Anthologie zu Berner Bücherwochen erschienen

Mensch sein, Herz haben, sich empören

Texte von 93 Autoren haben es in die Druckausgabe geschafft. Wenn am 11. September die achten Berner Bücherwochen beginnen, liegt ein neues, 596 Seiten starkes Buch mit zahlreichen belletristischen Genres vor.
10.09.2021, 18:00
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Von Marina Köglin
Mensch sein, Herz haben, sich empören

Ist überwältigt von zahlreichen Einsendungen: Reinhard Rakow. Texte von 93 Autorinnen und Autoren sind schließlich in die Anthologie aufgenommen worden.

Christian Kosak

Die Gemeinde Berne veranstaltet vom 11. September bis zum 11. Dezember die achten Berner Bücherwochen als "Fest der Kultur rund ums Wort" mit Lesungen, Vorträgen, Konzerten, weiteren Veranstaltungen – und neu entstandenen Büchern. Dazu gehört traditionell die Bücherwochen-Anthologie. 2021 trägt sie den Titel „Herz haben, Mensch sein, sich empören".

Der Titel verweist auf zentrale Begriffe in einem Aufsatz von Erich Mühsam (1878-1934), aus dessen Gedicht „Wem kann ich klagen, der mit mir fühlt?“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im April bei der zentralen Gedenkveranstaltung für die Verstorbenen der Corona-Pandemie zitierte. Mühsam war Menschenfreund, Schriftsteller, Dichter, Herausgeber, Redakteur, Kabarettist, Bohemien und Anarchist. Sperrig, in keine Schublade passend. In der Nacht zum 10. Juli 1934 wurde Erich Mühsam von den Nazis im Konzentrationslager Oranienburg ermordet. In seinem Text „Appell an den Geist“ richtete er sich an die Künstler: „Tut nicht, als wäret ihr Besondere! Seid Menschen! Habt Herz!“

650 Autoren aus der ganzen Welt

Mensch sein, Herz haben, sich empören – ein Thema, das wohl in der Luft liegt. Ein Thema, das den Nerv traf in Zeiten wie diesen, nicht nur wegen Corona. Die Ausschreibung zur Anthologie fand ein überwältigendes Echo, teilt Organisator Reinhard Rakow mit. Hunderte von Textbeiträgen aus der ganzen Welt sind bei ihm in Berne sowie bei Alfred Büngen vom Geest-Verlag in Vechta eingegangen. 650 Frauen und Männer aus dem gesamten Bundesgebiet sowie aus Bulgarien, Japan, Österreich, Schweiz, Türkei, Ungarn und den USA sandten Texte ein.

„Als Mitglied der Jury freue ich mich immer wieder über die große Zahl der Einreichungen und über den Ideenreichtum und das Engagement der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Es ist eine große Herausforderung für die Jury, vor allem aber für Herausgeber und Verlag, aus der Flut der Texte ein Buch zu formen und sich dafür zwischen vielen tollen Texten entscheiden zu müssen“, schreibt Hartmut Schierenstedt, der Bürgermeister der Gemeinde Berne, im Vorwort.

Mix belletristischer Genres

Die Texte von 93 Autorinnen und Autoren sind in die Anthologie aufgenommen worden. Das 596 Seiten starke Buch bietet eine abwechslungsreiche Mischung von Texten verschiedenster belletristischer Genres: Fiktionales, Erzählungen, Briefe, Tagebucheinträge, Sachtexte und Essays. „Beim Verfassen des Ausschreibungstextes stand die Befürchtung im Raum, das Thema Erich Mühsam könnte allzu abschreckend wirken. Nun liegt das fertige Buch vor, und es atmet Mühsams Geist von der ersten bis zur letzten Seite“, so Herausgeber Reinhard Rakow.

Die Sorgen erwiesen sich als unbegründet: Vielen Begleitschreiben war zu entnehmen, dass die Autorinnen und Autoren sich zum ersten Mal mit Mühsam befasst haben und die Begegnung als Offenbarung empfanden, weiß Rakow aus Korrespondenzen mit den Autoren. Zehn Beiträge in der Anthologie befassen sich direkt oder indirekt mit Erich Mühsam, zum Beispiel Jonathan Böttchers Beitrag „Dieser Text entstand aus Wut“ oder „What‘s up Mister Mühsam“ von Kathrin Reimer

Von Eiertänzen und Rotwein

Auch all die Texte, sagt Rakow, die Mühsam kein einziges Mal ausdrücklich erwähnen, seien ihm doch auf ihre eigene Weise nahe und fügten sich wunderbar in den Kontext ein – mögen sie von Adorno und Haargummis, von Pflegerobotern in der Gerontologie, von Scherben, einem schicksalhaften Autounfall oder von der Vision einer heileren Welt handeln. Natürlich werde auch Corona thematisiert, unter anderem in „Irmas letzter Tanz“ von Irene Ullrich-Leimbach, in „Kein Mensch, nirgends“, von Ines Schepker aus Berne oder in Frederik Durczoks Text „Ganz leise“, in dem es heißt „Ich war von den komplizierten Eiertänzen um Dinge, die sonst ganz intuitiv geschehen, und der Regelung der wichtigsten sozialen Nicht-Kontakte überfordert.“ Cornelia Koepsell macht sich wiederum Gedanken über „Die Solidarität der Wale“. In ihrem Text heißt es: „Sie sind den Menschen überlegen und wissen, was sich gehört.“

Vor ernstem Thema aber überaus humorvoll lässt Monika Kühn in ihrer Geschichte „Voller Einsatz für Rotwein“ drei Geister spuken. Diese sollen eigentlich umzugsunwillige Senioren aus ihrer Wohnung gruseln; da sich die Senioren aber einfach nicht gruseln und noch dazu sehr freundlich sind, wechseln die Gespenster flugs den „Auftraggeber“. Aber auch Dinge können bewegen – und zu einer Geschichte inspirieren. Natalia Breininger hat mit „Das Fahrrad tut es nicht“ fast schon eine Art Liebeserklärung an ihr Fahrrad geschrieben und in Tina Cakaras „Lass ein Fenster offen“ spricht ein Tagebuch zu „seinem“ Menschen und „Der Kartoffeltopf“ hat Christine Kitzinger einige Nerven gekostet. „Fortsetzung folgt“, heißt es am Ende der Geschichte.

Info

„Mensch sein, Herz haben, sich empören“, die Anthologie zu den achten Berner Bücherwochen, (Herausgeber Reinhard Rakow, ISBN 978-3-86685-861-9) ist im Geest-Verlag erschienen, hat 596 Seiten und kostet 16 Euro.

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