Hygiene an der Aller-Weser-Klinik UV-Licht zeigt Nachlässigkeit auf

Verden. Nach dem Tod von drei Babys in der Mainzer Kinderklinik fragen sich viele: Wie ist es denn in den hiesigen Krankenkäusern um die Hygiene bestellt? Johannes Heeg sprach darüber mit der Hygiene-Fachkraft Maria Ellwart und dem ärztlichen Hygienebeauftragten der Aller-Weser-Klinik, Peter Ahrens.
25.08.2010, 05:01
Lesedauer: 3 Min
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Von Johannes Heeg

Verden. Nach dem Tod von drei Babys in der Mainzer Kinderklinik fragen sich viele: Wie ist es denn in den hiesigen Krankenkäusern um die Hygiene bestellt? Johannes Heeg sprach darüber mit der Hygiene-Fachkraft Maria Ellwart und dem ärztlichen Hygienebeauftragten der Aller-Weser-Klinik, Peter Ahrens.

Frage: Wie bewerten Sie die tragischen Vorfälle in Mainz?

Ahrens: Wir kennen die Hintergründe nicht. Ganz allgemein kann man sagen, dass Frühchen sehr anfällig für Infektionen sind. Ohne moderne Intensiv-Medizin würden viele von ihnen sterben.

Gibt es ein Hygieneproblem? Laut Schätzungen sollen sich in Deutschland jedes Jahr bis zu einer Million Menschen mit Krankenhauskeimen infizieren. 40000 Patienten sollen Jahr für Jahr an den Folgen solcher Infektionen sterben.

Ahrens: In Krankenhäusern gibt es immer eine Hygienediskussion. Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, da sie auf Schätzungen beruhen. Es gibt keine systematischen Erhebungen.

Ellwart: Ich bitte auch zu bedenken: Nicht an jeder Krankenhaus-Infektion ist das Krankenhaus schuld. In einem ohnehin geschwächten Körper eines Kranken können sich Keime ausbreiten, die der Patient mit ins Krankenhaus gebracht hat. Mindestens zwei Drittel aller Infektionen sind auch in Zukunft unvermeidbar

Fakt ist aber auch, dass sich immer wieder Patienten durch Nachlässigkeiten des Krankenhauspersonals infizieren.

Ellwart: Stimmt, da gibt es nichts zu beschönigen. Nicht umsonst bin ich hier seit 1986 Hygiene-Fachkraft. Ich mache nichts anderes als auf die Einhaltung der Hygieneregeln zu achten.

Das klingt wie ein Witz: Sie sagen Ärzten und Pflegekräften, dass sie sich die Hände desinfizieren sollen.

Ellwart: Das klingt tatsächlich banal. Aber die korrekte Händedesinfektion ist elementar. Bei uns an der Klinik gibt es seit Jahren eine Pflichtschulung, die sämtliche 660 Mitarbeiter durchlaufen müssen - jedes Jahr einmal. Für meine Kurse bin ich anfangs belächelt worden, insbesondere von älteren Mitarbeitern. Heute stellt das keiner mehr in Frage. Ich habe eine UV-Lampe, die schonungslos zeigt, wenn Hautpartien nicht mit Desinfektionsmittel benetzt sind. Da staunen manchmal auch erfahrene Kollegen über ihre eigene Nachlässigkeit. Richtige Keimschleudern können auch die Kittel sein. Daher haben wir im Intensiv- und OP-Bereich ein Kittelverbot. Auch Uhren und Ringe haben dort nichts verloren.

Spielt Hygiene bei der ärztlichen Ausbildung denn keine Rolle?

Ahrens: Vor 25 Jahren, als ich studiert habe, war das kein Thema. Das Bewusstsein für die Gefährdung der Patienten durch Keime hat sich mittlerweile gebessert, die Probleme sind erkannt. Dass sie nicht völlig beseitigt sind, hat mehrere Ursachen. Unter anderem werden zu wenig Infektiologen und Krankenhaushygieniker ausgebildet.

Liegt's am fehlenden Geld? Wird am falschen Ende gespart?

Ahrens: Durch bessere infektiologische Beratung in den Krankenhäusern könnte man den Einsatz von Antibiotika gezielter steuern.

Sie meinen: Durch übertriebene Antibiotikagaben züchten wir uns selber die Keime, gegen die kein Mittel hilft?

Ahrens: Ja. Vor allem Griechenland und auch Spanien gelten als Brutstätten von resistenten Keimen. Dort werden hochwirksame Antibiotika ziemlich wahllos verschrieben.

Ellwart: Bei uns an der Klinik haben wir vor Jahren ein sehr strenges Antibiotika-Regime eingeführt. Es gibt klare Vorgaben, was wogegen verordnet werden darf.

In Holland soll es viel weniger Krankenhausinfektionen geben als in Deutschland.

Ellwart: Das ist richtig. Die arbeiten dort anders. Zum Beispiel werden Risikopatienten so lange isoliert, bis die Laborwerte vorliegen.

Ahrens: In Deutschland wird die Nachsorge vernachlässigt. Wenn wir einen Patienten nachgewiesenermaßen keimfrei entlassen, kümmert sich hinterher keine Gesundheitseinrichtung darum, ob das auch zu Hause oder im Pflegeheim so bleibt. Bricht dann bei diesem Patienten erneut eine Infektion aus, die dann wiederum im Krankenhaus behandelt werden muss, heißt es schnell: Der hat eine Krankenhausinfektion. Manche Menschen sind eben Dauerträger von Krankheitserregern, die kommen immer wieder.

Merkwürdigerweise gibt es für die 2080 deutschen Krankenhäuser keine bundesweit gültigen Hygienevorschriften. Ein Skandal?

Ahrens: Bundesweit verbindliche Regeln wären eine gute Sache, diese sollten aber streng sein und nicht durch zu viele Kompromisse verwässert. Es gibt genügend Fachleute auf diesem Gebiet. Leider hat man in der Vergangenheit nicht auf sie gehört.

Und die Klinikleitung sieht Hygiene nicht nur als Kostenfaktor?

Ahrens: Natürlich gibt es immer mal Diskussionen über den Aufwand. Aber Vorsorge ist immer billiger als Nachsorge. Neulich hatten wir einen Infektionsfall mit multiresistenten Erregern, da mussten wir Antibiotika im Wert von 25000 Euro einsetzen. Grundsätzlich steht die Geschäftsführung hinter unseren Bemühungen.

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