Überbetriebliche Ausbildung für angehende Handwerker: Fahrten bis nach Lübeck und Königslutter Weite Wege zum Gesellenbrief

Wer sich als junger Mensch für einen Handwerksberuf entscheidet, der relativ wenig Ausbildungsplätze zu bieten hat, muss lange Wege zur überbetrieblichen Ausbildungsstätte oder zur Berufsschule in Kauf nehmen. Beispiel Hörgeräteakustiker: Für sie gibt es bundesweit nur eine einzige Akademie beziehungsweise eine Berufsschule. Beide Institutionen befinden sich in Lübeck - ein langer Weg für die Verdenerin Jessica Knoske.
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Von Stephan Holste

Wer sich als junger Mensch für einen Handwerksberuf entscheidet, der relativ wenig Ausbildungsplätze zu bieten hat, muss lange Wege zur überbetrieblichen Ausbildungsstätte oder zur Berufsschule in Kauf nehmen. Beispiel Hörgeräteakustiker: Für sie gibt es bundesweit nur eine einzige Akademie beziehungsweise eine Berufsschule. Beide Institutionen befinden sich in Lübeck - ein langer Weg für die Verdenerin Jessica Knoske.

Verden·Lübeck. 190 Kilometer bis zur Berufsschule - Jessica Knoske hat keine andere Wahl. Sie lernt, mittlerweile im dritten Jahr, beim Verdener Hörgeräteakustiker Schmitz. Hauptsächlich wird sie im Betrieb ausgebildet. Hinzu kommen jedoch acht jeweils drei bis fünf Wochen dauernde Blöcke Berufsschulunterricht und weitere zwei Blöcke von jeweils einer Woche für die überbetriebliche Ausbildung. Dafür muss die angehende Hörgeräteakustikerin bis an die Ostsee fahren. "Wir von Schmitz und die anderen Azubis aus Norddeutschland haben es ja noch ganz gut. Ein Großteil unserer Mitschüler kommt aus dem süddeutschen Raum, die haben wesentlich weitere Anfahrtswege", sagt die 21-Jährige.

In der überbetrieblichen Ausbildung lernen die Auszubildenden unter anderem, wie man lötet und Messungen vornimmt. Das sei notwendig, um im Betrieb selbst kleinere Reparaturen am Hörgerät vornehmen zu können. Aber auch medizinische Inhalte würden dort vermittelt. So werde auch mit Probanden, also Hörgeräteträgern, praxisnah ausgebildet. Wie sieht ein Gehörgang aus? Was ist bei einer Abformung des Gehörganges alles zu beachten? Das seien nur zwei Fragestellungen, auf die in der Akademie für Hörgeräteakustiker eingegangen werde.

In der angrenzenden Berufsschule werden die theoretischen Ausbildungsinhalte vermittelt. Dazu gehören unter anderem Kenntnisse darüber, wie die Störgeräuschunterdrückung funktioniert. Es komme besonders darauf an, das Hörsystem so anzupassen, dass Umgebungsgeräusche verringert und die Aussprache von Mitmenschen hervorgehoben werde. "So können wir schwerhörigen Menschen ein Stück Lebensqualität zurückgeben", erklärt Jessica Knoske.

Nervt die weite Anreise zur Ausbildungsstätte? "Ja, schon", sagt die junge Frau. Die Vorteile aber würden überwiegen, die überbetriebliche Ausbildung sei wirklich gut. "Außerdem habe ich eine interessante Stadt mit sympathischen Einwohnern kennengelernt. Und es macht Spaß, mit Kollegen aus ganz Deutschland zusammenzukommen", erzählt Knoske.

Abenteuercharakter

Positiv findet die junge Auszubildende auch, dass sie durch die Zeit in Lübeck zunehmend selbstständiger wird und "mal aus Verden herauskommt". Ihre Fahrten in die Hansestadt und der Aufenthalt dort hätten fast Abenteuercharakter. Während andere Auszubildende im Internat übernachten, mietet die 21-Jährige zusammen mit zwei Kollegen immer eine Wohnung an. "Die kriegt man für 11 bis 20 Euro pro Tag, für Besucher der Akademie gibt es Vergünstigungen", berichtet Jessica Knoske. Mal verbringt das Trio die Tage in einer ruhigen Wohngegend, mal in einer Wohnung in der Innenstadt. "Die Abwechslung gefällt mir", sagt die Verdenerin.

Wenn's irgend geht, schließt sie sich Fahrgemeinschaften an, um nach Lübeck zu gelangen. Bahnfahrten dauerten wesentlich länger. Knoske: "Die Züge haben oft Verspätung und schon hat man die Anschlusszüge in Bremen und Hamburg verpasst. Das ist mir zu Beginn der Ausbildung passiert, da habe ich mich richtig verloren gefühlt."

"Aber nicht nur Hörgeräteakustiker müssen so weit zur Berufsschule oder zur überbetrieblichen Ausbildungsstätte fahren", weiß der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Eginhard Engelke. Die überbetriebliche Ausbildung etwa für Steinmetze finde in Königslutter statt, 150 Kilometer von Verden entfernt. Da haben es Zimmerer, Maurer und Tischler besser, sie absolvieren diesen Teil ihrer Ausbildung in Stade. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist diese Stadt allerdings auch nicht leicht zu erreichen.

"Es geht uns bei der Ausbildung um Qualität, wir wollen einen bundesweit einheitlichen Standard gewährleisten. Und für einige Ausbildungsberufe können keine wohnortnahen Akademien eingerichtet werden, weil das in keinem Verhältnis zur Zahl der Auszubildenden in der Region stehen würde. Das wäre viel zu teuer", erklärt Engelke.

Nach seiner Auffassung lohnt sich der Aufwand für die Auszubildenden trotz der weiten Wege. Bei einem erfolgreichen Abschluss erhielten sie einen Gesellenbrief, der ihnen den Weg in die Zukunft ebne. "Deutsche Handwerker sind weltweit gesuchte Fachkräfte", sagt der Geschäftsführer.

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