Vom Kaufmann zum Natur-Liebhaber Wildnispädagoge gibt Wissen weiter

Verden. Der Wildnispädagoge Manuel Wild sollte eigentlich die Stadtwaldfarm betreuen. Doch auch wenn es bisher keine Farm gibt, bringt Wild sich ein: mit Tipi-Camp, Jungengruppe und Schülerveranstaltungen.
13.08.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Maren Brandstätter

Verden. Anfang des Jahres ist Manuel Wild für die geplante Stadtwaldfarm eingestellt worden. Die lässt bekanntlich auf sich warten – für den Wildnispädagogen gibt es beim Bürgerservice Niklas in der ehemaligen Stadtgärtnerei dennoch genügend Einsatzmöglichkeiten.

Gerade ist ein mehrtägiges Tipi-Camp zu Ende gegangen, eine bereits ausgebuchte Ferienaktion steht vor der Tür, einmal pro Woche bietet Wild eine offene Jungengruppe an und die Freie Schule kommt im 14-tägigen Rhythmus mit Schülern in den Stadtwald, um gemeinsam mit dem Wildnispädagogen praxisnahen Unterricht anzubieten.

Seinen unkonventionellen Beruf hat der 35-Jährige vor fünf Jahren an einer Wildnis-Schule in Hannover erlernt. Hier werde Wissensvermittlung nach dem Vorbild der Jäger und Sammler gelehrt. "Die mussten damals lernen, um zu überleben", sagt er. Wild vermeidet Antworten. Stattdessen stellt er Gegenfragen, um die Neugier der Kinder zu wecken. Er setzt auf Sinneserfahrungen und Entschleunigung, motiviert die Kinder, genau hinzusehen und zu -hören – "dann finden sie das meiste alleine heraus".

Ein Naturkund erster Stunde

Wild selbst ist ein Naturkind der ersten Stunde. "Mich hat es immer schon nach draußen gezogen", erzählt er. "Meine Großmutter in Süddeutschland hat mich als Kind oft mit in den Wald genommen, mit mir Pilze gesammelt und mir viel über das Leben im Wald beigebracht." Durch den Umzug der Familie nach Hannover sei ihm die Naturverbundenheit vorübergehend verlorengegangen. Wild machte eine Ausbildung zum Kaufmann bei der Bahn. "Das war aber auf lange Sicht keine Perspektive für mich", erinnert er sich. Um sich Klarheit zu verschafften, reiste er zwei Jahre lang durch Südeuropa – mit dem Fahrrad. Die Begegnung mit einem Wahl-Australier aus Österreich wurde folgenreich. "Der war in einem Jahr von Australien mit dem Rad nach Österreich gefahren", erzählt Wild. "Da habe ich beschlossen, diese Reise in umgekehrter Richtung anzutreten." Darauf vorbereiten wollte er sich in einer Wildnis-Schule in Österreich. Aus der Vorbereitung wurde eine einjährige Hospitation, Wild hatte seine Berufung gefunden.

Es folgten weitere drei Jahre an der Wildnis-Schule in Hannover. Hier lernte Wild Theorie und vor allem Praxis. Einen Monat lang lebte seine Seminar-Gruppe in der Wildnis Polens, um sich der Überlebenskunst auf praktischem Wege zu nähern. "Das Wichtigste sind eine Hütte, Wasser, Feuer und Essen – in der Reihenfolge", erzählt Wild. Bereits ohne den gewohnten Kaffee mit Zucker ticke der Körper ganz anders. "Das allein war schon eine irre Erfahrung." Zudem müsse man sich in so einer Extremsituation zwischenmenschlich ganz neu einstellen. "Man steht vor der Frage, wie man mit den anderen umgehen muss, damit das da draußen gemeinsam klappt". Die Anerkennung des Wildnispädagogen als Ausbildungsberuf stehe in Deutschland noch aus, "aber das ist nur eine Frage der Zeit", ist sich Wild sicher. In Österreich sei dieser Schritt bereits getan.

Viele Wildnispädagogen arbeiten freiberuflich

Vor seiner Anstellung in Verden war Wild Freiberufler, "so wie die meisten Wildnispädagogen". Die feste Anlaufstelle bei Niklas berge nun ganz neue Chancen hinsichtlich der Nachhaltigkeit. "Wenn ich über einen längeren Zeitraum mit Kindern arbeiten kann, prägt das ihr Lernverhalten viel stärker, als wenn man nur ein zeitlich begrenztes Projekt anbietet."

Zeit bräuchten zum Beispiel Beobachtungen, wenn es um den natürlichen Kreislauf der Natur gehe. Seit einigen Tagen liege im Außengelände von Niklas ein verendeter Vogel – natürliches Anschauungsmaterial, um zu beobachten, wie sich ein toter Körper nach und nach verändert. "Die Kinder gehen immer mal wieder gucken, was sich da in der Zwischenzeit getan hat", erklärt Wild.

Gemeinsam mit ihnen begibt sich Wild regelmäßig auf Fährtensuche. Im Wald lassen sich laut Wild zahlreiche Spuren finden, "man muss nur genau hinsehen". Eine Mulde im Waldboden deute zum Beispiel auf eine Schlafstätte hin. "Bei genaurer Betrachtung und mit etwas Glück findet man auch noch ein Fellbüschel", erzählt der Wildnispädagoge. Der Rest sei dann meist ein Kinderspiel. Im Verdener Stadtwald entpuppten sich diese Mulden oft als "Rehbetten".

Rehe waren es auch, die das Fell lieferten, das vor der selbstgebauten Weidenhütte auf dem künftigen Stadtwaldfarm-Gelände aufgespannt ist. Ein Jäger hat es Wild als Anschauungsmaterial zur Verfügung gestellt. Ist die Stadtwaldfarm erst einmal da, sollen auch lebende Tiere Einzug halten. "Nutztiere", wünschen sich Wild und Niklas-Leiterin Anja Rust. Dafür brauche es allerdings auch ein Stallgebäude – man werde sehen.

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