Historische Bibliothek

Suche nach dem Erstbesitzer

Die historische Bibliothek des Domgymnasiums birgt so manchen Schatz. Für einen Katalog über die Sammlung von Gottlieb Pfannkuche recherchierte ein Lehrer-Schüler-Duo nun die Geschichte eines Geistlichen.
24.02.2019, 14:09
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Von Marie Lührs
Suche nach dem Erstbesitzer

Mit dem Laptop begeben sich Reinhard Nitsche und Kilian Lührs auf die nicht immer einfache Spurensuche.

Björn Hake

Die Geschichte von Jacob Wigand ist fast schon ein kleines Drama. Kilian Lührs und sein Lehrer Reinhard Nitsche haben in diesem Schuljahr über den Prediger geforscht, der in der Gunst des Grafen Enno von Ost-Friesland einst sehr hoch stand und plötzlich des Landes verwiesen wurde. Wigand war der erste Besitzer eines Buchs, das zu den Schätzen der historischen Bibliothek im Verdener Domgymnasium gehört. Durch eine Schenkung von Christoph Gottlieb Pfannkuche gelangte das Werk in die Hände der Schule. Für einen Katalog über die Pfannkuches Bücher machten Lührs und Nitsche den ersten Besitzer eines Buches ausfindig und rekonstruierten seine Lebensgeschichte.

Reinhard Nitsche und Kilian Lührs kümmern sich um die historische Bibliothek im Domgymnasium

Mehrere tausend Bücher bilden die historische Schulbibliothek. Über die Bände, die Christoph Gottfried Pfannkuche dem Gymnasium überließ, soll ein Katalog erscheinen.

Foto: Björn Hake

„Die jüdische Geschichte des Flavius Josephus“ ist 1581 erschienen. Fast 300 Jahre später gelangte das in Leder gebundene Werk in den Besitz der Schulbibliothek. Pfannkuche, einst Bürgermeister von Verden, war ein begeisterter Historiker und Besitzer einer Vielzahl von bereits seinerzeit wertvollen Bänden.

Archive angeschrieben

Der erste Besitzer des Buches zur jüdischen Geschichte war jedoch Jacob Wigand. Obwohl der Geistliche bereits im Jahr 1644 starb, konnten Lührs und Reinhard eine Menge über ihn herausfinden. Einmal in der Woche setzten sie sich dafür im Laufe des Schuljahres zusammen, recherchierten im Internet, schrieben Archive an und telefonierten mit Kirchengemeinden und Heimatforschern. Und so brachten sie immer wieder neue Erkenntnisse ans Licht, über einen Geistlichen, der einst eine der höchsten Positionen innehatte und wegen eines Scherzes strafversetzt wurde.

„Wenn man einmal Blut geleckt hat, will man mehr“, erklärt Kilian Lührs seine Begeisterung für das Projekt. Es ist sein letztes Jahr am Domgymnasium und auf der Suche nach neuen Inhalten für seine Integrationsstunden kam die Idee, sich einem Buch aus der historischen Bibliothek zu widmen. Mit jeder neuen Erkenntnis wuchs der Wunsch, noch mehr über den ehemaligen Buchbesitzer herauszufinden.

In der Gunst des Grafen

Dass Wigand damals hoch in der Gunst des Grafen Enno von Ost-Friesland stand, machte es den beiden Hobby-Historikern deutlich leichter. Denn so hinterließ der Mann gleich mehrere Spuren. In Flensburg kam Wigand zur Welt. Im Jahr 1600 war er als Kantor in Husum tätig, von 1603 bis 1610 trat er dann als Hofprediger in die Dienste des Grafens. Zu dieser Zeit lebte er im ostfriesischen Aurich.

„Wir haben das niedersächsische Landesarchiv in Aurich angeschrieben“, erzählt Lührs, von den Recherchen. Die Familie des Grafen schätzte Wigand, der sich offenbar stets bemühte, seine Predigten unterhaltsam zu gestalten. Ein Beleg dafür könnte auch ein Dokument sein, das bis heute in seinem Buch von Flavius Josephus liegt. Darauf hatte Wigand eine Art Theaterstück über einen Gerichtsprozess gegen Jesus Christus niedergeschrieben.

Reinhard Nitsche und Kilian Lührs kümmern sich um die historische Bibliothek im Domgymnasium

In einem Buch über die jüdische Geschichte fand sich ein Theaterstück, das der erste Besitzer verfasst hatte.

Foto: Björn Hake

Neben verschiedenen Schriftstücken gibt es auch einen Kelch, der Wigands Bindung zum Grafen belegt. Ennos Schwestern hatten diesen der Kirche in Marienhafe vermacht. Bis heute ist er dort in gebraucht. In seiner Inschrift ist Wigands Name verewigt. 1610 stieg der zum ersten Prediger in Marienhafe auf. Sechs Jahre später dann der Fauxpas: Wigand musste binnen 24 Stunden seinen Posten Räumen und wurde des Landes verwiesen.

Scherz führt zu Strafe

Hintergrund dieser harten Strafe war ein Scherz, erklärt Nitsche. In alten Schriften ist zu lesen, dass bei einer Versammlung einige Beschwerden über den Grafen Enno hervorgebracht wurden. Wigand soll daraufhin zu seinem Sohn gesagt haben: „Ey, so ist's schade, dass du Enno heißt.“ Als dieser flapsige Kommentar dem Grafen zu Ohren kam, kannte dieser keine Gnade. Dass er seinen einst wertgeschätzten Hofprediger – der auch seine Kinder getauft hatte – „nur“ des Landes verwies, war unter anderem seinem Sohn Ulrich zu verdanken, der beschwichtigend auf den Vater einwirkte.

Wigand kehrte daraufhin in seiner Heimatregion zurück. Bis er im Jahr 1644 verstarb, arbeitete er in „einem schleswigschen Dorfe Hage“, wie es in den Dokumenten heißt, die Lührs und sein Lehrer ausfindig gemacht haben. Welches Dorf allerdings damit gemeint sein könnte, das gab dem Zweiergespann einen neuen Rechercheansatz. „Die Ortsnamen haben sich geändert“, erklärt Lührs die Herausforderung, das richtige Dorf ausfindig zu machen. Grenzverschiebungen im Laufe der Jahrhunderte machen die Nachforschung noch kniffliger.

Bis der Katalog über Pfannkuches Erbe erscheinen kann, wird vielleicht noch das eine oder andere Detail ans Licht kommen. Außerdem braucht es für den Druck Geld. Nitsche hofft, dies über Spenden gewinnen zu können. Wenn der Band erscheint, wird Kilian Lührs sein Abitur wohl schon in der Tasche haben. Er möchte Meteorologie in Hannover studieren. „Das ist mein Kindheitstraum“, erklärt er. Doch in den Semesterferien weitere Stunden mit der historischen Bibliothek seiner Schule zu verbringen, das kann er sich durchaus vorstellen.

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