Stadtührung

Vom Tod des Johann Bornemacher

Auf eine Zeitreise haben sich die Teilnehmer an einer Stadtführung in Verden begeben. Das Schicksal des Geistlichen Johann Bornemacher stand im Mittelpunkt.
23.07.2017, 17:09
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Gisela Enders
Vom Tod des Johann Bornemacher

Die Teilnehmer der Verdener Stadtführung begaben sich auf eine Zeitreise ins Mittelalter.

Björn Hake

Verden. Vor der Aufführung noch Informationen sammeln. Das schien die Absicht derer zu sein, die sich am späten Sonnabendnachmittag am Lugenstein versammelt hatten. Immer nah an der Geschichte, versetzte Stadtführerin Sabine Lühning ihre Zuhörer ins Mittelalter und schlug dabei einen Bogen zum aktuellen Stück der Verdener Domfestspiele. Fundiertes Wissen, aber auch Anekdoten zu den prägenden Figuren der Zeit, sorgten für gleichbleibendes Interesse unter den knapp 20 Teilnehmern, die fast alle ein Ticket für den Theaterbesuch in der Tasche hatten.

Doppelbödige Moral, fragwürdige Gerichtsurteile, Folter und Hinrichtungen sind die Themen des nach einer Idee von Gabriele Müller verfassten Schauspiels „Der brennende Mönch“. Beginnend am Lugenstein, im Volksmund auch Mückenschiss genannt, überraschte Sabine Lühning mit Details zur Stadtgeschichte, die nicht einmal den Einheimischen geläufig zu sein schienen. So erläuterte sie die Funktion sogenannter Wetzrillen, die im Gemäuer domnaher Gebäude dazu dienten, Schwerter und Messer vor dem Kirchenbesuch zu entschärfen. Kräuterhexen, damals in großer Zahl in der Stadt, zogen mitgeführte Heilpflanzen ebenfalls durch die Sandsteinrillen, um deren Wirkung zu erhöhen.

Abseits der belebten Fußgängerzone führte der Weg vorbei an gepflegten Domherrenhäusern mit wunderschönen Gärten. Prächtiger Baumbestand und üppig blühende Stauden zeugen noch heute vom Reichtum der dort ansässigen Geistlichkeit, der Adeligen und der wohlhabenden Kaufmannschaft. Während die Brüder von Mandelsloh – allesamt Domherren – Teile der Stadtmauer errichten und zwei Domglocken für die Kathedrale St. Maria und Cäcilia fertigen ließen, lebte der Klerus in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Saus und Braus. Allen voran Bischof Christoph. Der erzkonservative Bremer Katholik, der sich gerne in seinem Verdener Bistum aufhielt, regierte mit eiserner Hand und widersetzte sich vehement der durchs Land schwappenden Reformationsbewegung. Gemeinsam mit rund 100 weiteren Theologen wurde ausschweifend gefeiert. Immer dabei: eine große Anzahl von Dirnen, die in den angrenzenden Schlafhäusern lebten.

Um ihr extravagantes Leben finanzieren zu können und zum Bau des Petersdoms in Rom etwas beizutragen, schröpfte die katholische Kirche ihre Untertanen und entzog ihnen damit die Grundlage für ein ohnehin schon bescheidenes Leben. So auch Domprediger Johannes Dinkschlag, der, mehr zu seinem eigenen Wohl als zu dem der Bevölkerung, massenweise Ablassbriefe verkaufte. „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“, versprach er den Gläubigen.

Von den Thesen Martin Luthers geprägt, machte der Geistliche Johann Bornemacher auf seinem Rückweg von Wittenberg nach Bremen in Verden Station. Mit einem aus Haselnusszweigen geflochtenem Kranz folgte er einer Prozession zum Dom und wurde dort Zeuge von Dinkschlags irrlichternden Predigt. In einer feurigen Rede beleuchtete der mutige Reformator dessen Torheit und besiegelte damit sein eigenes Schicksal. Nachdem der Geistliche am Lugenstein zum Tode verurteilt wurde, ließen die Verdener dort lautstark ihrem Unmut Luft. Verhindern konnten sie den Tod des Mönches, der 1526 auf einem Scheiterhaufen am Burgberg starb, indes nicht.

„120 Mitwirkende haben dazu beigetragen, das Drama um den mutigen Geistlichen wirkungsvoll in Szene zu setzen", zeigte sich Sabine Lühning begeistert von dem Theaterstück. Sie beendete ihre Führung unter den Augen des unbarmherzigen Bischofs, der in einem Sarkophag im Dom seine letzte Ruhe fand.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+