Atommüll in der Wesermarsch

Der Castor kommt

Behälter mit Atommüll werden in Nordenham erwartet und durch die Wesermarsch transportiert. Es mehren sich die Hinweise, dass der Transport über Nordenham Ende des Monats erfolgt.
17.10.2020, 05:00
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Von Georg Jauken
Der Castor kommt

Castorbehälter lagern im Forschungszentrum Jülich. Behälter des gleichen Formats werden in wenigen Tagen von Sellafield aus nach Deutschland gebracht.

Andreas Endermann /dpa

Im britischen Sellafield warten sechs Castorbehälter mit hochradioaktivem Atommüll auf den Abtransport nach Deutschland. Ein erster Überführungstermin im Frühjahr wurde abgesagt. Jetzt mehren sich die Hinweise, dass der Transport über Nordenham Ende des Monats nachgeholt wird. Was wir wissen – und was nicht.

Warum werden radioaktive Abfälle aus dem Ausland nach Deutschland geholt?

Bis 2005 wurden fast drei Jahrzehnte lang verbrauchte Brennelemente aus dem Betrieb deutscher Kernkraftwerke zur Wiederaufarbeitung ins Ausland gebracht, insgesamt etwa 6670 Tonnen. Bei der Wiederaufbereitung in La Hague/Frankreich und Sellafield/England wurde das nicht verbrauchte spaltbare Material von den übrigen Komponenten der abgebrannten Brennelemente getrennt, um es wieder zur Energiegewinnung zu nutzen. Zurück blieben große Mengen radioaktiver Abfälle, die die Verursacher, also die Kraftwerksbetreiber EnBW, Preussen Elektra, RWE und Vattenfall nun zurücknehmen müssen. Darüber hinaus bestehen völkerrechtlich verbindliche Vereinbarungen zwischen den beteiligten Staaten, die die Rücknahme sicherstellen.

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Wohin werden die radioaktiven Abfälle gebracht?

2015 wurde auf Basis eines Konzepts des Bundesumweltministeriums im breiten politischen Konsens festgelegt, die maximal 20 Behälter mit hochradioaktiven Abfällen aus Sellafield auf die Zwischenlager Biblis (Hessen), Isar (Bayern) und Brokdorf (Schleswig-Holstein) aufzuteilen. Für fünf Behälter mit mittelradioaktiven Abfällen aus Frankreich ist das Standortzwischenlager Philippsburg (Baden-Württemberg) vorgesehen.

Sind die radioaktiven Abfälle sicher verpackt?

Bei der Wiederaufbereitung werden die radioaktiven Abfälle zu einem stabilen Glasprodukt verschmolzen und in Edelstahlbehälter, sogenannte Kokillen, eingeschlossen. Den Transport übernimmt die Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) zusammen mit weiteren Unternehmen. Dafür und für die Zwischenlagerung werden jeweils 28 Kokillen in einem rund 120 Tonnen schweren Sicherheitsbehälter vom Typ Castor HAW28M geladen.

Wie erfolgt der Transport?

Der Seetransport erfolgt vom englischen Hafen Barrow-in-Furness aus mit der 2010 in Dienst gestellten „Pacific Grebe“ der britischen PNTL-Flotte, wie die GNS mitteilt. So wie zwei nahezu baugleiche Schiffe der Flotte verfüge es über die höchste Sicherheitsklasse für den Seetransport hochradioaktiver Stoffe (INF3). Nach der Ankunft in der Deutschland werden die Castorbehälter mit der radioaktiven Fracht auf spezielle Eisenbahnwaggons umgeladen, um bis in unmittelbarer Nähe des Zwischenlagergebäudes auf dem Gelände des 2011 stillgelegten Kernkraftwerks Biblis in der Nähe von Darmstadt transportiert zu werden.

Warum erfolgt der Transport gerade jetzt?

Die sechs Castoren aus Sellafield sollten ursprünglich im Frühjahr nach Biblis geholt werden. Kurz vor dem geplanten Termin Ende März/Anfang April erfolgte die Absage, weil der mit dem Transport verbundene Polizeieinsatz mit Blick auf die Corona-Ausbreitung nicht verantwortbar sei, wie es hieß. Laut Medienberichten sollte die Bundespolizei die Zugstrecke mit einem Großaufgebot von 6000 Beamten abschirmen. Inzwischen sind die Vorbereitungen für den Transport wieder angelaufen. Die neue Genehmigung wurde laut GNS am 25. September erteilt. Der genaue Termin und die Transportroute unterliegen aus Sicherheitsgründen der Geheimhaltung.

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Was hat das mit der Wesermarsch zu tun?

Die im Bündnis „Castor-stoppen“ organisierten Anti-AKW- und Klimagruppen sowie der örtliche Arbeitskreis Wesermarsch rechnen damit, dass die radioaktive Fracht im Privathafen von Rhenus Midgard in Nordenham verladen wird, so wie bereits eine Schiffsladung plutoniumhaltiger Kernbrennstäbe für das Kraftwerk Grohnde im September 2012. Andere infrage kommenden Häfen wie Bremen und Hamburg lehnen die Abwicklung von Atomtransporten ab.

Wie geht es von Nordenham aus weiter?

Die Transportgenehmigung gilt für die Beförderung auf dem Seeweg und auf der Schiene. Wegen des hohen Gewichts der beladenen Castorbehälter gehen die Atomkraftgegner davon aus, dass der Weitertransport von Nordenham über Hude, Bremen, Hannover, Göttingen, Fulda und Frankfurt erfolgt und nicht etwa über Nebenstrecken.

Wann ist mit dem Transport zu rechnen?

Das Bündnis „Castor-stoppen“ geht davon aus, dass der Frachter am 26. Oktober in England ablegt und der Schienentransport nach Biblis im Zeitraum vom 1. bis 4. November erfolgt. Eine Quelle für diese Information wird nicht genannt. Die Angaben passen allerdings zu einer Bekanntmachung der Deutschen Flugsicherung vom 24. September, mit der in der Zeit vom 30. Oktober bis 5. November ein Flugverbot über Nordenham, die Bahnstrecke von dort bis Hude sowie über Biblis ausgesprochen wurde. Die genaue Ankunft der Schiffsladung aus Sellafield wollen die europaweit vernetzten Atomkraftgegner durch Beobachtung des Hafens sowie der GPS-Daten des Schiffs vorhersagen.

Derzeit steigen die Infektionszahlen wieder stark an. Ist der Transport sicher?

Um den geplanten Rückführungstransport unter den Bedingungen von Covid-19 durchführen zu können, hätten laut GNS alle beteiligten Unternehmen und Institutionen umfassende Vorsorgekonzepte und Hygieneregeln für alle Phasen des Transports erarbeitet. Die Umgang mit den radioaktiven Abfällen werde dadurch nicht beeinträchtigt.

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Wer greift ein, wenn trotz aller Vorkehrungen doch was passiert?

Der Landkreis Wesermarsch als zuständige Katastrophenschutzbehörde im Kreisgebiet wird bei der Durchführung von Atomtransporten nicht eingebunden und nicht über die tatsächlichen Transporttermine unterrichtet, wie aus der Antwort auf eine Bürgeranfrage vom September hervor geht. Der Transport werde auf der gesamten Fahrstrecke durch die Bundespolizei begleitet und gesichert. Zusätzliche Maßnahmen zur Gefahrenabwehr plant der Landkreis nicht.

Was sagt die Anti-AKW-Bewegung zu dem Atommülltransport?

Die Atomkraftgegner lehnen Castor-Transporte in Zwischenlager ab, denn jeder Transport berge ein zusätzliches Risiko. Da es bislang kein sinnvolles Konzept für eine Langzeitlagerung gebe, drohten die Castor-Zwischenlager überdies zu unsicheren Langzeitlagern zu werden, so die Befürchtung. Im Zentrum der Kritik steht die ihrer Meinung nach mangelnde Eignung der Zwischenlager wie in Biblis. Den Atommüll dorthin zu fahren, wo eine Langzeitlagerung und Reparatur nicht möglich ist, halten die Gegner für verantwortungslos. Als weiteres Zeichen der Verantwortungslosigkeit der zuständigen Behörden wertet das Bündnis das Vorhaben, den Transport während der immer kritischer werdenden Pandemielage durchzuführen.

Was plant die Anti-Akw-Bewegung?

Der Arbeitskreis Wesermarsch will die Ankunft des Atommüll-Transports mit einer Kundgebung mit Kulturprogramm auf dem Bahnhofsvorplatz in Nordenham sowie einer Mahnwache begleiten. Das Bündnis verspricht einen bunten und vielfältigen Protest der Anti-Atom- und Klimabewegung mit Aktionen in Oldenburg, Bremen, Hannover, Göttingen und Biblis.

Wie geht es nach dem Castor-Transport weiter?

Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung geht von insgesamt drei Lieferungen aus der englischen und einer weiteren aus der französischen Anlage bis 2024 aus. Weil bei der Fertigung der vorgesehenen Behälter zuletzt Abweichungen aufgetreten sind, stehen den Angaben nach derzeit aber nur die sechs Castorbehälter für Biblis zur Verfügung. Noch keinen geeigneten Behälter gibt es laut BASE für die Rücknahme der mittelradioaktiven Abfälle, die in Frankreich warten und in Ahaus gelagert werden sollen.

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