Verdenerin Gwenda Schobert berichtet von ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr im Süden Indiens Zu Gast in einem unbeschreiblichen Land

Im März dieses Jahres startete Gwenda Schobert in eine unbekannte Welt: Die 21-Jährige setzte sich in ein Flugzeug, um ein Jahr lang einen Freiwilligendienst in Südindien zu leisten. Organisiert vom Verein AFS Interkulturelle Begegnungen, wird er aus Spenden eines von Schobert aufgebauten Förderkreises und dem 'weltwärts'-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert. Die Verdenerin, die ihr Abitur am Gymnasium am Wall machte und bereits ein Austauschjahr in Venezuela verbrachte, schildert die ersten Monate ihres Aufenthalts.
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Im März dieses Jahres startete Gwenda Schobert in eine unbekannte Welt: Die 21-Jährige setzte sich in ein Flugzeug, um ein Jahr lang einen Freiwilligendienst in Südindien zu leisten. Organisiert vom Verein AFS Interkulturelle Begegnungen, wird er aus Spenden eines von Schobert aufgebauten Förderkreises und dem 'weltwärts'-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert. Die Verdenerin, die ihr Abitur am Gymnasium am Wall machte und bereits ein Austauschjahr in Venezuela verbrachte, schildert die ersten Monate ihres Aufenthalts.

Von Gwenda Schobert

Die erste Zeit war nicht ganz einfach. Ich habe mich nicht sofort an jede indische Gegebenheit gewöhnen können. Verstand nicht jede Tradition. Und auch jetzt: Manches ist mir noch immer ein Rätsel. Ich öffne mich einer neuen Welt. Indien, ein Land, so groß wie Westeuropa, so bunt und anders, dass ihm keine Beschreibung gerecht wird. Denn alles, was du darüber sagst oder schreibst, trifft nur für einen Teil von Indien zu.

8000 Kilometer entfernt von Deutschland treffe ich in meinem Projekt in Bangalore auf zwei Studentinnen aus Köln und Bochum. Die eine studiert Banking & Finance, die andere Management & Economics. Ihre Semesterferien verbringen sie im Entwicklungsland Indien, um 'den Armen zu helfen'.

Wir arbeiten und leben zusammen. Immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich innerlich über sie lächle. Zum Beispiel, wenn sie im Bus aufkreischen, weil eine Kakerlake über die Fensterscheibe krabbelt. Wie die meisten Inder, die müde und genervt von der nicht enden wollenden Rush Hour auf dem Heimweg sind, möchte ich am liebsten den Kopf über dieses 'europäische Verhalten' schütteln. Aber ich bin weiß und damit gehöre ich automatisch zu 'denen, die rumkreischen' - wenn ich es auch nicht tue.

Oder wenn sich die Beiden bei einer Preisverleihung im Rathaus von Bangalore über die nach deutschen Maßstäben schlechte Organisation aufregen. Dann würde ich ihnen am liebsten sagen, wie intolerant, respektlos und unsensibel sie mit der indischen Kultur und den dortigen Gegebenheiten umgehen. Doch dann trifft mich ein Gedanke. Ein Leitspruch meiner Austauschorganisation lautet 'Die Welt mit anderen Augen sehen'. Was heißt das für mich? Auf die Flutkatastrophe in Pakistan schaue ich aus Sicht einer modernen, indischen Studentin, die in einer der vielen westlich geprägten Einkaufszentren Spenden für obdachlos gewordene Familien sammelt. Doch auf die Kakerlake im Bus schaue ich mit meinen eigenen Augen. Anstatt mich in die Lage der beiden neu in Indien angekommenen Studentinnen zu versetzen und ihren Ekel vor der Kakerlake ernstzunehmen, empfinde ich ihr Verhalten als lächerlich.

'Die Welt mit anderen Augen sehen' heißt nicht nur, sich in die Lage von Menschen aus einer anderen Kultur zu versetzen. Es reicht nicht, exotische Länder zu bereisen und über fremde Kulturen und Religionen zu lesen. Vielmehr bedeutet es, die Welt des Anderen generell wahrnehmen und verstehen zu können. Und so will ich von nun an mit noch offeneren Augen durch die Welt gehen - ob in Verden, Bangalore oder sonstwo.

Neues Verständnis

Die meisten Projekte, in denen deutsche FSJ-ler arbeiten, brauchen keine Westler, die ihnen erklären, wie die Welt funktioniert. Gute Ratschläge sind überflüssiges Gepäck auf der Reise zu sich selbst. 'Entwicklungspolitik' setzt vor allem bei uns selbst an. Durch das Erleben einer anderen Kultur, das Zusammentreffen unterschiedlicher Wertvorstellungen und den damit im besten Fall verbundenen Gefühls- und Gedankenaustausch entwickeln vor allem wir Freiwilligen ein neues Verständnis unserer eigenen Kultur, sehen die lokalen und globalen Ausmaße unseren Handelns oder auch Nicht-Handelns.

Plötzlich bekommt der Satz 'Etwa 1,4 Milliarden Menschen - über 20 Prozent der Weltbevölkerung - leben von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag' ein Gesicht. Zum Beispiel das meiner Freundin Pooja (19) aus Mangalore, die mit ihrem dreijährigen Sohn und dem auf Baustellen arbeitenden Mann in einer Blechhütte lebt. Bei meinem ersten Projekt bin ich täglich an ihrem Zuhause vorbeigelaufen, wo sie fröhlich über dem offenen Feuer kochte, ihre wenigen englischen Vokabeln an mir ausprobierte und sich freute, wenn ich mich in Kannada, ihrer Muttersprache, versuchte.

Vor einigen Wochen habe ich dann wegen fehlender Arbeitsaufgaben, persönlicher Unstimmigkeiten mit meiner Chefin und auf Grund des für mich nicht zu ertragenden indischen Bildungssystems (in dem Kinder geschlagen werden) mein Projekt gewechselt. Nach fünf Monaten verließ ich die Lions Special School für körperlich und geistig behinderte Kinder in Mangalore.

Mein neues Arbeitsprojekt ist ein Women's Welfare Center in Bangalore, in dem Frauen durch verschiedene Trainings neue Fähigkeiten erlernen. Das reicht von Kosmetikkursen, Handarbeit, Nähunterricht bis hin zu Mikrofinanzierungsprojekten.

Unterschiedlichste Frauen besuchen das Zentrum: Studentinnen, die in ihrer Freizeit ein paar Schönheitsgeheimnisse lernen wollen, Frauen aus den Armenviertel, die lernen wollen, wie sie Stoffblumen für den Verkauf herstellen, und Frauen, die nicht nur Ehefrau sein wollen. Und seit ich vor ein paar Wochen mit einem Englischkurs angefangen habe, kommen auch ein paar Mädchen aus der Nachbarschaft, die arbeiten statt zur Schule zu gehen.

Es sind Mädchen wie Pooja, die viel zu früh verheiratet wurden. Mädchen, deren Familien kein Geld für Bildung haben, und die unglaublich fröhlich und noch viel neugieriger sind. Sie wollen wissen, wie die Welt ist, aus der ich komme. Fragen mich, was für Kleidung wir im Westen tragen und sind erstaunt, wenn ich erkläre, dass ich an keinen Gott glaube. In der indischen Gesellschaft, die großen Wert auf Familie und Religion legt, ist das für die meisten Menschen undenkbar.

Trotz meines Unglaubens hatte ich wohl einen Schutzengel, als ich mich eines Nachts mit drei europäischen Freundinnen auf dem Nachhauseweg befand und überfallen wurde. Drei Männer auf einem Motorrad wollten meine Tasche stehlen, ich hielt sie fest und fiel dabei auf die Straße; meine Tasche hatte ich gerettet, allerdings auch eine Platzwunde am Kopf, die im Krankenhaus genäht werden musste.

Der mich behandelnde Arzt freute sich über seine erste ausländische Patientin und war überrascht, dass ich ihm in der Regionalsprache erklären konnte, was passiert war. Statt mir einen Termin für die nächste Behandlung zu geben, fragte er nach meiner Handynummer und meiner Existenz in einem virtuellen social media. Nun bin ich also mit meinem indischen Arzt im Internet 'befreundet' - auch das ist Globalisierung.

Health Camp geplant

Die neue Bekanntschaft nutzen wir gleich, um ein Health Camp in einem nahe gelegenen Armenviertel zu organisieren. Wir planen eine kostenlose Impfung für die Kinder und einen Gesundheitscheck für alle Bewohner. So hat auch meine erste negative Erfahrung in Indien einen positiven Ausgang. Die Narbe am Kopf wird mich nicht an den Überfall erinnern, sondern an all die netten Menschen, die mir danach geholfen haben, und an das hoffentlich erfolgreiche Health Camp.

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