Hörfunk-Aufzeichnungen

Die etwas anderen „Maiklänge“

Ohne Zuhörer vor Ort, aber musikalisch nicht weniger virtuos, haben am Wochenende die „Maiklänge“ in Verden stattgefunden. Diese wurden aufgezeichnet und können nun bald im Hörfunk genossen werden.
17.05.2020, 17:25
Lesedauer: 4 Min
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Von Susanne Ehrlich
Die etwas anderen „Maiklänge“

Musizieren in Alltagskleidung: das Glinka-Sextett auf der Bühne.

Björn Hake

Die „Maiklänge“ im Domgymnasium stehen für erlesene Kammermusik, gespielt von erstrangigen Interpreten. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Die Musiker spielen, und (fast) niemand hört zu! Statt dieses Highlight des Verdener Kulturlebens wie zahllose andere in dieser Zeit abzusagen, haben es die Organisatoren des Festivals und der Sender Radio Deutschlandfunk Kultur möglich gemacht, dass es hier auch im Corona-Jahr 2020 ganz große Musik zu erleben gibt.

Die Aufzeichnungen zweier Konzerte am vergangenen Wochenende bringen dreifachen Gewinn: Ein kleines Trostpflaster für die große Fangemeinde des Maiklänge-Festivals. Ein Stück Glück, für die Musiker, die nach so langer Abstinenz endlich wieder gemeinsames Musizieren erleben und sich mit musikalischen Freunden und Wegbegleitern treffen. Eine einzigartige Konzertaufzeichnung für die Sender Radio Deutschlandfunk Kultur und NDR 3, die mit diesen zum Teil sehr selten gespielten Kammermusikwerken viele Tausende von Hörern erreichen. Stefan Lang, Ressortleiter der Musikproduktion beim Deutschlandfunk Kultur, war vor Ort dabei und zeigte sich begeistert: „Ich bin fasziniert von dem, was Nabil Shehata und Renate Kracke da so konsequent durchgezogen haben, und es hat sich für uns unbedingt gelohnt. Das ist eine solch hochprofessionelle Qualität – ich bin richtig überrascht, dass man so etwas an so unerwartetem Ort finden kann.“

Eine ganz neue Aufführungskategorie

Das Organisationsteam der „Maiklänge“ erlebte damit eine ganz neue Kategorie von Musikaufführungen: „Geisterkonzerte“ ohne Publikum, deren Interpreten sich umso mehr der eigenen Begeisterung und Musizierfreude hingaben. Und so kann der Funke mit der gebotenen Zeitverzögerung an den Sendeterminen aufs Publikum überspringen.

Der große Jubilar Beethoven wurde in beiden Konzerten mit einem Eröffnungsstück gewürdigt. Das „Duett mit zwei obligaten Augengläsern“ WoO 32, gespielt von Gareth Lubbe an der Viola und Claudio Bohorquez am Cello ist gleichsam eine Komprimierung der Kompositions- und Instrumentierungskunst Beethovens. Intensiv und hinreißend schön begegneten sich die beiden dunklen, samtweichen Stimmen in diesem kurzen Werk, bei dem die Augengläser jedoch nur in der Phantasie existierten.

Die Musiker spielten in Zivil – es konnte sie ja niemand sehen. Turnschuhe, T-Shirt mit Aufdruck, Jacke hinter den Stuhl geknüllt. Am Ende des kurzen Stückes kam eine Stimme aus dem Off: „Ab Takt 117 bitte noch einmal!“ Aus dem Ü-Wagen verfolgte Aufnahmeleiterin Karola Parry jeden Takt der Partitur – keine kleinste Intonationsunreinheit, kein winziger Einsatzwackler entging ihren strengen Ohren. Für normale Zuhörer kaum vernehmbar, nun jedoch mit einer Wiederholung der entsprechenden Takte aus der Welt geschafft.

Wie Geschwister

Nabil Shehata und der erst 25-jährige Geiger Momo Hiber spielten eine Suite mit fünf Sätzen aus Reinhold Glières „Acht Duos op. 39“, deren intensiver, farbenreicher Klang eine echte Entdeckung war. Wie Geschwister lehnten sich Violine und Kontrabass aneinander in dieser von Spannung vibrierenden Musik.

Corona-Ausnahmesituation und Rundfunk-Aufnahmesituation hielten die wenigen Anwesenden auf ihren in weitem Abstand aufgestellten Stühlen im Klammergriff: Jedes Rascheln, jede Bewegung könnte die Aufnahme schmeißen. Zuerst wagte es niemand, zu applaudieren. Doch natürlich wird die Aufnahme nach jedem Stück unterbrochen, und nach dem Glière brachte die kleine Gruppe einen beträchtlichen Applaus-Pegel zustande. Wieder folgten Verbesserungswünsche. Parry überlegte, ob diese eine Stelle bei einer zweiten Wiederholung noch besser werde. Darauf Shehata: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Heiter, familiär wirkten die kurzen Pausen auf der Bühne, etwas angespannt dagegen bei den Zuhörern: Bloß nichts falsch machen! „Dein Stuhl knarrt“, wurde jemand ermahnt, und hastig, verstohlen wurde das Corpus Delicti ausgetauscht.

Meisterhafte Interpretation

Mit der jungen Geigerin Karen Gromyo, die ein eigentümliches Maiklänge-Debüt erlebte, spielte José Gallardo die extrem virtuose und in ihrer Form sehr innovative Violinsonate von Leos Janácek. Die meisterhafte Interpretation des vielfarbigen, expressiven Werkes machte den Hörern das völlig reglose Sitzen leicht.

In der kurzen Pause sollte Luft in den Saal. Shehata aber mahnte: „Nicht zu lange! Der Flügel verstimmt sonst.“ Güterabwägung in Zeiten von Corona! Denn auch der große Bösendorfer-Flügel des Klavierhauses Helmich hatte sein Konzert-Debüt. Pianist José Gallardo, der regelmäßig auf einem Bösendorfer zu spielen pflegt, war sehr angetan von dem edlen Instrument. Auch sei er, setzte er hinzu, „überglücklich, hier in Verden dabei sein zu können“. Bohorquez und Lubbe, die für diesen Tag fertig waren, wurden kurz von Stefan Lang interviewt und verließen dann den Saal. Gefragt, wie er den eigentümlichen Auftritt empfunden hatte, sagte der Cellist: „Wir haben uns so sehr darauf gefreut, zusammen zu spielen. Wenn man das so lange nicht hatte, dann weiß man es noch mehr zu schätzen.“

Mit dem fulminant musizierten Klavierquintett op. 81 von Anton Dvořák endete das erste „Geisterkonzert“. Die Idee sei bei allen Beteiligten auf enorme Resonanz gestoßen, freute sich Michael Spöring. „Aber für das nächste Jahr wünschen wir uns trotzdem unser Publikum zurück.“

Hinreißend schön

Die Matinee am Sonntag begann ebenfalls mit Beethoven und seinem „Gassenhauer-Trio“, gespielt von Gallardo, Hiber und Bohorquez, gefolgt von einem dunklen Romberg-Duo mit Shehatas Kontrabass und Tim Parks Cello. Mit der Sonate für Geige und Viola KV 423 führten Gomyo und Sellhein ein zärtlich intimes Zwiegespräch, bevor sich mit Schuberts Streichtriosatz B-Dur D 471 zwischen Hiber, Lubbe und Park ein hinreißend schöner musikalischer Lieblingsmoment entfaltete. Ein langer Applaus, ein kurzer „Corona-Abklatsch“ der Musiker via Ellenbogen, und schon läutete das opulente Finale das Ende der diesjährigen Maiklänge ein: Das Klaviersextett des russischen Romantikers Michail Glinka für zwei Vi­olinen, Viola (Lubbe), Cello (Bohor­quez), Kontrabass und Klavier wurde zu einer von übermütiger Spielfreude sprudelnden, virtuosen und funkelnden Kammermusik-Party des so sympathische Ensembles, die alle Maiklänge-Fans zumindest akustisch noch einmal mitfeiern können.

Sendetermine

Gesendet wird das erste Konzert bereits am 22. Mai ab 20 Uhr auf Radio Deutschlandfunk Kultur; der zweite Sendetermin steht noch aus. Auf NDR Kultur werden die beiden Konzerte am 7. und 28 Juni in zwei Soireen jeweils ab 22 Uhr ausgestrahlt.

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