Gasförderung Weitere Erdbeben möglich

Der Dea-Chef lässt während einer Veranstaltung in Kirchlinteln die Zukunft der geplanten Bohrung im Wasserschutzgebiet Panzenberg offen. Bis 2036 will der Versorger in Völkersen bleiben.
06.12.2019, 16:24
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Weitere Erdbeben möglich
Von Jörn Dirk Zweibrock

Kurz vor Beginn der Info-Veranstaltung am Donnerstagabend im Lintler Krug hatte Wintershall Dea die Bombe platzen lassen: Als Reaktion auf die beiden Erdbeben vom 20. November will der Hamburger Energieversorger die Produktion aus den Erdgasfeldern Völkersen und Völkersen-Nord nicht weiter ausbauen (wir berichteten). Wilhelm Hogrefe, Vorsitzender der CDU-Kreistagsfraktion, sprach in diesem Kontext gar von einer „historischen Veranstaltung“. Obwohl die hiesige Landtagsabgeordnete Dörte Liebetruth (SPD) und der Sprecher der Bürgerinitiative Walle gegen Gasbohren, Martin Busch, den anwesenden Dea Deutschland-Chef (Dirk Warzecha) ordentlich in die Zange nahmen, blieb er in seinen Antworten unkonkret. Auf Liebetruths Frage, ob die Dea denn nun auch auf die geplante Erweiterung der Bohrung am Rande des Wasserschutzgebietes Panzenberg verzichte, erhielt sie nur die schwammige Aussage, dass der Versorger derzeit alle Projekte einer strategischen Prüfung unterziehe. Auch in puncto Verjährungsfrist von Erdbeben-Folgeschäden konnte Andreas Sikorski, Präsident des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG), den Betroffen keine zufriedenstellende Antwort geben. Er versprach jedoch, die gewünschten Informationen nachzureichen.

Nach den bislang stärksten Beben in der Region mit einer Lokalmagnitude von 3,2 und 3,0 – die Epizentren lagen in der Gemeinde Kirchlinteln – hatte Bürgermeister Wolfgang Rodewald gemeinsam mit dem Präsidenten des Landesbergamtes zur Info-Veranstaltung geladen. An den Info-Points im Foyer konnten geschädigte Hausbesitzer Einzelgespräche mit den Mitarbeitern von Wintershall Dea führen. Sie berichteten von klapperndem Geschirr bis zu Rissen im Innenputz. Unweit des Epizentrums werden Beben meist als Knall, weiter weg hingegen als Grollen wahrgenommen.

Seit Beginn der Erdgasförderung, sprich seit 1977, habe es niedersachsenweit insgesamt hundert Erdbeben gegeben, erläuterte Monika Bischoff vom am LBEG angesiedelten Niedersächsischen Erdbebendienst (NED). 60 davon waren nach Aussage der Seismologin auch für die Bevölkerung spürbar, hatten demnach eine Lokalmagnitude von oberhalb 1,9. Die beiden stärksten jemals im Bundesland gemessenen Beben gab es der Geophysikerin zufolge in den Nachbarlandkreisen Rotenburg (4,5) und Soltau (4,0). Die im Landkreis Verden spürbaren Erdstöße hätten sich 2008, 2012, 2016 und 2019 ereignet. Der NED hat in den vergangenen Jahren beobachtet, dass Beben mit einer Verzögerung einsetzen. So hat sich das erste Beben erst 16 Jahre nach Beginn der Gasförderung im Erdgasfeld Völkersen ereignet. Bischoff kann daraus zwar keinen Trend ableiten, aber wiederum auch keine weiteren Erdstöße ausschließen.

Hatte der Energieversorger bei vorhergehenden Erdstößen noch jeden Zusammenhang mit der Gasförderung ausgeschlossen, hat bei ihm mittlerweile ein Lernprozess eingesetzt. Sowohl Warzecha als auch Sikorski von der zuständigen Genehmigungsbehörde geben dies mittlerweile auch unumwunden zu. Deswegen hat sich der Versorger auch im Gegensatz zu früher eine „schnelle und unbürokratische“ Schadensregulierung auf die Fahnen geschrieben. Heißt übersetzt: Erzielt der geschädigte Hausbesitzer beim Vor-Ort-Termin keine Einigung mit dem Dea-Mitarbeiter, wird in einem weiteren Schritt ein externer Gutachter hinzugezogen. Nächste Instanz ist dann die beim Kreis Rotenburg angesiedelte Schlichtungsstelle Bergschaden. „Von über 500 gemeldeten Schäden haben wir bereits ein Drittel reguliert“, erklärte Warzecha in Kirchlinteln.

Als der Versorger 1992 mit der Gasförderung im Landkreis Verden begonnen hat, hat er nicht erwartet, dass es dort einmal zu Erdbeben kommen könnte – zumal in Völkersen in 5000 Metern Tiefe unterhalb von einem mächtigen Deckgewölbe gebohrt wird. Zwei Erdbeben binnen weniger Stunden, so wie am 20. November geschehen, sind auch für den NED ungewöhnlich. „In Lastrup hat es schon einmal innerhalb von drei Tagen zwei Beben gegeben“, erinnerte Bischoff. Laut Wintershall Dea soll künftig das kreisweite seismographische Überwachungsnetz ausgebaut sowie die wissenschaftliche Begleitung intensiviert werden.

Der Versorger will nach eigenen Worten bis 2036 an der Gasförderung in Völkersen festhalten, hält die weitere Förderung aus den bereits erschlossenen Reserven für „vertretbar“. Nach Aussage von Warzecha hegt das Unternehmen auf Sicht keine Verkaufspläne für das für die Hamburger so wichtige Feld. Das Modell Groningen – wo sich der Ausstieg aus der Gasförderung nach dem Auftreten von immer stärker werdenden Erdbeben mittlerweile beschleunigt – ist Sikorski zufolge nicht mit Verden zu vergleichen.

Auch die Bürgerinitiativen gegen Gasbohren informieren in Kooperation mit der Stadt Verden am Mittwoch, 11. Dezember, über die Schadensregulierung. Beginn ist um 19.30 Uhr in der Stadthalle Verden.

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