Brauchtum Weihnachten verkehrt herum

Bei Gabriele Müller hängt der Tannenbaum in Verden von der Decke hinab. Früher war das nämlich so Usus.
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Weihnachten verkehrt herum
Von Jörn Dirk Zweibrock

Gabriele Müller ist ein Weihnachtsfan durch und durch. Bereits nach ihrem Geburtstag am Reformationstag (31. Oktober) beginnt sie mit dem Schmücken. Sie will sich ja schließlich ganz in Ruhe auf das Fest der Feste vorbereiten. Den Platzmangel in ihrem neuen Zuhause bekämpft sie in diesem Jahr mit einem uralten Brauch – statt im Christbaumständer mit prall gefülltem Wassertank zu stehen, baumelt ihre Tanne einfach genüsslich von der Decke herab.

Die Nordmanntanne gehört heute bei den meisten Familien zum Fest wie der Kirchgang und der Kartoffelsalat. Doch der Weihnachtsbaum hat erst vor rund 450 Jahren Einzug in die heimischen Wohnzimmer gehalten. Zu jener Zeit wurde er allerdings noch verkehrt herum an der Decke befestigt. Bis heute hat sich diese alte Tradition mancherorts gehalten. „Als ich in Goslar auf dem Weihnachtsmarkt gewesen bin, habe ich dort nur verkehrt herum hängende Tannenbäume gesehen“, erzählt die Verdenerin von ihrem Aha-Erlebnis.

Weil sie ihre Wohnung seit Anfang November ohnehin schon bis in den letzten Winkel mit Weihnachtsdeko geschmückt hat, kam ihr dieser uralte Brauch gerade recht, denn nichts ist platzsparender als ein Christbaum, der verkehrt herum von der Decke hängt. „Mein Sohn hat mir noch schnell zwei Flaschenzüge gebastelt, mit denen ich die künstliche Tanne ganz bequem nach unten und oben ziehen kann“, erzählt die Weihnachtsfreundin und lässt vom Seil ab. Den richtigen Baum, also einen, der ganz normal auf dem Boden steht, hat sie in diesem Jahr übrigens nach draußen verbannt. Ohnehin gleicht das Zuhause von Gabriele Müller momentan einem richtigen Weihnachtswunderland. „Man kann auch schnell überschmücken“, weiß die Mutter der Verdener Domfestspiele. Diesen Punkt hat sie bei sich zu Hause natürlich nicht überschritten. Festlich sieht es bei ihr aus, aber nicht zu überladen. Geschmackvoll, aber nicht zu kitschig. Vermutlich ist genau das die Kunst, die selbst ernannte Deko-Queens beherrschen müssen.

Vor allem in Ostdeutschland war es bis ins 20. Jahrhundert hinein üblich, den Weihnachtsbaum an der Decke zu befestigen. Der Künstler Hugo Brückner hat diesen alten Brauch beispielsweise in einem Holzschnitt verewigt. Warum der Tannenbaum allerdings zu Beginn an die Decke gehängt wurde, weiß heute niemand mehr so richtig. „Schon die alten Römer haben ihr Heim zum Jahreswechsel mit Lorbeerzweigen ausgelegt“, erzählt Gabriele Müller. Das Grün galt in grauer Vorzeit nämlich als Symbol der Hoffnung. Auch die Verdenerin hat es sich schon seit Backfischzeiten auf die Fahnen geschrieben, die dunkle Zeit mit jeder Menge Licht zu erhellen. „Wir haben Weihnachten früher immer ganz traditionell in unserer Großfamilie gefeiert. Mit 14 Jahren wurde es mir allerdings zu viel und ich bin an Heiligabend einfach zu Hause geblieben“, blickt sie zurück. Fortan war es schlagartig mit dem Weihnachtstrubel vorbei, stattdessen wurde in der großen Familie die Stille zelebriert.

Stressen lässt sich die Weihnachtsfreundin seitdem nicht mehr in der Adventszeit. Hektik? Doch nicht bei Gabriele Müller. Sie geht alles ganz sutsche an, backt in Seelenruhe Espresso-Kekse und verschönert ihre behagliche Wohnung mit weiteren Exponaten aus ihrer Goldengel-Sammlung. Selbst als damals bei ihren früheren Nachbarn der herunter gebrannte Adventskranz den Glastisch zerstört hat, kam sie nicht aus der Ruhe. „Ich habe einfach abgelöscht und mich köstlich darüber amüsiert, dass sie plötzlich mit qualmenden Reifen vorgefahren sind.“

Der sogenannte „upside down christmas tree“ erfreut sich in den Vereinigten Staaten übrigens wieder großer Beliebtheit. Dabei werden allerdings keine echten, sondern künstliche Tannenbäume wie bei Gabriele Müller zu Hause an die Decke gehängt. Doch nicht nur das – als der Trend aufkam, wurden die Bäume in den Staaten nicht nur an der Zimmerdecke aufgehängt, sondern teilweise auch seitlich an die Wand montiert oder eben mit der Spitze nach unten zeigend in einem gewöhnlichen Christbaumständer geparkt.

Gabriele Müllers künstliche Deckentanne spart jedenfalls Platz und hat noch einen anderen entscheidenden Vorteil: Ihr kleines Enkelkind kann ihn dadurch nicht unfreiwillig abschmücken. Die Verdenerin liebt Weihnachten, die Liebe geht sogar soweit, dass sie die Weihnachtsdeko bis weit nach dem Dreikönigstag hängen lässt. „Wenn die Tage wieder heller werden, nehme ich auch irgendwann mal den Weihnachtsschmuck ab“, erzählt sie lachend und holt noch einen weiteren Goldengel aus dem mit unzähligen Weihnachtskartons bestückten Keller.

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