Projekt mit positiver Bilanz für den Landkreis Verden / Erfolgsquote von 62,5 Prozent

Zweite Chance für Schulverweigerer

Bei einer Fachtagung im Kreishaus Verden informierten sich rund 80 Lehrer und Sozialpädagogen über das Thema Schulverweigerung. Das vom Bund geförderte Projekt "Die 2. Chance", das noch bis Ende des Jahres andauert, verbucht im Landkreis Erfolge.
18.05.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Zweite Chance für Schulverweigerer
Von Anna Zacharias
Zweite Chance für Schulverweigerer

Einfach nicht zur Schule gehen: Dass Kinder und Jugendliche schwänzen, hat vielschichtige Gründe.

Dpa

Bei einer Fachtagung im Kreishaus Verden informierten sich rund 80 Lehrer und Sozialpädagogen über das Thema Schulverweigerung. Das vom Bund geförderte Projekt "Die 2. Chance", das noch bis Ende des Jahres andauert, verbucht im Landkreis Erfolge.

Landkreis Verden. So richtig Lust auf Schule – welcher Jugendliche hat das schon, wenn morgens um halb sieben der Wecker klingelt? Wenn sich die Unlust dann noch mit einer absoluten Null-Bock-Phase und privaten Problemen paart, wird eben mal geschwänzt. Und ist im Unterricht erstmal der Anschluss verloren, wird der Kampf umso größer.

"Keine Lust auf Schule?"lautete der Titel einer Fachtagung, bei der sich am Donnerstag rund 80 Lehrer, Sozialpädagogen und Sozialarbeiter im Kreishaus Verden in Workshops und Vorträgen über das Thema Schulverweigerung austauschten.

149 Schulverweigerer, so die offizielle Zahl, hat es im Schuljahr 2011/12 im Landkreis Verden gegeben – und das ist eine geringe Quote. "Die Dunkelziffer ist natürlich höher, denn uns wird nicht jeder Fall gemeldet", sagte Daniela Deckers von der Koordinierungsstelle Schulverweigerung beim Landkreis. 2011 machten 1633 junge Menschen im Kreis einen Abschluss an einer weiterführenden Schule, 67 scheiterten.

Auch wenn die Zahl von insgesamt 149 Schulverweigerern noch hoch erscheinen mag, für die Koordinierungsstelle ist sie ein Erfolg. Die Zahlen des Vorjahres lagen für den Landkreis Verden bei 154 Schulverweigerern und für das Schuljahr 2009/10 noch bei 177.

Hilfe für Eltern und Lehrer

Lehrer und Eltern, die nicht mehr wissen, wie sie die Kinder in die Schule kriegen sollen, können sich bei Daniela Decker melden. "Wir statten dann zum Beispiel auch Hausbesuche ab und versuchen, herauszufinden, was das Problem ist", sagte sie. Dabei gebe es natürlich keine Patentlösung. Manche Schüler seien depressiv, andere einfach in eine "Schwänzerclique" eingebunden. Möglich gemacht wird die Betreuung der Schüler durch das Förderprogramm "Schulverweigerung – Die 2. Chance", die Bestandteil der Initiative "Jugend stärken" des Bundes ist. Die erste Förderphase begann 2008, die zweite Förderphase läuft noch bis Ende des Jahres. Die offizielle Erfolgsquote bei der Beratung im Landkreis Verden liegt bei 62,5 Prozent. Gemessen wird diese Quote daran, dass die Schüler nach der Beratung durch die Mitarbeiter der Koordinierungsstelle keinen Bußgeldbescheid über die Ordnungsämter wegen Schulschwänzens mehr bekommen haben.

Malte Mienert ist Psychologe und leitet das Bremer Institut für Gesundheitsförderung und Pädagogische Psychologie. "Wenn Jugendliche Schule schwänzen, gibt es dafür vielfältige Motive und immer individuelle Gründe. Die Schüler sind zum Beispiel über- oder unterfordert oder haben private Probleme", sagte er.

In seinem Vortrag über das Jugendalter und seine Merkwürdigkeiten stellte er in Richtung der zuhörenden Lehrer und Sozialpädagogen aus dem Landkreis provozierend fest: "Sie sind das Problem". Die heutigen Erwachsenen seien selbst viel zu jugendlich, als dass die jungen Leute sich von ihnen abgrenzen könnten. "Die Erwachsenen wollen heute jugendlicher sein als die Jugendlichen selbst, das hat es früher nicht gegeben", erklärte er. Auch kritisierte er die negative Sicht vieler Erwachsenen auf die Jugendlichen und machte deutlich, dass es unter den jungen Leuten ebenso viel Sinn und Unsinn gibt wie auch unter Erwachsenen. Er plädierte dafür, sich mit den Schülern auf Augenhöhe zu unterhalten.

"Wenn man so will, ist Schulverweigerung ein positives Zeichen. Man kann das auch als Beziehungsangebot verstehen – denn darauf kann man reagieren. Schlimm sind die Fälle, in denen sich Jugendliche ganz zurückziehen und still und angepasst vor sich hinleben", sagte er. Bei der Reaktion auf die Schulverweigerung seien Eltern und Lehrer oftmals aber überfordert, sagte Martin Blömer von der Koordinierungsstelle. "Die Lehrer haben 25 Schüler zu betreuen und können sich nicht intensiv mit jedem Einzelnen befassen", sagte er. Deswegen seien sie und auch die Eltern dazu aufgerufen, sich jederzeit bei der Koordinierungsstelle zu melden.

Das vom Bund geförderte Projekt "Die 2. Chance" dauert noch bis zum Ende des Jahres. Wie es dann weitergeht, und ob sie weiter gegen Schulverweigerer im Einsatz sein werden, wissen Deckers und Blömer noch nicht – ein Antrag für ein Nachfolgeprogramm soll aber gestellt werden.

An Stellwänden im Kreishaus waren auch Stimmen von Schülern zu lesen. Ein 14-Jähriger aus der neunten Klasse einer Schule aus dem Kreis Verden, der zuvor die Schule geschwänzt hatte, sagte: Herr Blömer und Frau Deckers haben mich unterstützt. Mir wurde in Mathe geholfen, und ich habe mich dadurch in der Schule verbessert."

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