Erfolgs-Pilotin Hanna Reitsch sorgte 1937 mit einem der ersten Hubschrauber in Schafwinkel für Aufsehen Ungewollter Zwischenstopp

Kirchlinteln. Schafwinkel, 22. Oktober 1937: Der Wind trägt das plötzliche Geräusch von Rotorblättern durch die Lüfte.
15.10.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Dominik Albrecht

Kirchlinteln. Schafwinkel, 22. Oktober 1937: Der Wind trägt das plötzliche Geräusch von Rotorblättern durch die Lüfte. Wenig später landet ein für damalige Verhältnisse außergewöhnliches Fluggerät auf einer örtlichen Wiese. Die Focke-Wulf FW 61 V2, einer der ersten richtigen Hubschrauber, wurde von Pilotin Hanna Reitsch auf ihrem Flug nach Berlin-Teegel sicher zu Boden gebracht. Nur durch Zufall kam dieses kleine Stück Kirchlintler Geschichte jetzt durch Erich Schwinge ans Tageslicht.

Da staunte Erich Schwinge nicht schlecht. Eigentlich wollte der Holtumer nur nach Bildern über vergangene Schlachten in seinem Heimatort suchen. „Wir haben hier eine Kirchlintler Arbeitsgemeinschaft, die alte Bilder sammelt und digitalisiert“, berichtet er. Beim Überfliegen der Bilderbögen fiel ihm dann das vergilbte Bild eines Hubschraubers auf, um den sich Menschen scharen. „Da ich lange Zeit fliegerisch tätig war, war mein Interesse sofort geweckt“, plaudert der langjährige Segelflieger und ehemalige Fluglehrer aus dem Nähkästchen.

Nachdem Gespräche mit Freunden keine nennenswerten Erfolge brachten, kam dem Hobby-Fotografen das Hubschraubermuseum in Bückeburg als Anlaufpunkt in den Sinn. Das Museum ist ein Mekka für Flugzeug-Fans und stellt sogar einen baugleichen Hubschrauber des Typs Focke-Wulf FW 61 V2 aus. „Dort habe ich tatsächlich weitere Informationen bekommen und erfahren, dass es sich bei dem Piloten um Hanna Reitsch handelt“, so Schwinge. Reitsch gilt als eine der bekanntesten und erfolgreichsten Fliegerinnen Deutschlands und erste Pilotin der Welt. Mehr als 40 Rekorde hat sie aufgestellt. Im Juni 1934 begann sie, als Versuchspilotin für die „Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug“ zu arbeiten.

Für Erich Schwinge war Hanna Reitsch keine Unbekannte. Er kannte sie unter anderem durch ihr Buch „Fliegen, mein Leben“. „Im Dritten Reich hat sie Hubschrauber für das Militär ausprobiert“, erklärt er. Eine Besonderheit, wie er anmerkt, wurden Frauen sonst aus diesen Bereichen herausgehalten. Im Oktober 1937 machte sich Reitsch dann mit einem der ersten Hubschrauber von Bremen aus auf den Weg nach Berlin-Tempelhof, um die Maschine in Berlin-Staaken vorzuführen. Auf dem Flug stieg jedoch die Öltemperatur auf 70 Grad Celsius, nach einer halben Stunde überschritt sie sogar das erlaubte Maximum von 95 Grad Celsius. Sie musste mehrmals zwischenlanden, um den Motor abkühlen zu lassen. „Darunter landete die Fliegerin auch in der Nähe der ehemaligen Molkerei Schafwinkel in Kirchlinteln“, fand Schwinge heraus.

Während seiner gut ein Vierteljahr andauernden Recherche hat Erich Schwinge nie die Hoffnung verloren, weitere Puzzlestücke zu finden. Einen großen Schritt machte er dank Hermann Meisloh. Dieser hatte durch die Erstellung einer Dorfchronik über Kirchlinteln noch einige Asse im Ärmel. „Er hat mir Daten von zwei Männern und Frauen gegeben, die damals bei der Landung in Schafwinkel dabei waren“, erzählt der glückliche Freizeit-Historiker über den neuen Impuls. Einer von ihnen ist Hermann Delventhal aus Klein Heinz. Er ist damals in Bendingbostel zur Schule gegangen und erinnert sich noch an das außergewöhnliche Ereignis.

Der damals Elfjährige war mit anderen Kindern in der Nähe. „Das war eine Sensation, so etwas konnte man sich gar nicht vorstellen. Da sind wir natürlich gleich hingelaufen“, erinnert sich Hermann Delventhal an den Oktober 1937. An das Steuer der Maschine durfte er sich leider nicht setzen, auch an das Treffen mit der Pilotin oder dem erneuten Start sind ihm entfallen. „Das ist schon lange her und irgendwann mussten wir ja auch wieder nach Hause“, so Delventhal. Später trat der heutige Rentner der Luftwaffe bei. Das war allerdings schon vorher sein Wunsch, wie er versichert. Bei einem Besuch des Bückeburger Museums hat er die ausgestellte Maschine aber sofort wiedererkannt. Der Flug von Fassberg nach Berlin war mit 108 Kilometern übrigens ein Streckenrekord für Hubschrauber. Und was wurde nun aus dem unheilsamen Fluggerät? „In Berlin wurde der Hubschrauber abmontiert und in der Deutschlandhalle wieder aufgebaut. Dort führte Reitsch ihn bei mehreren Starts dem staunenden Publikum in fünf bis zehn Metern Höhe vor“, weiß Erich Schwinge. Eine Weiterentwicklung fand jedoch nicht statt, weil das Militär sie zugunsten anderer Projekte ablehnte, heißt es.

Der nächste Schritt auf der Spurensuche führt Erich Schwinge jetzt nach Visselhövede, wo Reitsch ebenfalls gelandet sein soll. „Als der Motor wieder überhitzte, schwebte Hanna Reitsch über einem Bauernhof und bat einen Bewohner mit Gesten um Landeerlaubnis“, hat Erich Schwinge erfahren. Dieser soll die Pilotin mit folgenden Worten empfangen haben: „So'n Ding! Ich war Luftschiffkapitän in Berlin, hätte aber nie gedacht, dass eines Tages ein hübsches junges Mädchen in meinem Garten landen würde.“ Ob an dieser charmanten Geschichte etwas dran ist? Erich Schwinge wird es erfahren.

„Das war eine Sensation, so etwas konnte man sich gar nicht vorstellen.“ Hermann Delventhal
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