Blühende Landschaften statt Maisfelder Testanbau von Wildblumen für Biogasgwinnung

Landkreis Verden. Hilmer Kruse aus Emtinghausen baut eine Biogasanlage. Ungewöhnlich ist das nicht. Doch der Landwirt und Jäger hat mehr vor, als seinen Mastschweinestall mit Energie aus nachwachsenden Rohstoffen zu heizen.
18.10.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Testanbau von Wildblumen für Biogasgwinnung
Von Antje Stürmann

Landkreis Verden. Hilmer Kruse aus Emtinghausen baut eine Biogasanlage. Ungewöhnlich ist das nicht. Doch der Landwirt und Jäger hat mehr vor, als seinen Mastschweinestall mit Energie aus nachwachsenden Rohstoffen zu heizen: Hilmer Kruse will Ökonomie mit Ökologie verbinden und testet deshalb, welche Pflanzen sich außer Mais zur Herstellung von Bio-Gas eignen. Initiatoren des kreisweit neuen Projekts 'Energie aus Wildpflanzen' sind bayrische Wissenschaftler.

'Der Anbau von Wildpflanzen zur Gewinnung von Biogas wäre eine Alternative zum unsäglichen Maisanbau, durch den die Artenvielfalt abnimmt', glaubt Antje Mahnke-Ritoff vom Fachdienst Naturschutz und Landschaftspflege im Landkreis Verden. Besonders viele Arten von Feldvögeln und das Niederwild finden zwischen den schnell und hoch wachsenden Mais-Pflanzen weder Nistplätze noch Nahrung. 'Kleinsäuger sind hier deshalb kaum zu finden', sagt die Expertin.

Deshalb habe unter anderem die Untere Naturschutzbehörde ein Interesse daran zu testen, ob durch den Anbau blütenreicher Pflanzen wie Sonnenblumen, Natternkopf und Malven die Artenvielfalt wieder erhöht werden könnte. Erstmals im Landkreis Verden sollen ab Frühjahr 2011 Hilmer Kruse und ein weiterer Landwirt auf insgesamt zwei Hektar Land Samen von einheimischen ein- und mehrjährigen Stauden ausbringen. Aus deren Blüten könnten sich zum Beispiel Schmetterlinge und Wildbienen Pollen und Nektar holen. Die Insekten dienten wiederum zahlreichen Vögeln und Kleinsäugern als Nahrung.

Vielversprechende Ergebnisse bezüglich des Anbaus und der Verwertung von Wildpflanzen haben die Forscher der Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) erzielt. Seit zwei Jahren testen die Experten Samenmischungen und Biogas-Ausbeute. Ihr vorläufiges Fazit: Die Biomasse-Erträge von Wildpflanzen sind genauso hoch wie die von Silomais und können diese sogar übertreffen. Ebenso haben die Fachleute in Versuchen die positiven Auswirkungen auf die Tierwelt belegt.

'In den Beständen bei Würzburg, Miltenberg und Oldenburg entwickelte sich rasch ein reiches Insektenleben. Acht verschiedene Fledermausarten profitieren derzeit davon', berichtet Werner Kuhn von der LWG. Bodenbrüter wie die Lerche zögen im schützenden Dickicht aus Stoppelresten und Blättern ihre Brut auf. Die Erntetermine passten perfekt zu den Brut- und Setzzeiten und das erhöhe den Bruterfolg, weiß Antje Mahnke-Ritoff. Der Anbau von Wildpflanzen biete auch den Landwirten Vorteile: Unter anderem lieferten die Stauden fünf Jahre lang Erträge und müssten nicht jedes Jahr neu angesät werden. Außerdem sparten sie Dünger und Pestizide - was wiederum der Natur zugute komme.

Antje Mahnke-Ritoff sieht in dem Pilotprojekt auch eine Chance, die vielfältige Kulturlandschaft im Kreis Verden zu erhalten. 'Wir wollen keine monotone Maislandschaft, wie es sie im Landkreis Rotenburg bereits gibt', sagt sie. Dort wachse auf fast Dreiviertel der Flächen nur Mais. Die Bestände von Rebhuhn und Feldlerche seien deshalb um bis zu 70 Prozent zurückgegangen. Dagegen hätten die Bestände an Wildschweinen extrem zugenommen.

'Gegen solch eine Entwicklung wollen wir ansteuern', sagt Antje Mahnke-Ritoff, die gemeinsam mit Kollegen den Kontakt zwischen hiesigen Landwirten und den Verantwortlichen in Bayern hergestellt hat. 'Ich könnte mir vorstellen', sagt sie, 'dass man daraus in Zukunft ein Naturschutzprojekt macht und mit der Jägerschaft sowie anderen Landwirten zusammenarbeitet.' Anfang November sollen die Politiker im Kreistag über das Thema beraten. Denn den Samen für die Testflächen stellt zwar das LWG, einen finanziellen Ausgleich sollen die Landwirte jedoch vom Landkreis erhalten.

Hilmer Kruse in Emtinghausen baut unterdessen weiter an seiner 250-Kilowatt-Biogasanlage, in der er außer Wildpflanzen vorerst auch Gülle, Mais und Grassilage vergären lassen will. Das Fundament ist bereits gegossen. Ende des Jahres soll die Anlage mit Fermenter, Gärrestelager, Blockheizkraftwerk und Lagerfläche für Silage am Strahmweg stehen.

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