich strafmildernd“ auswirke. Strafschärfend sei indes, dass es sich um ein „sehr junges“ Opfer handele und der Angeklagte auch das Vertrauen „massiv ausgenutzt“ habe. Ob und welche Folgen das Erlittene auch später vielleicht noch für das „sehr belastete“ Mädchen haben werde,  lasse sich  noch nicht sagen.

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